München (dpa) - Massig schieben sich immer größere Limousinen über
Deutschlands Straßen. Die dicken Geländewagen strahlen Prestige aus
und geben das Gefühl von Sicherheit. Vor gut einem halben Jahrhundert
in den 1950ern waren hingegen Klein- und Kleinstwagen der Renner: Die
Isetta von BMW, die Kabinenroller der Flugzeugbauer Messerschmitt und
Ernst Heinkel - und das Goggomobil der Hans Glas GmbH im bayerischen
Dingolfing, später von BMW gekauft. Das Verkehrszentrum des Deutschen
Museums widmet dem Mini-Auto zum 60. Geburtstag eine Ausstellung.
Winzig und oft pastell lackiert sieht es kindlich-niedlich aus. Die
Farben waren neben zeitlosem Rot auch Mintgrün, Hellblau, Saharabeige
(heute: cremefarben) und Maquillage (Französisch: Schminken). Das ist
eine Art helles Braun, das völlig von den Straßen verschwunden ist.
20 Modelle und damit fast die gesamte Fahrzeugpalette, größtenteils
von Liebhabern des Glas Clubs International, versetzen in die Zeit
zurück. Auch ein gelbes Postauto ist dabei. Sein Besitzer fahre noch
heute damit bis nach Spanien, sagt der Club-Vorsitzende Uwe Gusen.
Keine Klimaanlage. Kleine Reifen. Wenig Beinfreiheit. Das Fahrgefühl:
eine Mischung aus Go-Kart und Trabi, schon wegen des Zweitaktmotors.
Wer vor dem Goggo T 250 steht, rätselt, wie eine vierköpfige Familie
darin Platz fand. Von der schmalen Rückbank bleiben kaum 15
Zentimeter zum Vordersitz. Waren die Menschen wirklich kleiner - oder
nur bescheidener? «Damals war das Publikum eben noch weniger
platzverwöhnt», sagt Museumsleiterin Bettina Gundler. Das Goggo stehe
für den Wandel Deutschlands zur Mobilität und Konsumgesellschaft.
Endlich ein eigenes Auto - das wollten die Deutschen schon in der
Weimarer Republik. Aber zuerst kamen Roller und Motorräder. «In den
späten 1930er Jahren fuhr die Hälfte aller Motorräder, die weltweit
unterwegs waren, in Deutschland», sagt Museums-Kurator Frank
Steinbeck. «Ein Grund war sicher die großzügige Gesetzgebung in den
1920er Jahren.» Motorräder bis zu einem Hubraum von 200
Kubikzentimetern waren steuerfrei, ohne Führerschein zu fahren und um
die 80 Stundenkilometer schnell.
Die NS-Propaganda griff die Sehnsüchte des Volkes nach dem Auto auf.
Bei der Automobilausstellung 1934 verlangte Adolf Hitler von den
Herstellern einen «Volkswagen»: «Es muss möglich sein, dem deutschen
Volk einen Kraftwagen zu schenken, der im Preis nicht mehr kostet als
früher ein mittleres Motorrad, und dessen Brennstoffverbrauch mäßig
ist.» Ende der 1930er Jahre entstand in Wolfsburg das Volkswagenwerk.
Der Krieg hemmte die Produktion. Danach legten Wirtschaft und
Autobauer ordentlich zu.
Als das Goggo 1955 auf den Markt kam, traf das drei Meter lange
Gefährt mit 14 PS, 250 Kubikzentimetern Hubraum und einem Preis unter
3000 Mark die Bedürfnisse der Menschen. Es durfte mit
Kleinkraftrad-Führerschein gefahren werden. «Das war der Ersatz für
das Motorrad», sagt Gusen. Das Goggo habe gegenüber Isetta und
Kabinenroller auch am ehesten ausgesehen wie ein richtiges Auto. Es
wurde mit 250 000 Exemplaren der meistverkaufte Wagen seiner Klasse.
VW Käfer, Fiat Cinquecento, Ente und Renault 4 lagen eine Klasse
höher. Auch Glas baute besser ausgestattete Autos. Ein Coupé ist in
der Ausstellung zu sehen und ein Glas 1304 TS mit 85 PS. «Das war der
Golf GTI der 1960er Jahre», sagt Gusen. Oder die Luxusvariante Glas
2600 V8 mit 150 PS, acht Zylindern und bis Tempo 195 schnell.
Die Käuferschaft spaltete sich in jene, die sich solche Karossen
leisten konnten. Und kleine Leute mit Kleinwagen. «Es gab einige, die
verdienten gutes Geld, aber viele, die wenig Geld hatten», sagt der
Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. «Im Laufe der Zeit hatten die
Menschen mehr Geld und die Autos sind gewachsen.» Aus den USA kamen
nach den Straßenkreuzern die großen Geländewagen, «Sport Utility
Vehicle» - kurz SUV. Ihr Anteil stieg seit 1995 von 2 auf fast 20
Prozent.
Neu entdeckt wurden mit Smart und Mini auch Kleinstwagen. Autobauer
brauchten sie nicht zuletzt wegen der CO2-Vorgaben, sagt Dudenhöffer.
Der Marktanteil sei überschaubar, aber das Image habe sich gewandelt.
«Klein war früher hässlich und arm.» Inzwischen könne es exklusiv
sein. «Heute kann sich der Reiche am Golfplatz mit Kleinwagen sehen
lassen. Früher musste er ums Eck parken.» Das Scheitern mancher
Modelle habe aber auch gezeigt: «Billig allein funktioniert nicht.»
Das Goggomobil freilich bleibt sogar als Oldtimer günstig. Kosten
andere Fahrzeuge dieser Klasse 20 000 bis 25 000 Euro, so muss der
Goggo-Liebhaber laut Gusen 10 000 Euro hinblättern.
