Von Dmitrij Vydrin, Schriftsteller
Was ist der Grund für diese Sorge? Wozu wird sie führen? Wer wird davon seinen Vorteil ziehen? Es ist schwierig diese Fragen zu beantworten.
Selbst in dem winzigen und zauberhaften Montenegro, wo alle einander kennen, sich neuerdings aber nicht auf eine Verständigungssprache einigen können. Die Situation dort kann man nur verstehen, wenn man die statt findenden Prozesse vom Weiten betrachtet und vom bestimmten Blickwinkel aus. Meine Intuition sagt mir, dass dies der Blickwinkel der Korruption ist.
Die Korruption ist eben kein brutaler Begleitprozess der Wirtschaft. Die Wirtschaft ist heute eher ein Begleitprozess der Korruption, ebenso, wie die Politik und sogar die Geopolitik. Wenn wir also die im Moment dominierende Korruption klassifizieren können, werden wir die Wirtschaft, Politik und die geopolitischen Sympathien der regierenden Elite gleich mitbestimmen können.
Einer von den spitzfindigen Experten (ich glaube, ich bin es gewesen) hat eine erschöpfende Definition dafür gefunden: „Korruption - ist das, woran man dich nicht teil haben lässt“. Hat man nämlich selbst auch nur den geringsten Einfluß auf diesen ergreifenden Prozess, wechseln die Emotionen recht schnell von negativen zu positiven. Was vorher destruktiv erschien, erscheint plötzlich konstruktiv, wird also zum vielseitig anwendbaren politischen und geopolitischen Instrument. Wenn ich also höre, dass jemand die Korruption bekämpft, dann frage ich immer: „Welche und wessen?“
Es gibt auch einige zeitgemäße Typen der Korruption. Allerdings ist ihre kanonische Typologie noch nicht fest gelegt, daher können wir mit den Begriffen der Vorzeit operieren. Für mich und meine Leser bestimme ich zwei Haupttypen: die Industrial-Highway-Korruption und die Kapillar-
Monetare-Korruption.
Was unterscheidet sie prinzipiell von einander? Die erste Art entsteht stets um große industrielle Objekte, vor allem deren Baustellen. Denn, wie die geheimnisvolle Corioliskraft verbindet sie Pipelines und andere Energieleitungen, vor allem die Energiehighways.
Als ich einmal zum Abgeordneten gewählt wurde, war ich erstaunt über den unproportional hohen Anteil an Bauarbeitern und Leuten aus der Energiebranche unter meinen Parlamentarierkollegen.
Dann habe ich es verstanden: die ersteren kennen das große Geheimnis des Industriebaus - wenn du die unfertige Toilette nicht rechtfertigen kannst, dann fang sofort damit an eine Fabrik drum herum zu bauen. Eine große nicht fertig gestellte Baustelle verdeckt immer die Probleme der kleineren.
Die anderen haben verstanden, dass das Sitzen auf einer breiten Pipeline unbequem, aber dafür gewinnträchtig ist.
Es gibt auch eine Korruption einer anderen Art. Beziehungsweise einer anderen geopolitischen Art. Sie basiert auf der bekannten Formel, die besagt, dass das Geld - das Blut der Wirtschaft sei. Wenn es allerdings das „Blut“ ist, dann kann jedes Kapillar durch das es fließt, angezapft, angepumpt oder umgeleitet werden. Am besten wäre natürlich gleich eine Vene, eine Arterie, aber zu Not tut es auch ein Kapillar. Ist zwar recht umständlich, aber dafür zuverlässig und macht einen demokratischen Eindruck.
Und nun - Achtung - es kommt das Wichtigste! Den ersten Korruptionstypus nenne ich „russisch“, den zweiten „westlich“. Und diese beiden Art formen zwei unterschiedliche Arten von Eliten - die pro-russische und die pro-westliche.
Wenn wir also dabei sind den geopolitischen Entwicklungsvektor auf dem besagten Balkan zu bestimmen, dann müssen wir den Korruptions-Basistyp der einheimischen Elite bestimmen. Was war der Ausgangspunkt für den Konflikt Russlands mit der westlichen Welt? Die Divergenz ihrer Korruptionstypen. Das zog demgemäß auch die Divergenz der Eliten nach sich und entsprechend auch des gesamten Konvergenz-Projekts.
Dabei war noch in den Neunzigern alles tutti. Die Russische und die sich ihr angeschlossene GUS-Elite lebten glücklich in dem gemeinsamen westlichen Korruptionsmodell, zapften gemeinsam die unendlichen Geldflüsse und -flüsschen an, die sich vom Westen aus in den Osten ergossen. Alle waren zufrieden: Kredite, Zuschüsse, Investitionen - alles ganz unauffällig in der Stille der Büroräume aufgeteilt, begleitet vom leisen Kristallklang der erhobenen Gläser.
Ich kann mich an keinen Fall erinnern, bei dem die großartigen Freunde aus dem Westen, die gerade die gute Nachricht einer neuen Tranche überbracht haben, die postsowjetischen Büros mit den gleichen Uhren, Manschettenknöpfen, Ohrringen oder Broschen verließen, mit denen sie auch gekommen waren.
Das war genau die Zeit in der unsere Primadonna, Alla Pugacheva, das unsterbliche Lied über entweder die IWF-Chefin oder die Frau Staatssekretärin geschrieben hat. Wörtlich übersetzt heisst es „Madame Brosche“.
