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Ein unabhängiges Kurdistan als Lösung

Über Kurdistan, Deutschland, Russland und die USA, sowie über viele andere Fragen sprach im exklusiven Interview mit World Economy Dr. Sherkoh Abbas, der Präsident der Kurdistan National Assembly in Syrien.

WE: Was erwarten Kurden von Deutschland?

Dr. Sherkoh Abbas:

Wir Kurden schätzen Deutschland als sehr guten Handelspartner ein und auch als einen verlässlichen Partner im Kampf gegen den Extremismus. Und Deutschland kann genau das Gleiche von Kurdistan erwarten. Sie sehen bestimmt, dass die Kurden genauso bereit sind (vielleicht sogar auch mehr) gegen den Terrorismus zu kämpfen wie die Deutschen.

Kurdistan bietet auch eine Menge unerschlossener Ressourcen, Märkte und Industrien. Es ist ein guter Standort für Investitionen und um dynamische Unternehmen nach Außen zu erweitern.  Die Verwaltungsinstitutionen sind immer noch recht klein, so dass man günstige Bedingungen für die Unternehmertätigkeit haben könnte. Wenn diese Kriege erstmal vorbei sind (hoffentlich bald), werden sich noch weitere wirtschaftliche Möglichkeiten bieten.

WE: Sollte die internationale Gemeinschaft die Erschaffung eines Unabhängigen Kurdistan fördern?

Dr. Sherkoh Abbas:

Eindeutig - ja. Es gibt über 40 Millionen Kurden im Mittleren Osten (die in den USA und in Europa lebende Diaspora ist nicht mitgezählt). Wenn sie sich alle in einem Land wieder vereinen würden, hätten sie eine Bevölkerungszahl wie Saudi Arabien, Irak, Jordanien etc. Die kurdischen Regionen gehören zu den sehr wenigen Gebieten des Mittleren Ostens in denen Menschen aller Völker, Religionen und Kulturen in Frieden zusammen leben können. Das einzige, worauf sich alle ausländischen Mächte (die USA, Russland, Deutschland, Europa etc.) einigen können, ist, dass die Kurden von sich aus „normale“ Leute sind und ehrlich für die Stabilität im Mittleren Osten kämpfen. Die Formierung des Staates Kurdistan könnte zwar von vielen als schmerzhaft empfunden werden, aber die Vorteile des Unabhängigen Kurdistan für den ganzen Mittleren Osten überwiegen.

Eine extra Frage - ob die Hilfe für Kurden ausreichend ist? Wir begrüßen natürlich die Hilfe von Russland, auch von Deutschland, an die Kurden, aber wir glauben auch, sie könnten mehr tun. Wir brauchen finanzielle Unterstützung, Waffen, Ausbildung und auch eine engere Koordinierung mit uns. Die Kurden stellen sich dem IS entgegen, der leider neuere US-Waffen zur Verfügung hat (ein Tribut der irakischen Armee). Das wird kein einfacher oder schneller Kampf, es kann Jahre dauern, bis wir alle Radikalen ausgerottet haben.

WE: Können Deutschland, Frankreich, Russland u.a., analog zum „Normandie-Quartett“ etwas unternehmen?

Dr. Sherkoh Abbas:

Sie können helfen eine autonome Region in Nordsyrien aufzubauen. Sie können Geld spenden, Ausrüstung, Ausbildungen und auch in die Region investieren.

Investitionen wären aus verschieden Gründen gut. Zum ersten, es hilft der Kurdischen Wirtschaft und sichert den Menschen ein Einkommen. Zum zweiten, die Bevölkerung bekommt das Gefühl, dass die Dinge sich wieder normalisieren. 

Und letztlich, wenn Kurdistan schlußendlich seine Unabhängigkeit erhält, dann werden die Investoren sich bereits auf dem Markt etabliert haben.

WE: Bleibt das Sykes-Picot-Abkommen  noch aktuell?

Dr. Sherkoh Abbas:

Es war ein für die Kurden aus mehreren Gründen furchtbares Abkommen. Zum einen wurden sie in vier verschiedene Länder verteilt (Türkei, Syrien, Iran und Irak). In allen diesen Ländern sahen sie sich Verfolgungen ausgesetzt, weil man dort eigentlich nichts mit den Kurden zu tun haben wollten, diese ihnen aber aufgedrängt wurden. Die Türkei ist für die Türken, der Iran für die Perser, der Irak für die Araber und Syrien ist auch für die Araber. Was gab es für die Kurden? Nichts.

