S.E. Botschafter des Staates Israel, Yakov Hadas-Handelsman

„Die Juden sind schon mit Julius Cäsar ins Rheingebiet gekommen“

WE.: In Deutschland ist die Kibbuzkultur sehr bekannt, man weiß von deutschen Politikern, die dort auch gelebt haben. Was bedeuten Kibbuzim heute für Israel?

Botschafter Hadas-Handelsman: Kibbuzim sind immer noch eine Tradition. Das Geheimnis des Kibbuz, dieser sozialistischen Bewegung, ist, dass es immer auf Freiwilligkeit basiert. Aber man muss sich ändern. Man kann nicht sagen, was vor 100 Jahren erfunden wurde, ist am besten, so soll es bleiben. Die Welt ändert sich. Deshalb, existieren die Kibbuzim heutzutage immer noch, die Nachfrage ist sogar gestiegen. Aber die meisten sind bereits privatisiert worden.

WE.: Wie ist das mit der sozialistischen Grundlage zu vereinbaren?

Botschafter Hadas-Handelsman: Gute Frage, aber gleichzeitig auch die Antwort auf die Herausforderungen des dritten Millenniums. Man ging davon aus, dass die Privatisierung zur Lösung der Krise beiträgt, weil von der traditionellen Wirtschaft fast nur die Symbolik übrig geblieben ist. Es gibt mehr als genug Nahrungsmittel, die Regierung ist bereit jährlich große Summen zu bezahlen, als Entschädigung für Bauern . Das heißt, in einigen Teilen der Welt hungern Menschen, während in Europa oder Israel nicht produziert oder das Produzierte einfach weg geschmissen wird. Und das Jahr für Jahr. Und die Gesetze sind sehr strikt. Wenn wir schon solche Probleme haben und es sich in den Kibbuzim, die oft manchmal nur aus ein paar hundert Leuten bestehen, nicht mehr lohnt „alttraditionell“ zu wirtschaften, vielleicht ist die Privatisierung dann ein Ausweg? Verwaltungsfirmen übernehmen die Aufsicht und Fürsorge und weiter läuft es wie beim modernen Management. Der Onkel meiner Frau ist Mitglied in einem Kibbuz. Er ist jetzt Rentner und muss für alles zahlen. Dieses alte Bild, das er einfach ins Esszimmer geht und sich Essen holen kann, stimmt nicht mehr ganz. Man zahlt, auf der anderen Seite, bekommt er jetzt aber auch seine Rente. 

Das größte wirtschaftliche Problem in Israel ist heutzutage der Wohnraum. Gott sei Dank, wachsen wir sehr schnell. Also hat die Regierung vor einigen Jahren beschlossen, dass die Kibbuzim einiges an Fläche, die nicht  ihnen, sondern dem Staat gehört, ändern müssen. Sie sollten dort kleine Wohnhäuser errichten und anderen Menschen zur Miete oder zum Kauf zur Verfügung stellen. Die Lebensqualität ist dort sehr hoch, es ist ruhig und grün, mit vielen Moskitos, naturbelassen eben (red.: lächelt). Aber die Menschen können trotzdem in den größeren Städten in der Umgebung zur Arbeit pendeln. Auch in dem Kibbuz, wo der Onkel meiner Frau lebt, sind Leute zum Wohnen eingezogen. Junge Familien mit Kindern und es geht ihnen da heute gut. 

WE.: Kommen viele Leute aus Deutschland, um in den Kibbuzim zu leben und zu arbeiten? 

Botschafter Hadas-Handelsman: In die Kibbuzim,  nein. Es gibt aber viele Deutsche, die nach Israel kommen, um ein Jahr dort zu verbringen, auch nachdem der Zivildienst abgeschafft wurde. Sie bekommen dann einen Kredit für ihr Studium an der Universität. Sie müssen nicht nach Israel, sie könnten auch in andere Länder gehen. Dass aber so viele trotzdem Israel wählen, ist meiner Meinung nach, das Resultat der einzigartigen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Natürlich liegt das auch an der gemeinsamen Vergangenheit. Ich habe vor einigen Jahren etwas über deutsche Jugendliche gesehen, die in ein Pflegeheim nach Haifa gereist sind, in dem ausschließlich deutschsprachige Menschen leben. Sie sind angereist, um es von A-Z zu renovieren. Es wurde im Fernsehen darüber berichtet. Und man sieht gemeinsame Bilder von den jungen Leuten zusammen mit den Bewohnern. Viele von Ihnen haben die Kennungsnummern aus den KZs eintätowiert und sie hätten nie auch nur träumen können, dass eines Tages die Erben der damaligen Täter kommen und helfen werden. Es war sehr berührend zu sehen, wie die alte Frau im Pflegeheim, die das KZ überlebet hat, mit dem jungen Mädchen aus Deutschland da saß und sie weinte und sie umarmt hat. Wahrscheinlich, weil ihre Familie, ihr Großvater, Teil dieser Nazi-Vernichtungsmaschinerie war. 

