Gauck und Rivlin warnen vor wachsendem Antisemitismus in der Welt

Berlin (dpa) - Die Präsidenten Deutschlands und Israels, Joachim
Gauck und Reuven Rivlin, haben vor einem wachsenden Antisemitismus
gewarnt. «Es gibt weltweit eine Zunahme anti-israelischer und
anti-jüdischer Parolen», sagte Rivlin in einem Interview mit der
«Bild»-Zeitung und der israelischen Zeitung «Yedioth Ahronoth»
(Dienstag). «In der gesamten freien Welt - und vor allem Europa
angesichts seiner gar nicht so fernen Vergangenheit - sollten die
Alarmglocken ertönen.»

Gauck sagte in dem Interview, die antisemitischen Ressentiments und
antijüdischen Aggressionen in Teilen Europas bereiteten ihm sehr
große Sorge. «Auch in Deutschland haben wir bei Demonstrationen im
letzten Jahr einen teils als Kritik an Israel verbrämten, teils
offenen Antisemitismus erlebt», räumte Gauck ein.

Rivlin hält sich aus Anlass der Aufnahme diplomatischer Beziehungen
zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren zu einem dreitägigen
Staatsbesuch in Deutschland auf. Am Abend findet aus diesem Anlass in
der Berliner Philharmonie ein Festakt statt. Rivlin wird sich zuvor
mit Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank-Walter Steinmeier
treffen.

Rivlin hob die verlässliche Partnerschaft Israels mit Deutschland
hervor und würdigte den Weg Deutschlands nach der Nazi-Diktatur.
«Deutschland ist heute ein Leuchtturm der Demokratie in der Welt.»

Gauck appellierte an die Bürger, Antisemitismus offen entgegen zu
treten. Auch er würdigte die beiderseitigen Beziehungen, die «enger
denn je» seien. Der Bundespräsident sagte, er wünsche den Menschen in
Israel, «dass ihr Land künftig sicher und in Frieden mit seinen
Nachbarn leben kann. Dazu gehört für mich auch, einen friedlichen Weg
für das Zusammenleben mit den Palästinensern zu finden. Grundlage
dafür ist eine Zwei-Staaten-Lösung, davon bin ich überzeugt.»

In diesem Punkt sind sich beide Seiten uneins: Rivlin lehnt zusammen
mit der neuen rechts-religiösen Regierung in Tel Aviv unter
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu einen eigenen Palästinenserstaat
ab.

Israels früherer Botschafter in Deutschland, Avi Primor, forderte die
Deutschen zu einer kritischeren Haltung gegenüber seinem Land auf.
«Zu einer dauerhaften Freundschaft gehört, dass man offen, ehrlich
und kritisch miteinander umgeht, doch das fehlt bislang in unserem
Dialog», sagte er der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Dienstag). Die
Deutschen seien wegen des Holocausts noch immer gehemmt gegenüber
Israel und äußerten Kritik deshalb nur verhalten, besonders mit Blick
auf die Politik in den besetzten Gebieten und gegenüber den
Palästinensern.

Der Zeitung «Neues Deutschland» sagte Primor, er habe seinerzeit die
Aufnahme diplomatischer Beziehungen abgelehnt. «Ich war der Ansicht,
dass man einen ewigen Bann gegen Deutschland verhängen sollte.»