Und zweitens, wurden an den Kurden (laut der Definition der UN: www.un.org/en/preventgenocide/adviser/pdf/framework%20of%20analysis%20for%20atrocity%20crimes_en.pdf) ethnische Säuberungen oder Genozide verübt. In Syrien, Irak und der Türkei zogen die Kurden in andere Landesteile. Der Anteil der arabischen oder türkischen Anwohner war unverhältnismäßig hoch, um die kurdische kulturelle und ethnische Identität zu zerstören. Im Irak wurden Kurden massenweise vergast. In allen diesen Ländern (jetzt ausgenommen den Irak) wurden willkürliche Verhaftungen und Hinrichtungen durchgeführt, nur weil die Leute Kurden waren. Diese Misshandlungen wurden ausgelöst, weil die Kurden durch das Sykes-Picot-Abkommen gezwungen waren in diesen Ländern zu leben. Jedes dieser Länder hat gewütet gegen Kurden - hingerichtet, gemordet, zwangsumgesiedelt oder unternahm weitere Versuche die kurdische Identität zu zerstören. Neben den Gefahren durch Ermordung und Verfolgung wurden die Kurden in diesen Ländern auch wirtschaftlich benachteiligt. Keine Regierung nahm sich die Zeit und die Mittel, um in die kurdischen Gebiete zu investieren, weil die Kurden als Bürger-Zweiter-Klasse angesehen werden. Es ist ein Segen und ein Fluch. Es ist ein Segen, weil es dadurch in Kurdistan noch so viel unerschlossene Ressourcen gibt, es ist aber auch furchtbar, weil die Industrielle Basis und auch Ressourcen fehlen, um die kurdischen Gebiete zu erschließen.

WE: Stellen wir uns vor, das Sykes-Picot-Abkommen wird aufgelöst. Wie ändert sich die Flüchtlingsproblematik, wird die gesamte Region stabiler? 

Dr. Sherkoh Abbas:

Lassen Sie mich einige Fragen stellen: Würde die Welt ohne die Flüchtlingskrise in Europa besser sein (wenn die Flüchtlinge eine sichere Zuflucht hätten, in die sie zurück kehren könnten)? Würde die Welt sicherer werden, wenn der IS und die Al-Nusra Front (die Al-Queda in Syrien) zerstört würden? Würde der Mittlere Osten besser werden mit einem stabilen, demokratischen Kurdischen Staat, der sich für Frieden und Toleranz einsetzt?

Braucht die Welt noch einen Handelspartner im Mittleren Osten, der in der Lage ist Öl zu exportieren (und bei dem man sich keine Sorgen darüber machen müsste, dass durch die Erlöse Terroristen unterstützt werden)?

Könnten andere Länder im Mittleren Osten den Frieden und die Stabilität eines freien Kurdistan als ein Model für andere Regionen übernehmen?

 

Viele schwierige Fragen, nicht? 

Ich glaube, die Antwort auf alle diese Fragen lautet „Ja!“. Durch die Unterstützung der Kurden gerät der IS in Isolation und kann am Ende womöglich zerstört werden. Sie werden nicht mehr in der Lage sein ihre türkischen Nachschub-Routen zu benutzen, wenn sie erstmal isoliert sind. Und, wenn sie erstmal zerstört sind, werden sichere Orte für Flüchtlinge geschaffen und man beginnt den Leuten ihr Hab und Gut, ihr Land zurück zu geben. Dann bieten sie Sicherheit für die Bevölkerung, so dass sie sich sicher genug fühlen, um in ihr eigenes Leben in ihrem eigenen Land zu investieren. Bereitstellung von Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen, Stabilität und die Möglichkeit für alle Menschen am politischen Prozeß teil zu haben, sind der beste Weg, um Radikalisierung zu verhindern. Wenn man damit beginnt den Leuten ihre Stimmen, Jobs und Hoffnungen weg zu nehmen, wenden sie sich den Radikalen zu. Es klingt unheimlich einfach und das ist es auch, aber einige Kräfte versuchen uns daran zu hindern dieses Ziel zu erreichen. Die Kurden wollen ihr Heimatland nicht verlassen, sie wollen auch nicht, dass ihr kommt und unsere Kämpfe für uns kämpft und sie wollen auch keine Probleme in Europa verursachen. Sie wollen einfach ein glückliches und erfülltes Leben und sie wollen es in Kurdistan.

Die Kurden halten durch, weil man uns immer beigebracht hat Hoffnung zu haben. Wir hoffen, dass wir unsere Familienmitglieder retten können. Wir hoffen, dass wir alle in der Lage sein werden in unsere Heimat zurück zu kehren. Wir hoffen, dass wir eines Tages unser eigenes Heimatland (unseren eigenen Staat) haben werden. Wir hoffen, unser uns gestohlenes Land zurück zu holen. Wir hoffen auf ein erfolgreiches und friedliches Zusammenleben mit unseren Nachbarn und wir hoffen, einen sicheren Hafen bieten zu können, für alle Menschen, die einen solchen suchen.

Bilder: @depositphotos, @kurdnas

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