Von Manfred Backerra
Die Überschrift „Rede mit Deinen Feinden“ zur Rezension Klaus von Dohnanyis Buch „Nationale Interessen“ reizt zum Widerspruch. Hier die Fakten zum Verhalten des „feindlichen“ Russland ab 1991:
Trotz großer Probleme, sie unterzubringen, hat es vertragstreu die ex-sowjetischen Truppen abgezogen. Es hat Westeuropa nie geschadet, sondern wie schon im Kalten Krieg erprobt, alle Rohstoffe ebenfalls vertragstreu geliefert.
Wladimir Putin hat ab 2001 immer wieder beschwörend für ein Europa bis Wladiwostok geworben. (Darin kann keine Seite die andere dominieren, d. h., Russland ist konträr zu Dochnanyi kein „übermächtiger Nachbar“, zu dem man einen „modus vivendi finden“ erst finden muss: den hatten wir schon und müssten ihn nur wiederbeleben.)
Die ohne Blutvergießen vollzogene Übernahme der Krim gemäß übergeordnetem Selbstbestimmungsrecht der Völker lag eine überwältigende Zustimmung zugrunde, die der Sezession des Kosovo fehlte. Auf die Bitte des Donbass von 2014, um Aufnahme in die Föderation, empfahl Putin eine Einigung mit Kiew, erduldete das betrügerische Minsk II und acht Jahre die opfereiche Bekämpfung der Russen im Donbass durch Kiew, warb immer wieder vergeblich um Vereinbarungen zur beidseitigen Sicherheit und griff an, als Worte und Taten Kiews unmittelbare Kriegsabsicht verrieten.
Seine Fehleinschätzung, einer raschen Kapitulation Kiews wäre durch seine erklärte Bereitschaft, das kurz danach in Istanbul verhandelte Waffenstillstandsabkommen anzunehmen, kompensiert worden, doch Kiew sagte, westlicherseits gedrängt, ab. Seither verfolgt er erklärtermaßen und durch das militärische Vorgehen bestätigte Ziel, eine westlich orientierte Ukraine unfähig zu machen, Basis für selbsterklärte Feinde Rußlands zu sein, die mit Fernwaffen in Minuten Moskau und weitere Zentren zerstören könnten. Durch den Verzicht auf die für das Sowjetimperium wichtige Ukraine wird die Putin unterstellte Absicht, dieses wiederherstellen zu wollen, unglaubwürdig, abgesehen davon, dass sie mit nur der Hälfte an Einwohnern der Sowjetunion auch utopisch wäre.
Zur “vielleicht übergroßen Skepsis gegenüber den USA“ des Rezensenten: Sie hat zwar einen großen Markt boten, aber Deutschland Westeuropa sonst nur geschadet durch Chaotisierung von Ländern in dessen näheren und weiteren Interessensphäre sowie den Zwang, gegenüber Russland vertragsbrüchig zu werden und selbstruinierende Sanktionen zu verhängen.
Wieso „wird sich [laut Dohnanyi] Europa Arrangements der USA letztlich fügen müssen“? Warum springt es nicht aus schlichtem Eigeninteresse über seine antirussischen Schatten und entscheidet sich für eine fruchtbringende Kooperation in einem Europa bis Wladiwostok mit der Kiewer Ukraine als nützlichem Transitland?
Wäre das nicht die beste Garantie für jede Friedensvereinbarung?
Manfred Backerra, Hamburg
Bilder: depositphotos / screensh
Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
