Zitat aus dem Newsletter des Richard Wagner Verbandes International, Ausgabe Januar 2018 : „(...)Große Persönlichkeiten waren und sind aber meist nicht unumstritten, biographische Brüche und punktuelles Versagen gehören zum Leben leider dazu. Richard Wagner ist hierfür ein beredtes Beispiel und wir alle kennen die Angriffsflächen, die unser vielseitiger und viel produzierender Meister bis heute bietet. Geschichte ist leider ebenso wenig abzuändern wie eben diese Schattenseiten des Genies. (...) Da ist einmal der Festspielsommer mit einer Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ von Barry Kosky, die zu Jubelstürmen führte wie lange nicht in Bayreuth( ... )
Von Prof. Dr. h.c., Kammersänger Bernd Weikl
Hakenkreuze und schreckliche jüdische Fratzen auf der Bühne führen im Auditorium zu solchen Jubelstürmen! Der jüdische Regisseur hat das antisemitische Publikum richtig erkannt und weltweit angeklagt. Oder sollte er den Komponisten als Nazi vorgeführt haben? Die Bayreuther Festspiele zeigen seit Jahrzehnten Hakenkreuze auf der Bühne. Dies zur Freude des Publikums, das deshalb alljährlich dorthin pilgert. Und die Renaissance der Hakenkreuze wird auch an anderen Bühnen in Deutschland gepflegt: In Der Premiere von „Tannhäuser“ wurden an der Düsseldorfer Reheinoper im Mai 2013 nackte Darsteller in gläsernen Würfeln „vergast“. In der ersten Szene, dem sogenannten Venusberg, wurde eine Familie von Nazis, unter ihnen Tannhäuser, ermordet. Dabei floss viel Blut, überall waren Hakenkreuze und SS-Uniformen präsent.
Alex Ross wird in Bayreuth nicht gelesen aber auch nicht von Wagnerverbänden.
Im täglichen Leben gilt der Komponist Richard Wagner bei durchschnittlich interessierten Zeitgenossen als jemand, der sehr laute Musik geschrieben hat und dessen Werke viel zu lange dauern, meint Alex Ross von der Zeitschrift THE New Yorker. Wir Interpreten auf der Bühne können das auch oft bestätigen (…) Immerhin, so Mr. Ross, hat Richard Wagners Musikdramatik einen großen Einfluss auf Baudelaire, Mallarmé, Proust, Joice, Mann, Cather, Kandinsky, Isadora Duncan, Eisenstein und viele andere gehabt. Seit Jahrzehnten existiert allerdings ein inoffizielles Aufführungsverbot für Wagners Kunst in Israel.

Das Tabu geht auf 1938 zurück, nämlich auf die mörderische “Kristallnacht” im Nazideutschland, als ein Mitglied des damaligen Palestina Symphonieorchesters den Dirigenten Arturo Toscanini aufforderte, die Ouvertüre der “Meistersinger von Nürnberg” vom Programm zu streichen. Für den erklärten Hitlergegner Toscanini gab es zwar keine Verbindung zwischen Wagners Musik und dem Nationalsozialismus, trotzdem entsprach er der Bitte des Orchesters. Auf der anderen Seite dirigierte er während des zweiten Weltkrieges viele Wagnerkonzerte in den USA. (THE NEW YORKER, the case for Wagner in Israel, culture desk, Alex Ross, 25.09.2012)
Nicht zu vergessen: 1936 gab er den Bayreuther Festspielen eine Absage und dirigierte aus Protest gegen die Nazis die “Meistersinger von Nürnberg” bei den Salzburger Festspielen. Und 1898 eröffnete Toscanini die Mailänder Scala mit den Meistersingern (Weikl,B. Bendixen, P. (2012): Freispruch für Richard Wagner? Leipzig)
Während der letzten Jahrzehnte haben Dirigenten immer wieder versucht, Wagner in Israel aufzuführen. Zum Beispiel bot Zubin Mehta 1981 als Zugabe bei einem Konzert den “Liebestod” aus “Tristan und Isolde” an, gab aber den Gegnern des Komponisten vorher die Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Daniel Barenboim dirigierte 2001 in Jerusalem unter Protest einiger Zuhörer die Ouvertüre zu “Tristan und Isolde”. Und 2013 zum 200. Geburtstag von Richard Wagner versuchte die Israel Wagner Society erneut ein Wagnerkonzert, diesmal an der Tel Aviv Universität durchzuführen. Dort annullierte man schließlich diese Aufführung und der Ersatztermin im Hilton-Hotel wurde ebenfalls von dort abgesagt. Als starkes Argument gegen die Aufführung von Wagner wird angeführt, dass dabei bei Überlebenden des Holocaust traumatische Erinnerungen auftreten. Musik von Richard Wagner wurde ja bekanntlich von den Nazis zu allen nur möglichen Anlässen angeboten. Bestätigungen darüber in Israel, dass Wagner so häufig in Konzentrationslagern gespielt wurde sind allerdings seltener, als die Kritiker Wagners dies glauben wollen. Im Gegenteil, Überlebende berichten von Johann Strauss Walzern, Suppé-Ouvertüren, Operetten oder Marschmusik, die alle aus den KZ-Lautsprechern dröhnten. Die Auschwitz-Überlebende Zofia Posmysz erzählt, dass sie ihr Radiogerät abschaltet wenn dort Musik von Johann Strauss geboten wird, den sie wiederum aus gegebenem Anlass so unerträglich findet.

