Dmitrij Vydrin. Foto:Archiv DV

Die neue Weltfinanzarchitektur

Von Dmitrij Vydrin, Schriftsteller

Ich war vor kurzem bei einer Konferenz von Mächtigen und Wichtigen, bei der Probleme und Risiken des Weltwährungssystems besprochen wurden. Was für ein Zungenbrecher! Ich habe dort viele neue Wörter, Bezeichnungen, Finanzformeln und andere Gebete gelernt. Vieles habe ich überhaupt nicht verstanden und das, was ich verstanden habe, damit war ich nicht einverstanden. Das alles wiederzugeben, würde zu lange dauern, also konzentriere ich mich auf das Wichtigste. 

Ich fange, wie immer, vom Weiten an. Vor einigen Jahren wurde ein junger Freund von mir, in mancher Hinsicht sogar mein Lehrling, zum Leiter der Ukrainischen Nationalbank ernannt. Er rief mich sogleich an und schlug vor, mir eine Führung durchs Haus zu veranstalten. Er schien zu wissen, dass ein Spaziergang durch dieses Gebäude mit außergewöhnlicher Architektur, einem Hort von sakralen Geheimnissen, Mythen und Legenden, ein alter Traum von mir war. Die Führung war grandios: wundervolle Kunst - Gemälde, Skulpturen und der Gipsstuck an den Decken. Besprechungszimmer verkleidet mit Eiche und Gold, Kaffeeporzellan. Und, das wichtigste, eine wundervolle Sauna, Spa, Fitnessraum… Kurz gesagt, ich würde dort sehr gerne wohnen. Aber für alles Gute wird über kurz oder lang eine Rechnung präsentiert. Am Ende der Exkursion, nach der, wie ich glaube, etwa dritten Kaffeetasse, durchbohrte er mich mit dem berufsbedingten Blick eines Steuerfahnders und fragte streng: „Apropos, der Dollar fällt, vielleicht wäre es eine gute Idee  unsere Währungsreserven vom Dollar in den Euro zu überführen? Hinter dem Euro steht schließlich die gesamte Macht des vereinten Europa, mir dem mächtigen Deutschland an der Spitze?“ Ehrlich gesagt, ich habe mich nicht getraut einen Rat zu geben. Ich habe gespürt, dass ich mit einer unvorsichtigen Äußerung unsere Landsleute der besagten Währungsreserve berauben könnte. 

Aber als ich nach Hause kam, brannte mir die Frage doch unter den Nägeln und ich wandte mich an den schlauesten Menschen den ich kenne. In diesem Jahr ernannte eine Reihe westlicher Universitäten meinen Lehrer, den Philosophen Alexander Zinovjew, zum klügsten Intellektuellen des Jahrhunderts. Ich habe Zinovjews Hypothese bereits einmal angeführt, bitte daher die Wiederholung zu entschuldigen. Aber man kann und sollte es meiner Meinung nach endlos wiederholen: Zinovjew meint, dass alle Währungen auf dieser Welt künstlich sind, ein Fake, wie man heutzutage sagt. Die einzige echte Währung ist der Dollar. Das liegt daran, dass die Welt in eine Post-Bratton-Woods-System-Phase eingetreten ist, dessen Wesen nicht an den Gold- sondern an den Flottenstandard gekoppelt ist. Das heisst, die Sicherheit der Währung wird nicht von der Goldreserve oder der Anzahl der Ware sicher gestellt, sondern von der Flottenstärke und ähnlichem Unsinn. Ich werde hier aber noch weiter gehen als im vorherigen Artikel und füge hinzu, dass dies zwar eine konkrete, aber dennoch zu kurz greifende Konzeption ist. Die Militärstärke, als Garant der Währungsstabilität, braucht dennoch eine fundierte Existenzberechtigung. 

