Frankfurt/Main (dpa) - Alle reden vom «Grexit» - aber kann
Griechenland überhaupt aus der Eurozone fliegen? Die Rechtslage ist
eindeutig. Wirtschaftlich allerdings könnte Athen keine andere Wahl
bleiben - wenn es nicht doch noch in letzter Sekunde eine Einigung
mit den Geldgebern geben sollte. Welche Folgen könnte eine Pleite in
Deutschland haben, für Finanzinstitute oder Anleger?
Vorweg die Frage: Wie groß ist denn die Gefahr einer Staatspleite
Griechenlands?
In der griechischen Staatskasse herrscht Ebbe, schon laufende
Zahlungen wie Gehälter und Renten werden für die Regierung in Athen
zum Kraftakt. Zudem muss das Land in nächster Zeit etliche Milliarden
an Gläubiger zurückzahlen. Der Chef der deutschen Finanzaufsicht
Bafin, Felix Hufeld, spricht von «einer fortschreitenden Kette von
Verbindlichkeiten». Daher sei nach dem Scheitern der Verhandlungen
über weitere Rettungsmilliarden der finanzielle Kollaps des Landes
kaum noch abzuwenden, meint Hufeld: «Es ist nur eine Frage von Tagen,
bis ein anderer Gläubiger außer dem IWF nicht mehr bedient werden
kann.» Am 30. Juni waren - nach aktuellem Wechselkurs - rund 1,5
Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) fällig, am
selben Tag lief das Hilfsprogramm von IWF, Europäischer Zentralbank
(EZB) und EU aus.
Muss Griechenland nun direkt am 1. Juli die Staatspleite erklären?
Nein. Für die Ratingagenturen ist ein Ausbleiben der Zahlung an den
IWF kein Grund, sofort den Daumen zu senken. Der IWF wie die EZB gilt
für Ratingriesen wie S&P als offizieller Gläubiger, für die andere
Maßstäbe gelten. Mit der für diesen Sonntag (5.7.) geplanten
Volksabstimmung über das von den Geldgebern vorgelegte Spar- und
Reformpaket zieht die Links-Rechts-Regierung von Ministerpräsident
Alexis Tsipras die endgültige Entscheidung zusätzlich in die Länge.
Muss Griechenland im Falle einer Pleite aus dem Euroraum austreten?
Nein. In den EU-Verträgen ist der Austritt eines Landes aus dem
gemeinsamen Währungsraum mit seinen derzeit 19 Mitgliedstaaten nicht
vorgesehen. Von Seiten der Geldgeber betreibt zudem bisher niemand
einen Austritt Griechenlands aus dem Euro («Grexit») - im Gegenteil:
Trotz des Zerwürfnisses mit der Tsipras-Regierung ist der politische
Wille noch da, Athen im Euroraum zu halten. Bundesfinanzminister
Wolfgang Schäuble (CDU) betonte am Wochenende: «Griechenland ist und
bleibt Mitglied der Eurozone - im Übrigen auch Teil Europas.» Der
griechische Finanzminister Gianis Varoufakis drohte für den Fall
eines Ausschlusses seines Landes aus dem Euroraum vorsorglich mit
einer Klage: Griechenlands Mitgliedschaft sei nicht verhandelbar.
Ist ein «Grexit» damit völlig ausgeschlossen?
Keineswegs. Die Ratingagentur S&P schätzt das Risiko, dass
Griechenland die Eurozone verlassen muss, auf 50 Prozent. Auch viele
Volkswirte halten einen «Grexit» im Falle einer Staatspleite für
wahrscheinlich. Selbst EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré, von
Berufs wegen ein Mann vorsichtiger Worte, sagte angesichts der
erneuten Eskalation des Griechenland-Dramas der französischen
Tageszeitung «Les Échos» (Dienstag): «Der Ausstieg Griechenlands aus
der Eurozone, der bis jetzt ein theoretischer Gegenstand war, kann
leider nicht mehr ausgeschlossen werden.»
Welche Risiken hätte ein «Grexit» in der Finanzwelt?
Turbulenzen an den Finanzmärkten wie auf dem Höhepunkt der
Euro-Schuldenkrise werden derzeit nicht erwartet. Die bisherige
Reaktion der Finanzmärkte auf die erneute Eskalation im
Griechenland-Drama gebe «eigentlich keinen Anlass zur Sorge», sagte
Bafin-Chef Hufeld am Montagabend.
Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding erklärt, «die Eurozone hat
in den vergangenen vier Jahren ihre Abwehrkräfte gestärkt und sich
gegen Ansteckungsrisiken gewappnet». So kann der Euro-Rettungsschirm
ESM angeschlagenen Euroländern im Notfall finanziell unter die Arme
greifen.
Zudem steht die EZB als Feuerwehr bereit. Sie könnte unter bestimmten
Bedingungen notfalls unbegrenzt Anleihen angeschlagener Eurostaaten
kaufen. Dafür gibt es das Kaufprogramm OMT aus dem Sommer 2012, das
bisher nie angewendet wurde. Das politische Projekt der europäischen
Integration würde im Falle eines «Grexits» allerdings Schaden nehmen.
Was würde ein Euro-Austritt Athens Deutschland kosten?
Griechenland könnte voraussichtlich seine Schulden nicht mehr
bezahlen. Dies würde Deutschlands Staatskasse allerdings nicht sofort
belasten. Die meisten Kredite sind erst ab dem Jahr 2020 fällig. Das
Risiko Deutschlands beläuft sich schätzungsweise auf etwa 80
Milliarden bis 90 Milliarden Euro.
Wären deutsche Banken von Staatspleite und «Grexit» betroffen?
Die direkten Gefahren wären gering. Ende 2014 hatten die Institute
nach Berechnungen der Bundesbank in Griechenland noch 2,4 Milliarden
Euro verliehen. Staatsanleihen des Landes halten sie seit dem
Schuldenschnitt vom Frühjahr 2012 kaum noch. Damals mussten die
Banken auf rund die Hälfte ihrer Forderungen verzichten. Seitdem
fuhren sie ihre Investitionen in griechische Staatstitel zurück.
Das Geld der Banken steckt vor allem in griechischen Unternehmen.
Diese Forderungen wären erst bei einer Pleitewelle von Firmen
gefährdet. Nach Einschätzung der Bank of America bekamen vor allem
griechische Reeder Kredite aus dem Ausland. Diese werden meist durch
Schiffe abgesichert, deren Wert von einer Staatspleite kaum betroffen
wäre. Nach Zahlen der Bank of America hatten europäische Banken
zuletzt insgesamt rund 45 Milliarden US-Dollar in Griechenland im
Feuer.
Was müssten private Anleger befürchten?
Abgesehen von kurzfristigen Ausschlägen an den Aktien- und
Anleihenmärkten sehen Volkswirte kaum Gefahren. Österreichs
Notenbankchef Ewald Nowotny wies am Dienstag darauf hin, dass die
Kursbewegungen an den Finanzmärkten auf die jüngsten Entwicklungen
gedämpft ausgefallen seien. Anleihen des griechischen Staates werden
fast ausschließlich von griechischen Banken sowie öffentlichen
Gläubigern wie zum Beispiel der EZB gehalten.
