Dr. Michael Rohschürmann, Politik-und Islamwissenschaftler
In meinem letzten Artikel endete ich damit, dass Terrorismus ein Mittel ist Grenzen zu ziehen, Fronten zu verhärten und den Austausch zu beenden, wenn die Opfer des Terrorismus dies zulassen. Wie sollen nun aber die Opfer mit etwas umgehen, dass der ehemalige C.I.A. Chef Leon Panetta im Oktober 2014, in Anlehnung an eine der großen europäischen Katastrophen, einen „Dreißigjährigen Krieg“ gegen den „Islamischen Staat“ nannte? Handelt es sich dabei um die nächste Stufe des „Krieges gegen den Terror“, den George W. Bush einmal als „Kreuzzug“ bezeichnete und damit die in der islamischen Welt allseits beliebten Verschwörungstheorien zum Klingen brachte?
Der deutsche Soziologe Ulrich Beck, stellt einer westlichen Kultur der „Risikoaversion und Verdrängung des Todes aus dem täglichen Leben“ eine religiös motivierte und durch Terrorismus perfektionierte „Risikototalisierung“ gegenüber. Unter dem Eindruck der Gegenwart muss die Frage gestellt werden, ob es sich dabei tatsächlich um kulturelle Fragen handelt. Tausende junge Menschen, Männer und Frauen, die im Westen aufgewachsen sind, schließen sich freiwillig einer Organisation an, welche die Verachtung für alle westlichen Werte, wie ihre schwarze Fahne vor sich her trägt. Eine verbreitete These behauptet, dass eine Integration in die westliche Wertegemeinschaft gar nicht stattgefunden habe, entweder wegen struktureller Benachteiligungen oder einer selbst gewählten Isolation von Menschen, die lieber in ihren eigenen Milieus blieben – je nach politischer Couleur.
Beides ist meines Erachtens falsch oder vielmehr nicht alleine richtig. Hier zeigt sich ein extrem modernes Phänomen der Multikulturalität, die eben nicht immer in einem friedlichen Neben- und Miteinander der Menschen bestehen muss. Gerade der Salafismus, gerne als „Steinzeit-Islam“ bezeichnet, spiegelt ja mitnichten die Realität der islamischen Gemeinde vor 1300 Jahren wieder, sondern ist ein Kind des Kulturkontaktes – mitunter auch des Kulturschocks – im Zeitalter der Kolonialisierungen. Die islamischen Länder, die den Europäern über Jahrhunderte hinweg in nahezu allen kulturellen Bereichen überlegen waren, fanden sich innerhalb von 200 Jahren in einer marginalisierten und machtlosen Position wieder und nahmen sich ein Beispiel an den Eroberern. Jahrhundertealte Traditionen der Auslegung und ständigen Anpassung des heiligen Textes wurden verworfen; die Schrift sollte nur durch die Schrift erklärt werden - Frau Prof. Neuwirth spricht hier von einer „Protestantisierung des Islam“. Ambiguitätstoleranz, das gleichzeitige Akzeptieren von gegensätzlichen Positionen, über Jahrhunderte hinweg ein Merkmal orientalischer Gesellschaften, wurde als unwissenschaftlich aufgegeben – die Welt wurde schwarz-weiß.
Gerade die Sogwirkung, welche das „Kalifat“ des IS entfaltet, speist sich aus diesen Quellen: Minderwertigkeitskomplexe treffen auf Ermächtigungsphantasien, mathematisches richtig-oder-falsch-Denken trifft auf metaphorische und mystische Texte, Religion trifft auf Popkultur. Der Islamische Staat sucht den Super-Dschihadisten und die Bewerber kommen in Scharen. Lange vor DSDS oder GNTM hat der große arabische Dichter Mahmud Darwisch dieses Phänomen vorweggenommen, als er das Beirut der 80er Jahre als „Posterfabrik“ beschrieb: „Gesichter an den Wänden - Märtyrer, die frisch aus dem Leben, frisch aus der Druckerpresse kommen, ein Tod, der eine Reproduktion seiner selbst ist.“
Ich habe mit der Aussage von Louis Panetta zum Dreißigjährigen Krieg begonnen und – die Kollegen der Historikerzunft mögen mir vergeben – sehe tatsächlich einige Parallelen; vor allem was weite Teile des Nahen Ostens angeht. Auch damals führten Glaubenseifer und Machtansprüche zu einem Schlachten das zwischen 20% und 45% - in den Hauptkampfgebieten bis zu 70% - der Bewohner Zentraleuropas das Leben kostete. In seinem Gedicht „Tränen des Vaterlandes“ von 1636 schreibt Gryphius: „Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret! Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun, das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun, hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.“
Bertold Brecht ist es zu verdanken, mit seiner „Mutter Courage“ deutlich gemacht zu haben, dass Verrohung, Zerstörung und Unmenschlichkeit nicht an Kultur- oder Zeitgrenzen gebunden sind.
Gleichzeitig erscheint beim Blick auf den Dreißigjährigen Krieg auch ein Hoffnungsschimmer: Als Folge dieses bis dahin unvorstellbaren Ausmaßes der Gewalt zog sich die Religion immer mehr aus der Politik in das Privatleben der Menschen zurück.
Möglicherweise sieht auch Christoph Reuter dieses Licht am Ende des Tunnels, wenn er sein jüngstes Buch mit dem Statement eines betroffenen Irakers enden lässt: „Vor uns liegt das dunkle Zeitalter des Islam. Und das ist gut so. Eine Rettung von außen wäre falsch. Wir müssen den Terror der Islamisten durchleben. Nur so werden die Menschen erkennen, das Glaube und Politik eine tödliche Mischung sind, die zu nichts anderem führt als einem Machtmissbrauch im Namen Gottes."
Was heißt das aber nun? Wie soll mit Terrorismus umgegangen werden?
Der Staat muss seine Bürger schützen... Doch wird er dies niemals hundertprozentig umsetzen können. Entsprechend resigniert äußerte sich auch der australische Premierminister Tony Abbot nach den ersten Anschlägen in seinem Land: „Alles, was man für einen Terroranschlag braucht, ist ein Messer, ein iPhone und ein Opfer!“ Terrorismus ist zum Lebensrisiko geworden.
Meiner Meinung nach kann man schlechterdings keinen Krieg gegen eine Taktik der Kommunikation führen, man kann lediglich die Kommunikation verweigern. Man kann versuchen sich nicht die Reaktionen aufnötigen zu lassen, die die Terroristen mit ihren Aktionen zu erreichen suchen. Es gilt diese Zeit auszuhalten und die eigenen Werte nicht zu verlieren. Das Verstehen der dahinterstehenden Mechanismen kann dabei helfen. Und hier liegt unter anderem die Verantwortung von Politik, Wissenschaft und Medien.
Autoreninformation:
Dr. Michael Rohschürmann ist Politik- und Islamwissenschaftler und seit 2011 in verschiedenen islamischen Krisenländern tätig. Zu seinem Schwerpunkten gehören islamische Geschichte und Ideengeschichte sowie Terrorismusforschung. Er ist unter: <link>michael@rohschuermann.de erreichbar.