Diese Berechtigung ist der Sinn. Ohne Sinn, ist der modernste Flugzeugträger sinnlos. Er muss irgendetwas, möglichst ein hohes und unbestrittenes Gut, beschützen. Irgendwelche Werte, Rechte, Freiheiten von zarten Homosexuellen und kriegerischen Feministinnen. Das vollständige System der zivilisierten Ökumene sieht also wie folgt aus: Sinn - Armee - Geld. Ausgehend davon, entgegen der Meinung von führenden Wirtschaftlern und selbst in Korrektur der Methodologie des Großen Zinovjew, kann behauptet werden, dass die Architektur des Weltwährungssystems vor einer Transformation steht. Bis jetzt baut diese Architektur aus Gewohnheit auf Flotten, Militärbasen etc. auf. Aber bald wird der Bau in Richtung Sinnbasen verschoben werden. Byzanz hatte sieben Jahrhunderte lang die stärkste Streitkraft und eine stabile Währung, die Münze. Aber auch diese goldene Geldeinheit stürzte ein, als das Land aufhörte hohe Sinngüter zu exportieren: Philosophie, Kunst, Architektur, Ikonenmalerei und andere. 

Wo sind solche Sinnzentren heutzutage möglich? Zweifellos entsteht ein solches Zentrum in China. Auch, wenn wir bei Weitem nicht alles wissen, denn für einen Ausländer in China ist es realistischer in den Tresorraum der Zentralbank hinein zu gelangen oder auf eine Militärbasis, als an einer Philosophievorlesung teilzunehmen. Russland sucht in einem quälenden Prozess einen Mechanismus der Sinngebung durch die Modernisierung der Orthodoxie, die Schaffung einer Russischen Welt und ein Panzerbiathlon. Der IS schlägt den Ritualmord als neue Lebensphilosophie vor und, so seltsam und grausam das klingt, das Grundgerüst der neuen Ökumene hat er schon fast erschaffen, es bleibt nur noch die Extremistenseele und Kampfmuskeln mit etwas Finanzfett anzureichern. 

Und im Großartigen Westen blieb nach dem Märtyrertod von französischen Karikaturisten nur noch die deutsche Philosophie übrig. Viele halten Deutschland wegen der amerikanischen Militärdominanz für eine amerikanische Kolonie. In Wahrheit, sind die USA selbst eine philosophische Kolonie Deutschlands. Die ganze Philosophie der westlichen Welt, eingeschlossen die scheinbar bescheidene amerikanische Schule, sind ebenso sehr ein Produkt der deutschen Philosophieschule, wie die NATO-Stärke ein Produkt des Pentagons ist. Die Weltarchitektur könnte sich verändern, sobald Deutschland klar wird, dass in der Neuen Welt die Weltanschauung des Artilleristen wichtiger sein wird, als das Geschütz und ÖL. Es gibt einen Witz: ein Boxer wird gefragt, warum er seiner geliebten Ehefrau den Kiefer gebrochen hat. Er antwortet: Ich gehe zur Küche, mir entgegen kommt meine Frau aus der Küche heraus. Und plötzlich ging sie auf… Heute geht die Welt für die Sinngeber auf. Es stimmt, morgen kann das Militär aber die Welt herrschen, aber Übermorgen kommen die Philosophen an die Macht. 

Heidegger wurde im letzten Interview gefragt, warum Deutschland die Weltbesten Autos produziert. Er sagte: Ich vermute, es liegt daran, dass dies das letzte Land ist, in dem die Ingenieure Hegel und Kant lesen. Der Interviewer fragte verblüfft nach, wo die Verbindung zwischen Kant und einem Mercedes sei? Das weiss ich nicht, antwortete der Philosoph, aber intuitiv meine ich, das Jemand, der niemals Kant gelesen hat, keinen Mercedes bauen kann… Am Ende der anfangs erwähnten Konferenz wurde ich gefragt, wo die Verbindung zwischen der deutschen Philosophie und der neuen Weltfinanzarchitektur sei. Das weiss ich nicht, antwortete ich, aber intuitiv meine ich… Na, ich vermute, der Grundgedanke ist soweit klar.

Red.: Die Meinung des Autors kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Die Redaktion räumt dem Autor gemäß Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes das Recht ein, seine Meinung frei zu äußern.