Der Begründer des Zionismus’, Theodor Herzl, schildert Alex Ross, habe sich in seiner Erinnerung beim Schreiben seines berühmten Buches wörtlich wie folgt geäußert: “Meine einzige Erholung war die Musik von Richard Wagner, die ich am Abend genoss, besonders beim “Tannhäuser”, einer Oper, die ich so oft als möglich hörte.” Immerhin verfasste Herzl damals sein Buch: The Jewish State”. (THE NEW YORKER )
Der Journalist Haggai Hiltron spricht am 28.01.2013 in der israelischen Zeitung Ha’aretz bei einem Interview mit Irad Atir, der an der Tel Aviv Universität im Juni 2012 seine Studien in Musikwissenschaft mit einer Dissertation über Richard Wagner abschloss und dafür vom Internationalen Institut für Holocaust-Studien, Yad Vashem einen Preis erhielt. Hier Auszüge aus Atirs Antworten beim Interview: „Wagner war nicht der Antisemit, für den die Leute ihn halten, sagt Irad Atir, seine Kritik an Juden war Teil seines Widerstandes gegen die generelle soziopolitische und kulturelle Situation in diesem 19. Jahrhundert – einschließlich seiner nicht-jüdischen Gesellschaft.
Wagner kritisierte bestimmte Aspekte an den Deutschen, z. B. deren Rückständigkeit, die bedingungslose Religiosität, den Stolz des Adels und den Militarismus. Und hat andererseits den jüdischen Separatismus auf’s Korn genommen. Generell gab es für unseren Komponisten gute und schlechte Deutsche – und gute und schlechte Juden. Wagner wusste mehr über Juden und Judentum und arbeitete mehr mit Juden, als alle anderen Komponisten in seiner Zeit. Seine obsessive Voreingenommenheit gegen Einzelne und Gruppen war komplex und jederzeit veränderlich. Selbst das sehr schlimme Essay: "Über das Judentum in der Musik< endet mit einem Aufruf, die jüdische und deutsche Kultur zu vereinigen."
Auch die Gefühle der Israelis gegen Richard Wagner beruhen auf Fehlinformation, schreibt Irad Atir. Wenn Israelis darauf bestehen, dass Wagner ein Nazi war, dann sollten sie wissen, dass der Komponist 6 Jahre vor der Geburt Hitlers gestorben ist. Es bleibt zu hoffen, dass neuere Informationen diese negativen Gefühle in Israel ändern können. Wagner kopierte den jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn. Dessen Musik beeinflusste Wagner sehr stark. Wagners Ouvertüre zu “Rheingold” hat der Meister aus Mendelssohn’s “Die schöne Melusine” übernommen. Weitere Beispiele sind die “Todesverkündigung” in der “Walküre”. Sie stammt aus Mendelssohn’s “Schottischer Symphonie”. Der “Walkürenritt” hat Ähnlichkeit mit Mendelssohn’s “Fingalshöhle” und ist in derselben Tonart geschrieben. Das Motiv des “Heiligen Grals” im Parsifal stammt aus Mendelssohn’s “Reformations Symphonie” und das musikalische Motiv für die Freia im “Ring des Nibelungen” ist das musikalische Thema des “Hochzeitsmarsches” aus “Ein Sommernachtstraum” von Mendelssohn. The New Yorker
Ich zitierte in meinem Leserbrief in der LVZ vom 20. Februar 2017 Irad Atir aus der israelischen Zeitung Ha’aretz. Allerdings gab ich noch eine eigene Bemerkung dazu: „Selbstverständlich haben deutsche Medien nicht über Irad Atirs so positive Bewertung der Person Richard Wagners und seiner Aussagen über dessen Werke berichtet. Auch hätte der junge Israeli mit seiner Schrift niemals an einer deutschen Universität promovieren können.“ 
Die Reaktion auf meinen Leserbrief war aber als Antwort der Leserbrief des Leipziger Prof. Dr. Geier selben Datums. Da hieß es:„Rechtfertiger nehmen Schriften nicht zur Kenntnis.! Die Behauptungen von Herrn Irad Atir (...) zur Judenfeindschaft Wagners sind unhaltbar (...) sie entsprechen den Entschuldigungen und hierzulande geübten Rechtfertigungen der Judenhasser Luther und Wagner. Die Dissertation von Irad Atir hätte im Übrigen hier (in Deutschland) nicht zur Verweisung von der Universität geführt, sie wäre gar nicht erst angenommen oder von den Gutachtern zurückgewiesen worden.“
Dr. Yael Sarah ben Mosche hat in der israelischen Zeitung Ma’arev am 25. Juni 2017 darüber berichtet.
(Orthographie und Interpunktion des Autors wurden beibehalten)
Bilder: @ Bernd Weikl @depositphotos
Die Meinung des Autors/Ansprechspartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen.
Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.
Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt
