Die Freiheit die ich meine

Von Dr. Michael Rohschürmann, Politik- und Islamwissenschaftler

Geht es um Menschenrecht, liberale Abwehrrechte, die Freiheit des Glaubens? Eins ist sicher: So wenig es „den Islam“ gibt, so wenig gibt es „die Freiheit“. 

Zur Verteidigung der Freiheit wird ein „Krieg gegen den Terrorismus“ geführt, der in allen westlichen Gesellschaften Einschnitte in die bürgerlichen Freiheitsrechte mit sich bringt. Fast vergessen scheint Benjamin Franklins Aussage: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“

Im post-aufklärerischen Europa verstehen wir Freiheit zumeist als Entscheidungsfreiheit ohne Zwang. So betont Jean-Jaques Rousseau „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“

Dr. Michael Rohschürmann

Die Autonomie des Individuums soll frei von äußeren Zwängen sein und frei zu Handlungen die einzig dem eigenen Willen entsprechen. Sie soll erst dort enden, wo die Freiheitsrechte anderer Individuen betroffen sind. Dies war jedoch nicht immer so.

Die Antike, auch in den „demokratischen“ griechischen Stadtstaaten, verstand Freiheit als Privileg einer bestimmten Schicht und auch hier nur des männlichen Teils der Bevölkerung. Allein der Begriff „Freie“ schloss Frauen und Sklaven, sowie Lohnknechte aus. Auch und gerade im Bereich der Politik und des Krieges wurden Entscheidungsfreiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sehr Praxis orientiert betrachtet.

Der „Melierdialog“ aus Thukydides „Der peloponnesische Krieg“ zeigt, die Athener – in der Aufklärung gerne als Leuchtfeuer der Demokratie und Verteidiger der Freiheit gegen die Perser verstanden – bei der Verteidigung ihrer Interessen als Vertreter einer Realpolitik der Stärke. Während die militärisch überlegenen Athener von deutlich schwächeren Bewohnern der Insel Melos die Unterwerfung fordern, argumentieren diese mit Ihrem Recht auf Freiheit – hier auf die Freiheit sich keinem Bündnis anschließen zu müssen. Dem entgegnen die Athener: „Recht kann nur zwischen Gleichen gelten, bei ungleichen Kräfteverhältnissen tut der Starke, was er kann, und erleidet der Schwache, was er muss.“

Für viele frühe Kulturen war das Konzept der Ungleichheit so selbstverständlich, dass Hierarchien auch bei den Göttern gesehen wurden und in den Rang eines  vormenschlichen Konzeptes erhoben wurde, ja ein Naturgesetz war.

Erstmals die monotheistischen Religionen – ein einziger Gott brauchte keine anderen Götter mehr zu beherrschen - beschäftigten sich mit dem Thema der Freiheit, umgingen die Frage der real existierenden Herrschaft jedoch indem sie die individuelle Freiheit lediglich im Bereich des Glaubens verorteten: „So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

Gerade die organisierten Großkirchen, selbst hierarchisch aufgebaut und mit den jeweiligen Herrschaften vielfältig verbunden, sahen ein ausgearbeitetes Klassen- und Herrschaftssystem lange als notwendige Voraussetzung zur Rettung der unsterblichen Seelen der Menschheit an. 

Sehr eindrücklich schildert dies Fjodor Dostojewski im Großinquisitordialog seiner Gebrüder Karamasov: In der Hochphase der spanischen Inquisition erscheint Jesus im Sevilla des 17. Jahrhunderts, tut Wunder und wird schnell von der Inquisition verhaftet. Während der Vernehmung betont der Großinquisitor Jesus habe kein Recht jetzt einfach zurückzukommen und die Ordnung durcheinanderzubringen, die die Kirche erschaffen habe. Er, Jesus,  habe das Brot, das Wunder und die Macht, die der Satan ihm in der Wüste angeboten hatte, zurückgewiesen und damit der Menschheit eine Freiheit gegeben, mit der diese gar nichts anfangen könne und unter der sie seither leide. Jesus Botschaft sei für besondere, auserwählte und willensstarke Menschen, welche trotz ständiger Versuchungen die Kraft hätten das Richtige zu tun. Die Kirche jedoch sei für alle, auch für die Schwachen, da und treibe diese durch strenge Regeln und Härte ins Paradies – in dem vollen Bewusstsein dabei ihre Seelen zu opfern: „Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und jenseits des Grabes nur den Tod finden.“

Was Dostojewski hier zum Ausdruck bringt hatte auch schon der große islamische Gelehrte al-Ghazzali erkannt. Er, der im Westen als Bewahrer und Überlieferer der griechischen Philosophie bekannt wurde, wandte sich nach einem Leben als kritischer Philosoph dem, Sufismus, der islamischen Mystik, zu. Es sei nicht die gelehrte Rede der Philosophen, sondern der „Glaube der alten Frauen“, welche die Menschen befreie. Der ständige Streit der Gelehrten verunsichere die Menschen, entferne sie von Gott und mache sie unglücklich. 

Die „islamische Aufklärung“, die immer wieder gefordert WIRD gab es bereits – lange bevor der Begriff in Europa erfunden wurde. Sie wurde vergessen  ,    weil die politischen Rahmenbedingungen andere Schwerpunkte setzten und vielfältige Konflikte dazu führten, dass sich die Menschen vermeintlichen Sicherheiten und einfachen Antworten zuwandten.

Der Satz „Der Islam ist noch nicht so weit“ zeigt ein lineares Geschichtsverständnis von einer konstanten Weiterentwicklung der Zivilisationen. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt uns, dass dies keineswegs die Regel ist. Vielmehr sehen wir eine Folge von Umbrüchen, Rückgriffen und neuen Konzepten. Das die Werte der Aufklärung so tief in unserer eigenen Gesellschaft verwurzelt sind das sie unmöglich wieder verschwinden könnten bleibt zu hoffen – sicher ist es indes nicht.

Fortsetzung folgt...