Foto: Friedrun Reinhold, Fotoraum Reinhold, Hamburg

Duell: Philipp Hermes vis-a-vis Thomas Krüger. Runde Zwei.

LOGBUCH:

Wie oft nehmt ihr euch diese Freiheit, einfach mal „Nein“ zu sagen?

Philipp Hermes:

Ich behaupte, für uns, als Jurist und Unternehmer, fällt die unternehmerische Entscheidung „Ja“ zu sagen schneller, als die menschliche „Nein“ zu sagen. Und dann erst mal für sich selbst zu überlegen „Mache ich mich jetzt zum Untertan des Kommerzes und sage ‚Ja‘ oder stelle das ‚Ja‘ in Frage und am Ende des Tages komme ich zu einem ‚Nein‘“. Das ist ein schwieriger Prozess für mich. Vor allem das Nein zu artikulieren in einer Klarheit.

Thomas Krüger:

Das ist natürlich schwierig, keine Frage.

LOGBUCH:

Ist das nicht ein ganz normaler unternehmerischer Prozess? Ich will zu bestimmten Bedingungen für bestimmte Personen oder Unternehmen tätig werden oder auch nicht?

Philipp Hermes:

Bei uns Juristen kann es im Kern um die Frage gehen: Steht dem Unrechtstäter das Recht zu?

Thomas Krüger:

Spannende Frage, da bin ich gespalten, denke aber: Ja. Auch der schlimmste Kinderschänder, bei dem es gut ist, dass er nicht von irgendeinem Mob gelyncht oder von einem Schnellgericht innerhalb von 48 Stunden an eine Wand gestellt und erschossen wird. Persönlich möchte ich einen solchen Menschen im Leben nicht vertreten wollen und auch können, weil ich keine Lust hätte, für den entlastende Argumente anzuführen. Der Rechtstat verlangt es aber, er sucht sich nicht mich aus, um dieses Verlangen um zu setzen, sondern er kann irgendjemanden nehmen. Ich muss es nicht sein, denn ich verurteile, was er getan hat und damit scheide ich als sein Rechtsvertreter aus. Diese Freiheit zu haben ist großartig.

Thomas Krüger/Foto: Friedrun Reinhold, Fotoraum Reinhold, Hamburg

Philipp Hermes:

Ihr habt die RAF-Prozesse präsenter erlebt als ich, ich war noch nicht einmal geboren.
Hätte ich damals die Chance gehabt, wie ein Otto Schily, ich glaube, ich hätte sie auch wahrgenommen. Weil es als Anwalt wahnsinnig spannend ist, jemand zu verteidigen, der ein System angreifen möchte, auf das ich mal den Eid abgelegt habe.

Thomas Krüger:

Bei einer politischen Geschichte wie der RAF würde ich das differenzieren.
Da gibt es vielleicht gewissenlose Mörder wie Andreas Baader – das ist bewusst mit Wertung gesprochen – bei dem würde ich mir das überlegen. Bei dem Einen oder Anderen, der im Prinzip sagt er sei gegen das System... Man muss sich das vorstellen, damals, Ende der 60er Jahre, war der Krieg 25 Jahre her, das ist wie heute zur Wende und nicht lang. Damals in der Bundesrepublik Deutschland haben viele Menschen aus dem Schandregime des Dritten Reiches es wunderbar geschafft, wieder komfortabel Fuß zu fassen und ihre Karriere mit ein wenig Auszeit wieder auf zu nehmen. Ob im juristischen Bereich, im medizinischen Bereich, im staatlichen Bereich oder auch in der Bundeswehr, da staunt man schon und, dass es darüber politische Verbitterung und eine politische Antihaltung gab, ist gut nachvollziehbar. Das ist aber das Thema des Juristen: Kann ich mich darauf soweit einlassen, dass ich diesem Beschuldigten ein guter Verteidiger sein kann oder nicht?

