Schon in meiner frühen Jugend hatte ich ihn gehört, hinter vorgehaltener Hand, auf HR3, in der ARD, später dann, als ich in Berlin studierte, auf RIAS. Verbotene Früchte, die ich kostete, denn für mich gaben die Aktuelle Kamera und Karl Eduard von Schnitzler vor, was ich zu denken und zu fühlen hatte.
Schriftstellerin Marita Vollborn
Der Satz, der eherne, für uns tabuisierte, ließ mich nie los. Als dann die Mauer fiel, stand für mich fest: Du wirst Journalistin. Zunächst machten mir Altkader und Alltag einen Strich durch die Rechnung. Im Berliner Bauernverlag, bei dem ich zunächst angenommen worden war, entließ mich der Chefredakteur, selbstverständlich ein gestandenes SED- Mitglied, wenige Tage vor meinem geplanten Einstieg mit den Worten: „Sie, als junge Frau, kriegen sowieso bald Kinder und dann müssen die anderen Kollegen Ihre Arbeit mitmachen.“ Dem folgten einige Jahre Gelegenheitsjobs und schließlich die Festeinstellung bei Unilever, doch der Satz im Grundgesetz hatte in mir eine Saite zum Klingen gebracht. Ich wollte, ich musste schreiben. So arbeitete ich an den Feierabenden und an den Wochenenden für den Lokalteil einer Regionalzeitung, bewarb mich schließlich für ein Ergänzungsstudium Journalistik und wurde angenommen. Eine neue Zeit brach an, davon war ich fest überzeugt.

Die Euphorie währte, bis mich die Realität einholte. Unser Studienjahr hatte die Aufgabe, eine Uni-Zeitung mit den verschiedensten Themen und Genres zu füllen; mir fiel ein Interview mit dem damaligen niedersächsischen Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) zu. Um jede Antwort lückenlos dokumentieren zu können, ließ ich ein Aufnahmegerät mitlaufen. Die O-Töne gab ich originalgetreu wieder. Trittins Büro hatte eine Autorisierung vereinbart, und so schickten wir das Interview kurz vor dem Druck ins Ministerium. Was dann folgte, erschütterte meinen Glauben an die Pressefreiheit ein erstes Mal. Dem Institut wurde mitgeteilt, dass sich „der Herr Minister“ maßlos aufgeregt habe über die unverschämte Wiedergabe – von mir wurde eine Entschuldigung verlangt. Ich konnte die Aufregung nicht verstehen, da ich die Tonbandaufnahme wörtlich mitgeschrieben hatte. Niemand akzeptierte meinen Vorschlag, zum Nachweis der korrekten Wiedergabe die Originalaufnahme mit dem Text zu vergleichen.
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Zähneknirschend stimmte ich den radikalen Änderungen und einem Entschuldigungsbrief an den Minister zu, denn ich fürchtete um meinen Abschluss, falls ich mich weigerte. Ungute Erinnerungen an erlebte Repressalien in der DDR kamen auf; ich konnte mir die Aufregung überhaupt nicht erklären, zumal es sich um ein unbedeutendes Blatt mit einer überschaubaren Leserschaft handelte und ich eine kleine Studentin war, die niemand kannte. Im Laufe meiner journalistischen Laufbahn ist mir dann klargeworden: Es war ums Prinzip gegangen. Jede noch so banal erscheinende Veröffentlichung muss dem Bild entsprechen, das vermittelt werden soll – koste es, was es wolle, und sei es die Freiheit von Wort und Bild. Der Einfluss auf die Medien ist die Grundlage des persönlichen Erfolgs und der wirtschaftliche, monetäre oder ideologische Erfolg jener, deren Interessen dem Volk gegenüber vertreten werden.
Inzwischen ist es weithin üblich, dass der Interviewte Korrektur liest – egal, ob es sich um Fachinterviews mit Wissenschaftlern, um solche mit Firmenvertretern, mit dem ortsansässigen Bürgermeister oder mit hochrangigen Politikern handelt und es geht längst nicht mehr nur um eine fachliche Richtigstellung, eine Überprüfung der Fakten also, sondern um die gewünschte Botschaft. Noch schaffen es Journalisten, wenigstens den größten Anteil ihrer Artikel zu veröffentlichen, ohne dass der im Text Genannte zuvor „drüber schaut“, wie es so schön verklärend heißt. Doch sind solche Eingriffe ins Pressrecht bei weitem nicht die einzigen und erst recht nicht die bedeutsamsten. Für die Meinungs- und Pressefreiheit hat sich die Medienlandschaft in den vergangenen Jahrzehnten extrem zu ihrem Nachteil verändert – und sie tut es noch. Sie gaukelt Vielfalt vor, wo keine ist, sie verspricht Informationsfreiheit, wo Oligarchen im Eigeninteresse nach Belieben agieren und Journalisten aus Karrieregründen oder aus Angst um ihren Arbeitsplatz Genehmes zu Papier bringen, und sie ermöglicht es, dass eine journalistische Elite zusammen mit den wirtschaftlichen und politischen Spitzen die Agenda eines ganzen Landes bestimmt.
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