Wie abhängig ist Europas Verteidigung von den USA?
Von Niklas Kharidis
Europas militärische Souveränität wird meist an Panzern, Kampfflugzeugen und Raketen gemessen. Die tiefere Abhängigkeit liegt jedoch in Clouds, Satellitendaten, Führungssoftware, Verschlüsselung, Kommunikation und Wartungsverträgen. Emmanuel Macron brachte die politische Dimension 2024 auf eine drastische Formel: „Europa kann sterben.“ Er verband Krieg und Frieden ausdrücklich mit Europas Fähigkeit, beim digitalen Wandel, künstlicher Intelligenz, Forschung und Produktion selbstständig zu handeln. (elysee.fr)
Nach einer Untersuchung des Future of Technology Institute beruhen sicherheitsrelevante Systeme in 23 der 28 untersuchten europäischen Staaten auf US-Technologie. Berücksichtigt wurden die 27 EU-Mitglieder und Großbritannien. Die Abhängigkeit entsteht auch über europäische Anbieter, deren Produkte amerikanische Cloud-Infrastruktur benötigen. (Future Institute)
Kann Washington Europas Armeen abschalten?
Realistisch ist eine selektive Beeinträchtigung. Betroffen sein könnten Cloud-Zugänge, Softwarelizenzen, Sicherheitsupdates, Zertifikate, technische Unterstützung oder Satellitendaten. Ein System verliert bereits an Wert, wenn Informationen verspätet eintreffen oder neue Komponenten nicht mehr eingebunden werden können. Der Einsatz von Cloud-Technologien bietet militärische Vorteile, erzeugt jedoch zugleich neue Abhängigkeiten, die bereits bei der Beschaffung berücksichtigt werden müssen. (Rusi) Bundeskanzler Friedrich Merz benannte diese Lage im Februar 2026 offen:
„Niemand hat uns in die übermäßige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten gezwungen. Diese Unmündigkeit war selbst verschuldet.“ (bundesregierung.de)
Was zeigen die Konflikte im Nahen Osten?
Die iranischen Angriffe haben eine zweite Schwachstelle sichtbar gemacht. Luft- und Raketenabwehr ist kein undurchdringlicher Schild, sondern ein Netzwerk aus Radaren, Sensoren, Führungsstellen, Startgeräten und begrenzten Munitionsbeständen. Angriffswellen aus Raketen, Drohnen und Täuschkörpern können auch moderne Systeme unter Druck setzen. Wird ein Radar oder eine Kommunikationsverbindung getroffen, sinkt die Leistung des gesamten Verbundes. Hinzu kommt die ökonomische Asymmetrie. Ein relativ preisgünstiges Angriffsmittel kann den Einsatz einer sehr teuren Abfangrakete erzwingen. Reuters berichtete Anfang August 2026, seit Beginn des Krieges gegen Iran seien schätzungsweise rund 65 Prozent der amerikanischen Patriot-Abfangraketen eingesetzt worden. Der THAAD-Bestand liege mindestens 38 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Das Pentagon reagierte mit Verträgen zur Ausweitung der Produktion. (Reuters) Auch eine erfolgreiche Abwehr verliert an Wirkung, wenn Raketen schneller verbraucht als produziert werden. Für die Abwehr ballistischer Raketen gibt es zudem keinen einfachen und schnell verfügbaren Ersatz für Patriot, THAAD und vergleichbare Systeme. (CSIS)
Erstens besteht ein politisches Risiko. Amerikanische Unternehmen unterliegen amerikanischem Recht und Entscheidungen in Washington.
Zweitens besteht ein technisches Risiko. Proprietäre Software, geschlossene Schnittstellen und fehlender Zugang zu Quellcodes können einen dauerhaften Herstellerzwang erzeugen.
Drittens entsteht ein operatives Risiko. Aufklärung, Zielerfassung, Kommunikation und Waffenwirkung können so eng verbunden sein, dass der Ausfall eines digitalen Gliedes die gesamte Kette schwächt.