Philipp Hermes:

Justizia ist blind. Justizia sieht nur die Tat. Im April fiel der Schuldspruch in Boston. Mir ist aufgefallen, dass sehr viel über die Anwältin berichtet wurde, die ihn verteidigt. Sie hat sehr früh nach Verfahrensbeginn gesagt, dass er es war. Es geht ja nur um die Schuldfrage. Das finde ich in den USA ganz interessant. Denn schnell lautet die Abwägung „Lebenslang“ oder Todesstrafe“. Das ist ein staatlicher Eingriff in das Recht auf Leben, der nicht rückgängig zu machen ist. In den USA kann man sich überlegen, schneller ein solches politisches Mandat anzunehmen, weil es einfach um die Vermeidung der Todesstrafe ging. Ich würde jeden Kinderschänder, Bombenleger, jeden Revolutionär oder wen auch immer verteidigen, wenn es darum geht, zu verhindern, dass durch hoheitliche Maßnahmen dessen Leben genommen wird.

Philipp Hermes /Foto: Friedrun Reinhold, Fotoraum Reinhold, Hamburg

Thomas Krüger:

Ich bin ein entschiedener Gegner der Todesstrafe. Es geht nicht, dass ein Staat sich herausnimmt, jemandem das Leben zu nehmen, sei es auch noch so erwiesen, dass er schlimme Straftaten begangen hat... Nun stellt sich bei uns die Frage nicht, wir haben keine Todesstrafe, ich frage mich trotzdem, ob es nicht ein sinnvolleres Unterfange wäre, eher politisch gegen das Thema Todesstrafe anzugehen.

Philipp Hermes:

Da wäre ich, zum Beispiel, Held! Was ja eine total dämliche Aussage ist, weil man Held ist oder eben nicht. Im Konjunktiv kann man nicht Held sein. Ich würde mich dafür einsetzen, würde es mir auf die Agenda setzten, was ich mal machen sollte... Dieser nervige Konjunktiv....

Thomas Krüger:

Warum tust du es nicht? Jetzt, heute, ungefährdet aus deiner freiheitlichen Position tun und lassen zu können was du willst in Deutschland.

Philipp Hermes:

Das ist jetzt gerade das Fatal. Ich glaube, ich muss es tatsächlich tun, denn ich unterstütze diverse Kampagnen bei Facebook mit meinem grünen Daumen und sage damit, das geht nicht aber ich setzte mich nicht engagiert dafür ein. Da nehme ich mich tatsächlich nicht aus und, um vom Konjunktiv zum Indikativ zu kommen, ich müsste mich da auch einsetzen. Dafür brauche ich kein Anwalt in den USA zu sein, ich brauche nicht einmal ein Mandat dafür. Es geht im Grunde nur darum, eine Öffentlichkeit zu schaffen und möglicherweise auch diesen Regimen zu zeigen „Man beobachtet euch. Man verfolgt, was ihr da tut oder nicht tut.“

Da gibt es eine herrliche Anekdote mit der englischen Queen und dem saudischen König... In Saudi- Arabien ist Frauen das Autofahren verboten. Der vormalige saudische König war auf Staatsbesuch in England und nach einem Teechen bei Kollegin Queen fragte sie, ob er Interesse hätte, sich ein wenig die Fasane anzuschauen. Er bejahte und beide stiegen in ihren Rover. Sie fuhr und sie fuhr sehr zügig... Und es bleib seiner Majestät nichts anderes übrig, als im Auto sitzen zu bleiben. Das ist natürlich ein sehr kluger Protest der englischen Königin gegenüber der saudischen Regierung um zu sagen: Gestattet Frauen das Autofahren. Das finde ich klug. Nun ist nicht jeder von uns Königin von England, um so etwas machen zu können, aber das ist der Protest im Kleinen.

Thomas Krüger:

...Doch schon der Protest im Großen, denn wenn du Königin von England bist, hast du eine andere Wahrnehmung in der Öffentlichkeit...

Philipp Hermes:

Stell dir vor, da geht so ein Bild um die Welt.... Der Saudische König sitzt neben der Englischen Königin...

Thomas Krüger:

...Und lässt sich fahren...

LOGBUCH:

..was mich zu der Frage bringt: Diese Freiheit, die sie sich genommen hat, Queen Lizzi...welche Freiheit würdet ihr euch gerne mal nehmen?

