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Die Hermeneutik der Tanne oder postfeierliche Prolegomena

Es hat sich so ergeben, dass ich Weihnachten bereits das zweite mal in Folge bei Recherchen für ein Buch im Ausland verbringe. Für Selfies bin ich augenscheinlich nicht hübsch genug, daher habe ich bei meinen Spaziergängen auf den verschiedenen Weihnachtsmärkten (was soll man in Europa in dieser Jahreszeit sonst machen) die geschmückten Weihnachtsbäume fotografiert. Tannen sind grundsätzlich ein geheimnisvolles Artefakt. Sie sind mehr als nur Bäume und tiefgründiger als nur Flora.

Dmytry Vydrin, Philosoph, Autor

Sie sind eher eine verschlüsselte Nachricht, ein Wink des Schicksals, das verborgene Zeichen der kommenden Veränderungen. Daher sind Witze über Tannen nicht angebracht und Ironie ist da ebenfalls fehl am Platz. Kinder, die die Welt besser verstehen als Erwachsene (bevor sie durch Erziehung verdorben werden), verehren den Tannenbaum und haben eigens dafür sogar die Hymne „Im Wald wurd’ die Tanne geboren“ erfunden. Sie bringen der Tanne Gaben und finden im Gegenzug später Geschenke darunter. Erwachsene hingegen, allen voran zynische Politiker, behandeln die Tannen mit einer ebensolchen Verachtung, die sie auch ihren Wählern entgegenbringen, wofür sie dann büßen müssen.

Bestes Beispiel, der ehemalige Präsident der Ukraine Viktor Janukowitsch. Alle seine Probleme begannen, als er bei seinem Auftritt vor ukrainischen Kindern - während der Feierlichkeiten zum Anlass des kommenden Neuen Jahres - vergaß, wie die Tanne in der Sprache der Eingeborenen heißt. Genau ein Jahr später fiel ein schwerer Tannenkranz während einer feierlichen Zeremonie anläßlich des Sieges über Nazideutschland auf seinen unbedeckten Kopf. 

Aber zurück zu den europäischen Tannen. Bei meinem diesjährigen Tannencasting habe ich zu meiner Überraschung fest gestellt, dass sie innerhalb des letzten Jahres erheblich kleiner geworden sind. Beim Vergleich von etwa 30 diesjährigen Bildern mit denen aus dem Vorjahr, kann ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behaupten, dass die Höhe der städtischen Weihnachtsbäume in den europäischen Hauptstädten auf ca. 2,5 Meter geschrumpft ist. Das ist schlecht. Ganz schlecht. 

Bereits letztes Jahr fiel mir auf, dass der größte Weihnachtsbaum auf dem Trafalgar Square in London zu finden war. Als ich das fest stellte, rief ich sofort meine Banker-Freunde an und riet ihnen das Pfund abzustoßen. Großbritannien wird mit ihrer Riesentanne niemals in das immer kleinlichere, infantile Europa rein passen, erklärte ich ihnen. 

Und nun schaue ich mir die Fotos von den jetzigen Tannen in meinen Lieblingshauptstädten an und trauere. In drei Ländern sind die Tannen so richtig winzig - ein Wink über das tief fallende BIP, Inflation und Verschuldung? In anderen drei sind sie fast komplett nackt - ist das nicht ein Anzeichen für das bevorstehende Scheitern der Regierungen dieser Länder, die bei den Wahlen „ausgezogen“ werden? Eine Tanne wurde praktisch von einem Lastwagen platt gemacht. Wenn das nicht einen bevorstehenden Angriff symbolisiert, was dann? 

Übrigens zu einer Tanne bin ich mit der Seilbahn hoch gefahren. Mitten beim Aufstieg hörte ich hinter mir plötzlich ein wütendes Flüstern: „Auf die Knie!“. Zunächst dachte ich an Liebhaber ausgefallener Liebesspiele an öffentlichen Plätzen. Solche Romantiker soll es wohl geben. Als das alternde schwule Pärchen Piercing-klappernd neben mir auf die Knie fiel und dabei die Hände hinter dem Kopf verschränkte, dachte ich voller Grauen, es würde sich um die Auswüchse des östlichen Djihad handeln. Also drehte ich mich langsam um und sah, dass es nur ein Vater war, der seinem Sohn, der mit dreckigen Schuhen auf den Sitz kletterte, Manieren beizubringen versuchte. Es war nur Erziehungsarbeit! Aber das Fest war verdorben, auf dem Weg zur Tanne darf man nämlich nie vor jemand anders auf die Knie gehen. Das vergibt die Tanne nicht. 

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