Demenz. Foto: Daniel Naupold/dpa

Die Liebe schwindet zuletzt

Stuttgart (dpa) - Manchmal tanzen sie zusammen, wiegen sich im Takt
von Oldies und Schlagern. «Wir lieben uns innig», sagt die 70-Jährige
Irmgard Linskeseder aus Stuttgart. Sie streichelt die Brust ihres
Mannes Karl, lehnt ihren Kopf an seinen. «Karl, sag ja.» Ihr Mann
nuschelt: «Joa.» Sie lacht. Seine Mundwinkel schieben sich nach oben,
seine Augen beginnen zu leuchten. «Er ist hilflos, auf dem Stand
eines Zweijährigen», sagt sie. Der 76-Jährige ist seit rund 15 Jahren
dement. Seine Frau pflegt ihn. Durch die zweite Stufe der
Pflegereform kann sie auf mehr Geld hoffen. Wichtiger wäre ihr aber
ein besseres Betreuungsangebot für schwer demente Menschen.

Das Kabinett in Berlin hat am Mittwoch das zweite
Pflegestärkungsgesetz verabschiedet. Durch die geplante Änderung
sollen unter anderem demente Patienten künftig den gleichen Zugang zu
Pflegeleistungen haben wie körperlich behinderte. Der Psychologe
Günther Schwarz schätzt, dass Betroffene bis zu 300 Euro mehr im
Monat bekommen könnten. Er verfasst den Leitfaden zur
Pflegeversicherung für die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG).

Die Organisation geht davon aus, dass rund 1,5 Millionen Demenzkranke
in Deutschland leben. Davon wird schätzungsweise eine Million von
Angehörigen und Pflegediensten Zuhause betreut.

Frühstück bei Linskeseders: Die Mitarbeiterin eines privaten
Pflegedienstes ist bereits weg. Sie kommt jeden Tag eine Stunde,
wäscht den 1,82 Meter großen Mann mit den kurzen grauen Haaren und
zieht ihn an. Irmgard Linskeseder führt ihren Mann zum Tisch, setzt
ihn vor seine Müslischüssel, stopft ihm den weißen Latz in den Kragen
seines Hemdes. Wenn sie ihm den Löffel hinhält, öffnet er den Mund.
Zwischendurch spritzt sie ihm eine Flüssigkeit hinein - gegen seine
Epilepsie. Die kleine, schmale Frau ist gelernte Familienpflegerin.
«Das kommt mir jetzt zugute», sagt sie.

Schon vor rund 20 Jahren fing Karl Linskeseder an, Treffpunkte zu
vergessen, Dinge zu verwechseln. Da war er Mitte 50. Mit 63 Jahren
erhielt er die Diagnose Demenz und gab seine Arbeit als Schreiner bei
der Landespolizei auf. Vor sieben Jahren ließ seine Fähigkeit zu
sprechen nach. Seit rund fünf Jahren hat Karl Linskeseder die höchste
Pflegestufe drei. Die Anerkennung des Pflegebedarfs funktionierte
problemlos, sagt seine Frau.

Weil sie ihn zuhause betreut, stehen ihr monatlich bis zu rund 3600
Euro für Unterstützung in der Pflege zur Verfügung. Trotzdem zahlt
sie jeweils rund 400 Euro selbst dazu. «Wir haben immer gesagt, wenn
mein Mann nicht Vermögen gehabt hätte, dann hätte ich mich ganz, ganz
arg einschränken müssen», sagt sie. «Das Vermögen ist jetzt so
einigermaßen aufgebraucht.»

Drei Tage die Woche lässt Irmgard Linskeseder ihren Mann in einer
Pflegeeinrichtung betreuen. Zur Gymnastik geht sie mittlerweile
seltener, ihr kirchliches Engagement hat sie eingeschränkt.

Diplom-Psychologe Schwarz geht davon aus, dass Linskeseders künftig
monatlich rund 300 Euro mehr bekommen werden. Nach seinen Schätzungen
können bei häuslicher Pflege demenzkranke Menschen künftig 200 bis
300 Euro mehr erhalten, andere pflegebedürftige Menschen 100 bis 200
Euro. «Man kann sich mehr Hilfe leisten», sagt Schwarz, der bei der
Evangelischen Gesellschaft Stuttgart arbeitet. «Im Pflegeheimbereich
wird sich im Grunde nichts tun.»

Allerdings kritisiert er, die Rahmenbedingungen in der Pflege würden
durch das neue Gesetz nicht verbessert. Pflegeleistungen würden durch
die Kassen zu schlecht vergütet. «Pflege muss besser bezahlt werden»,
sagt Schwarz. In einem Heim komme im besten Fall ein Pfleger auf
sieben Bewohner.

Irmgard Linskeseder wünscht sich deswegen vor allem eine
spezialisierte Wohngruppe für schwer demente Menschen in Stuttgart,
in die sie ihren Mann eine Nacht in der Woche geben könnte. Eine
Nacht, in der sie selbst ruhig schlafen kann. Sie hat schlechte
Erfahrungen damit gemacht, ihren Mann in einer regulären
Pflegeeinrichtung betreuen zu lassen: Ungepflegt und in schlechtem
Zustand sei er zu ihr zurückgekommen.

Kürzlich hatte sich Karl Linskeseder einen Infekt eingefangen, konnte
nicht mehr selbst laufen. «Ich dachte, das ist sein letzter
Geburtstag», sagt seine Frau. Ihr Augen glänzen. Sie will ihren Mann
bis zum Schluss selbst pflegen. Ein Heim komme nicht infrage.
«Einfach weil ich an ihm hänge.»