Duell /Foto: Friedrun Reinhold, Fotoraum Reinhold, Hamburg

Philipp Hermes:

Also, ich bin noch nicht so lange selbständig, seit November 2013. Im Januar 2014 saß ich in meiner Küche und habe festgestellt, dass ich jetzt keine Beschränkung mehr habe. Ich habe nicht mehr diese Generalentschuldigung „ich kann mir das nicht erlauben“, wie als Angestellter zuvor. Seit Beginn meiner Selbständigkeit lebe ich in einer sehr robusten Freiheit.

LOGBUCH:

Gibt es darüber hinaus noch eine Freiheit, die du dir gerne nehmen würdest?

Philipp Hermes:

Nein, weil ich an jenem Januar Morgen gesagt habe, es gibt jetzt keine „ich möchte“, „ich könnte“ mehr.

Thomas Krüger:

Lustiger weise möchte ich die Frage genau so wie Philipp beantworten. Ich empfinde mein Leben auch als – und das tue ich tatsächlich sehr bewusst – sehr frei und insofern habe ich mich auf den heutigen Abend und die Diskussion zu diesem Thema auch gefreut. Ich empfinde mein Leben als frei im Sinne von privilegiert frei. Ich bin Partner in einer Kanzlei, die sich dadurch auszeichnet, dass alle meine Mitpartner freundschaftlich miteinander verbunden sind und das ermöglicht eine ganz große Freiheit, wie man den Tag verbringt und sein Geschäftsleben gestaltet. Natürlich habe ich Lust, bestimmte Dinge zu tun, die sich von dem, was ich im Moment mache, unterscheiden. Manchmal habe ich den Drang nach der Freiheit, morgens mal im Bett liegen bleiben zu können, nicht, wenn der Wecker um kurz nach 6 klingelt, aufstehen zu müssen und um 8 im Büro zu sein...

Philipp Hermes:

Ich möchte das ergänzen und konkretisieren. Ich versuche in meinem alltäglichen Wortschatz das Wort „Müssen“ zu vermeiden. Ich will nicht müssen. Ich muss morgens nicht um 7 raus, sondern ich mag das. Der Morgen ist schön, es ist alles noch ruhig.

Klar, ich muss an Besprechungen teilnehmen, dann ist das Müssen aus meinem Wollen heraus; ich möchte arbeiten, mir macht Arbeiten Spaß. Dann bin ich etwas an meine Mandatsgeber gebunden. Das ist das einzige Müssen, das ich in meinem Leben zulassen möchte. Ansonsten muss ich nichts müssen.

LOGBUCH:

Vielen Dank für das Gespräch.

Thomas Krüger

Rechtsanwalt, Fachanwalt für Steuerrecht, Hamburg

Beruflicher Werdegang

Bankkaufmann, Studium der Rechtswissenschaft in Hamburg, Referendariat beim Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg, dann Zulassung als Rechtsanwalt. Seit 1996 bei Schomerus & Partner, Hamburg.

Tätigkeitsschwerpunkte

Gesellschaftsrecht, Umstrukturierungen, Erbfolge- und Unternehmensnachfolgeplanung, Stiftungs- , Vereins- und Gemeinnützigkeitsrecht, Steuerstrafrecht

Philipp Hermes

Rechtsanwalt, Hamburg

Beruflicher Werdegang

Reserveoffizier der Marine, Studium der Rechtswissenschaften in Bonn, Göttingen, Pavia (Italien) und Kiel. Rechtsreferendar beim Hanseatischen Oberlandesgericht in Hamburg mit Stationen in China und Singapur. Bis 2012 angestellter Anwalt einer Boutiquekanzlei, danach Mitglied der Leitungsebene einer familiengeführten Reederei. Seit 2014 Gründungspartner von BHM Penlaw.

Tätigkeitsschwerpunkte

Beratung der maritimen Wirtschaft für nationale und internationale Banken, Reedereien und Versicherer sowie Regierungsstellen und Nichtregierungsorganisationen zu Sachverhalten der maritimen Wirtschaft und des Seevölkerrechts. 

Bilder: Friedrun Reinhold, Fotoraum Reinhold, Hamburg

Quelle: <link http: www.logbuch54.de _blank>www.logbuch54.de/04-2015-e-paper/