Aber nicht nur singen ließ es sich damals gut. Das Trinken war auch nicht zu verachten. Ein bekannter Hotelier hat mir begeistert flüsternd erzählt: „Diese Jungs aus Europa - sie sind pures Gold wert! Eine einzige Delegation kann sich, unter der Bedingung, dass die Gastgeberseite zahlt, allein aus den Minibars für 80-90 grüne Mäher (Jargon: Grüner Mäher - ein tausend Dollar. Anm. der. Red.) besaufen.“ Allerdings hieß es damals „Russische Gastfreundschaft“ und hatte keinesfalls etwas mit Korruption zu tun.
Also, kehren wir endlich auf den Balkan zurück. Ich gehe davon aus, dass die meisten Probleme in diesen Ländern daher rühren, dass die regierende Elite, ebenso, wie das für einzelne Volksvertreter schwärmende Volk, sich nicht für eine für sie authentische Art der Korruption entscheiden können.
Die einen bevorzugen eindeutig die russische Art - Baustellen, Pipelines, AKWs. Die anderen neigen eher zu der westlichen Bankenstille, pastoralen Fensterbildchen.
Eine schwere Wahl. Aber „Der Große Bruder“ ist den Eliten bei der Auswahl behilflich. Er ist ja auch nicht nur der wichtigste „Weltpolizist“, sondern auch der wichtigste Anti-Korruptions-Inspektor. Und er hat auch schon längst einen Korruptionskoeffizienten eingeführt - wer darf, wie viel, für was nehmen und was kann ihn dafür erwarten. Das sieht dann folgendermaßen aus: für die „falsche“ Korruptionspolitik (im geopolitischen Sinn), wird die Fütterungssumme für die Regierenden schlicht zusammen gestrichen und die Regierungszeit radikal gekürzt.
Das kleine Montenegro ist dahingehend ein Idealmodell. Als ihr fast unsterblich anmutender Führer Milo Đukanović ein Befürworter des russischen Korruptionsmodells gewesen ist, riss ihn die westliche Presse buchstäblich in Stücke. Seine kommunistische Vergangenheit wurde wieder hervor gekramt, seine Freundschaft mit dem Diktator Milosevic, der Krieg mit Kroatien und selbst sein Vater - ein bekannter Marxist. Er wurde Milo-Rasiermesser genannt, in Anlehnung an den brechtschen Mackie Messer. Selbst seine Größe wurde ihm zum Vorwurf gemacht - seine fast zwei Meter seien viel zu groß für das kleine Land und würden besser zu einem Raider passen, als zu einem Politiker. Es wurde über millionenhafte Plünderungen aus der Staatskasse berichtet und über Manipulationen bei den Parlaments- und Präsidentenwahlen.
Und nun hat Milo es sich anders überlegt und er möchte keine Fabriken, Pipelines und AKWs mehr mit Serbien und Russland bauen. Er hofft bescheiden auf westliche Kreditoren. Das ändert alles! Dann ist es kein Problem mehr sein Land über zwanzig Jahre fast ohne Wechsel zu regieren - das wird sogar als besonders demokratisch bewertet. Verdacht auf milliardenschwere Manipulationen? - Das ist ein Zeichen der hohen wirtschaftlichen Kompetenz. Vor etwa fünf Jahren wurde der Montenegriner Đukanović mit dem Ukrainer Janukowitsch verglichen - wegen der Körpermasse, der Sportbegeisterung (einer bevorzugte Fußball, der andere Basketball), wegen der Kunstfertigkeit den Premier- gegen den Präsidentensessel zu tauschen und vor allem - wegen dem Talent Kontrolle über unzählige Finanzstrukturen zu übernehmen.
Allerdings ist Milo mitnichten ein Janukowitsch vom Balkan. Er ist um einiges schlauer. Janukowitsch hatte keine Ahnung von dem Welt-Korruptions-Koeffizienten. Er wollte etwas bauen, entwickeln und sich nebenbei davon bedienen. Dafür hat er die Quittung bekommen: Eine abrupt beendete Legislaturperiode, anstatt von wenigstens zweien, die „Empörung der Weltöffentlichkeit“ schon nach den ersten 100 Millionen, die er auf seinen Sohn überschrieben hat, statt der gemütlichen Bankenstille selbst angesichts geklauter Milliarden.
Milo wusste über all das Bescheid. Deswegen, wenn das montenegrinische Volk rebelliert und fragt, warum schon seit 20 Jahren die selben Politiker an der Macht sind, dann bleibt es im Westen still. Das Volk fragt, warum die heimische Industrie bankrott ist, woher die hohe Arbeitslosigkeit kommt. Und die ganze westliche Welt weiß, dass es ihnen nicht um die Industrie oder die Beschäftigung geht, sondern um internationale Kredite und auch um Militärstützpunkte, um deren Rückzahlung zu garantieren. Das Volk regt sich auf, warum die Machthaber sie bestehlen und allen ist klar, dass es sich nicht um Diebstahl, sondern um Management handelt…
Kurzum, die geopolitischen Perspektiven sind in Montenegro momentan düster. Wie in der gesamten Welt, übrigens. Aber das Licht der westlichen Korruption wärmt uns, als Symbol für ein System in dem man klauen kann - ohne gebaut zu haben, in dem man reich werden kann - ohne entwickelt zu haben oder gearbeitet.
Dieses Zauberlicht lockte ja auch bereits Unmengen Flüchtlinge aus dem Süden an. Daher mache ich mir keine allzu großen Sorgen um das großartige, fröhliche und gastfreundliche montenegrinische Volk. Wenn sie es mit Milo nicht packen, dann machen sie sich einfach auf den Weg in das gastfreundliche Deutschland. Das wird auch lustig!
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