Viertens bleibt das industrielle Risiko. Europa kann viele Raketen, Sensoren und Bauteile nicht in der Geschwindigkeit herstellen, die ein längerer Krieg verlangen würde.
Fünftens besteht ein Konzentrationsrisiko. Je mehr Staaten dieselben Anbieter, Satellitendienste und Protokolle nutzen, desto größer wird der Schaden einer gemeinsamen Störung oder politischen Blockade.
Welche Risiken werden überzeichnet?
Überzogen ist die Behauptung, jede Nutzung amerikanischer Technologie bedeute automatisch den Verlust militärischer Kontrolle. Ebenso wenig ist ein Rechenzentrum auf europäischem Boden schon deshalb souverän. Entscheidend ist, wer Software, Schlüssel, Updates, Wartung und Datenzugang kontrolliert. Auch erfolgreiche iranische Treffer beweisen nicht die Wirkungslosigkeit von Patriot oder THAAD. Sie zeigen die Grenzen jeder Luftverteidigung bei massierten Angriffen, begrenzten Beständen und verwundbaren Sensoren. Unrealistisch wäre die Erwartung, Europa könne sich kurzfristig vollständig von amerikanischer Technologie lösen. Eigene Clouds, Satellitensysteme, Abfangraketen und Führungssoftware benötigen Zeit, Kapital, industrielle Kapazitäten und gemeinsame Standards.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen formulierte die Aufgabe so: „Ob bei Energie oder Rohstoffen, bei der Verteidigung oder beim Digitalen, Europa muss versuchen, unabhängig zu werden.“ Unabhängigkeit bedeutet nicht Autarkie oder das Ende der NATO, sondern Handlungsfähigkeit auch ohne einzelne ausländische Anbieter. (European Commission)
Die entscheidenden Fragen
Welche militärischen Funktionen können 30, 90 oder 180 Tage ohne amerikanische Cloud-, Satelliten- und Wartungsleistungen weiterarbeiten? Wer kontrolliert Verschlüsselungsschlüssel und Updates? Welche Systeme besitzen einen Offline-Modus? Gibt es alternative Datenquellen? Wie lange reichen die Abfangraketen? Können europäische Hersteller kritische Komponenten ohne amerikanische Vorprodukte ersetzen? Mit EU GOVSATCOM verfügt die Europäische Union seit Januar 2026 über einen operativen Dienst für sichere staatliche Satellitenkommunikation. IRIS² soll diese Infrastruktur ausbauen. Das ersetzt das amerikanische Technologie- und Sicherheitsnetz noch nicht. (Defence Industry and Space) Europas größtes Risiko liegt nicht darin, US-Technologie zu nutzen. Es liegt darin, für zentrale militärische Funktionen keine belastbare Alternative zu besitzen. Strategische Autonomie beginnt nicht erst beim Panzer oder Kampfflugzeug. Sie beginnt im Rechenzentrum, im Satellitenlink, am Radarmast und bei der Frage, wer im Ernstfall den Zugang kontrolliert.
Quellen
Future of Technology Institute: Cloud Defence - An Exposed European Flank. (Future Institute)
Royal United Services Institute: European Cloud Adoption for National Security. (Rusi)
Emmanuel Macron: Europa-Rede an der Sorbonne, 24. April 2024. (elysee.fr)
Bundesregierung: Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Münchner Sicherheitskonferenz, 13. Februar 2026. (bundesregierung.de)
Europäische Kommission: Rede von Ursula von der Leyen beim Berlin Global Dialogue, 24. Oktober 2025. (European Commission)
Reuters: US has used “virtually all” of its long-range precision missiles during Iran war, 4. August 2026. (Reuters)
Reuters: US signs deal to boost Patriot and THAAD missile parts production, 3. August 2026. (Reuters)
Center for Strategic and International Studies: Last Rounds? Status of Key Munitions at the Iran War Ceasefire. (CSIS)
Europäische Kommission: EU GOVSATCOM - Securing Europe, from Ground to Space. (Defence Industry and Space)
Bilder: depositphotos
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