Dr. Werner Platz, Psychiater im Gespräch mit World Economy
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WE: In ihrem Praxisalltag haben Sie viel mit Patienten zu tun, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.
<link http: www.weplatz.de>Dr. Platz: Wir haben eine ganze Reihe - und zwar zunehmend - Patienten, die als Flüchtlinge gekommen sind. Aus der Ukraine, aus arabischen Ländern, besonders aus Syrien, aber auch neuerdings aus Afghanistan, denn in den vergangenen Jahren war das nicht der Fall. 
WE: Mit welchen Problemen kommen diese Menschen zu Ihnen? Und wie können Sie ihnen angesichts der kaum vorhandenen Deutschkenntnisse helfen?
Dr. Platz: Das ist genau der Punkt, der in den meisten Praxen Schwierigkeiten bereitet. Wir haben ein Team von Kollegen, die verschiedene Fremdsprachen beherrschen - Ärzte und Psychologen. Sie sprechen vor allem Russisch, aber auch Arabisch und Persisch. Im Vordergrund steht häufig eine posttraumatische Belastungsstörung und eine Anpassungsstörung. Das heißt, der Wechsel von einem Kulturkreis in den anderen und die Neuorientierung bereiten große Schwierigkeiten.
WE: Können Sie durch psychologische und medizinische Hilfe die Menschen wieder ins Leben zurück holen?
Dr. Platz: Ja. Wir geben ihnen Gelegenheit ihre Probleme anzusprechen und zwar in ihrer Muttersprache. Sie haben dann meistens erstmals überhaupt die Chance darüber zu reden, was sie sich vorher nicht getraut haben. Und akute Störungen können auch medikamentös behandelt werden. Wenn die Menschen große Angst haben oder Schlafstörungen, dann können wir zusätzlich Medikamente geben, was sie dann entlastet.
WE: Können Sie einschätzen, ob die Zahl der hilfebedürftigen Menschen seit dem letzten Jahr gleich geblieben oder angestiegen ist?
Dr. Platz: Seit etwa der Mitte vorherigen Jahres hat es sich doch deutlich erhöht bei uns. Das hängt auch damit zusammen, dass Informationen weitergeben werden, wo die Betroffenen sich hin wenden können. Wahrscheinlich war es auch schon am Anfang des Vorjahres so, dass Betroffene auf der Suche nach Hilfe waren, aber noch nicht wussten wohin. Durch verbesserte Informationen gibt es dann die Chance, dass Angebote verstärkt wahr genommen werden.
WE: Hatten Sie auch mal mit Patienten zu tun, die ihre Hilfsbedürftigkeit „simuliert“ haben? Die also nur vorgaben eine psychologische Betreuung zu brauchen? Möglicherweise gefährliche Personen, die sich unter die Hilfesuchenden Flüchtlinge gemischt haben?
Dr. Platz: Das ist natürlich auch unser Augenmerk, darauf zu achten und wenigstens zu versuchen diese Möglichkeit im Hinterkopf zu behalten. Aber, die bis jetzt zu uns kamen, die kamen häufig zusammen mit Familienangehörigen - mit den Kindern oder der Ehefrau - bei denen stand die psychopathologische Symptomatik so stark im Vordergrund, dass sich dieser Gedanke erstmal nicht festigte.
WE: Haben Sie in Ihrer Praxis auch „Terrorverdächtige“ untersuchen müssen?
Dr. Platz: Ich habe im Gerichtsauftrag beim Kammergericht einen so genannten „Hassprediger“ begutachtet. Das Gutachten ist auch veröffentlicht worden. Da ist es so, dass sich da jemand über das Internet sehr bekannt gemacht hat, wo es auch in Richtung Anschläge ging. Aber das war eine forensische Begutachtung, bei der nicht behandelt wurde.
WE: Können Sie auf diesen Fall etwas näher eingehen?
Dr. Platz: Da ging es um einen Menschen aus Dagestan, der sehr intelligent war, Sprachen lernte und der sich dann doch radikalisiert und über das Internet seine Meinung und seine Auslegung des Korans verbreitet hat. Er hatte sich jedoch im Verfahren von seinen Vorstellungen sehr distanziert, er war einfach in diese Schiene geraten, die er dann im Verfahren für sich selbst gar nicht mehr nachvollziehen konnte.
WE: Können sie als Psychiater bestätigen, dass solche Menschen, die mit einer solchen Einstellung „infiziert“ sind - mit einer radikalen islamistischen Ideologie - wieder in ein normales Leben zurück finden können?
Dr. Platz: Das ist natürlich das Hauptziel, dass man Menschen, die hier Halt suchen und dann fälschlicher Weise in radikale Kreise geraten, versucht gar nicht dorthin gelangen zu lassen. Das bedeutet, dass die soziale Integration sehr wichtig ist, dass sie vor allen Dingen Zugang zur Sprache finden. Und, dass ihnen dann mit diesem Zugang auch die Möglichkeit eröffnet wird eine Tätigkeit zu haben. Denn oftmals wird es als sehr belastend empfunden, wenn sie hier sind und nichts zu tun haben. Wenn sie dann Kontakte haben zu ihren Landsleuten oder Leuten, die ihre Sprache verstehen, dann wenden sie sich fälschlicher Weise den Ideologien zu. Darum ist die soziale Integration, wie ich glaube, sehr wichtig - außerhalb der psychiatrischen Probleme.
WE: Wir haben gerade ca. eine Million Flüchtlinge in Deutschland. Wir reden immer nur aus politischer oder wirtschaftlicher Sicht über sie. Wie ist Ihre Meinung aus psychologischer Sicht, wie gefährlich - oder ungefährlich - ist diese große Masse von Menschen, die nach Deutschland gekommen ist?
Dr. Platz: Das ist natürlich eine Frage, die mit den Sicherheitsbestimmungen in der Bundesrepublik zusammenhängt. Und hier sind es juristisch-politische Aspekte, dass man prüft, ob die Pässe stimmen, denn es wurde ja über eine Menge Menschen berichtet, die mit falschen Pässen gekommen sind. Und auch, dass man Kontrollen beim Grenzübergang durchführt. Zum Schutz und auch der Förderung von denjenigen, die hier tatsächlich Hilfe suchen. Das sind also weniger psychiatrische, sondern eher rechtlich-politische Fragen.
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