WE.: Was verbindet Deutsche und Israelis außer der Wirtschaft oder dem Holocaust?

Botschafter Hadas-Handelsman: Deutsch-Jüdische Wurzeln gehen sehr weit in die Vergangenheit zurück. Man redet normalerweise immer über den Holocaust. Es war ein wesentlicher „Welch Schande“ Moment. Aber die Juden sind schon mit Julius Cäsar ins Rheingebiet gekommen, also noch als der Tempel in Jerusalem stand und wir unser eigenes Königtum hatten. Dann springen wir tausend Jahre vorwärts und wir sind wieder im Rheingebiet, aber diesmal in Rheinland-Pfalz. Die so genannte SCHUM-Gemeinde. Kennen sie die Geschichte? Die wichtigsten Kommentatoren des Talmud stammen alle aus diesem Gebiet. 

WE.: Sie waren also Aschkenasim?

Botschafter Hadas-Handelsman: Ja. Es ist der babylonische Talmud, nicht der Text selbst, er wurde schon ein paar hundert Jahre vorher abgeschlossen, dann kamen die Kommentatoren. Der berühmteste war Raschi. Bis zu den Kreuzzügen stammten sie alle aus diesem Gebiet. 

Ich war mal in Trier. Da steht das Geburtshaus von Karl Marx. Ein berühmter und widersprüchlicher deutscher Denker und Philosoph. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde dieses Haus, selbstverständlich, beschlagnahmt und dort wurde ein SS oder ein SA Hauptquartier eingerichtet. Aber es geht vor allem um den alten Jüdischen Friedhof. Dort gibt es noch diese Grabsteine. Wer war Marx und wer war seine Frau? Es waren jüdische, aber nicht nur jüdische sondern auch rabbinische Familien auf beiden Seiten. Sein Familienname war nicht Marx, sondern Halevi. 

Sie wissen wer ein Levi ist? Ich bin kein Levi, ich bin nur ein israelischer Botschafter. Der erste Halevi kam im 13 oder 14 Jh. aus Mainz nach Trier, um an einem Rabbinergericht teilzunehmen (er sollte ein verstorbenes Gerichtsmitglied vertreten). Und dann ist er dort geblieben. Das habe ich mit meinen eigenen Augen auf dem Friedhof gesehen, die ganze Familie liegt dort. 

Es ist also kein Wunder, die Deutsch-Jüdischen Wurzeln liegen tief, es ist aber alles vom Holocaust überschattet. Oder nehmen wir das Drehbuch von „Annas Reise“, das sich auf das Buch einer Deutschen Schriftstellerin bezieht und es ist im Prinzip ihre eigene Biographie. Sie kam nach Israel, um als Freiwillige zu arbeiten, hat einen Israeli kennen gelernt, sie haben geheiratet. Dann sind beide nach Deutschland umgezogen, haben sich scheiden lassen und jetzt hat sie einen neuen Mann an Ihrer Seite. Und woher kommt der neue Mann? Aus Israel, selbstverständlich. Nach der Premiere gab es eine Diskussion. Sie war selbst dabei und erzählte ihre Geschichte. Und dann meldete sich jemand aus dem Publikum: „Ich habe die gleiche Geschichte, ich habe auch einen israelischen Mann“. Und dann noch eine. Das war in der alten Kulturbrauerei in Mitte. Es meldeten sich etwa fünf Frauen und dann meinte der Moderator ironisch - er hofft, dass diese seriöse Diskussion jetzt nicht in eine Debatte über die Qualitäten der israelischen Männer ausarten wird. Es gibt auch deutsche Männer und israelische Frauen. So leben wir heute - Deutsche und Israelis: wir vergessen nicht die Vergangenheit, blicken aber in die Zukunft.