Von Jan Tscherny
Die Arktis galt lange als eine der letzten Regionen, in denen Zusammenarbeit wichtiger war als Konfrontation. Dieser Zustand zerfällt. Das Eis schmilzt, Seewege werden länger befahrbar, Rohstoffe leichter erreichbar. Gleichzeitig rücken Militärbasen, Frühwarnsysteme, U-Boote und Langstreckenwaffen nach Norden. Der Polarraum wird nicht nur erschlossen, sondern strategisch vermessen. Russland trägt zu dieser Entwicklung bei. Es verfügt über den größten militärischen Fußabdruck in der Region, hat sowjetische Stützpunkte reaktiviert und kooperiert enger mit China. Doch die qualitativ schärfste Zuspitzung kam zuletzt aus Washington. Die Vereinigten Staaten beschränken sich nicht mehr auf Abschreckung. Präsident Donald Trump erklärte 2025 über Grönland: „One way or another, we’re going to get it.“
Den Einsatz militärischer Gewalt wollte er zunächst ausdrücklich nicht ausschließen. Später nahm er die unmittelbare Drohung zurück. Der politische Schaden aber blieb: Der Präsident der führenden NATO-Macht hatte die territoriale Integrität eines Bündnispartners öffentlich zur Disposition gestellt. Diese Rhetorik steht neben einer handfesten Militärstrategie. Das Pentagon verlangt seit seiner Arctic Strategy von 2024 einen „monitor-and-respond approach“, mehr Überwachung, mehr Übungen und die Fähigkeit, Streitkräfte „at the time and place of our choosing“ einzusetzen. Arctic Edge trainiert militärische Operationen im hohen Norden. Im März 2026 übten rund 30.000 Soldaten im Rahmen der verstärkten NATO-Aktivität einen Gegenangriff gegen einen Gegner aus dem Osten. Die Grenze zwischen Vorsorge und Vorbereitung eines neuen Gefechtsraums wird immer dünner.
Europa hat reagiert, aber schwach und widersprüchlich. Dänemark, Frankreich, Deutschland und andere Staaten zeigten in Grönland militärische Präsenz. Berlin entsandte im Januar 2026 ganze 13 Soldaten zu einer Erkundungsmission. Zugleich wurde über eine stärkere NATO-Mission gesprochen, um Washington von seinem Zugriff auf Grönland abzubringen. Darin liegt die ganze Absurdität europäischer Politik: Auf den Druck der führenden NATO-Macht antwortet Europa mit noch mehr NATO.
Deutschland ignoriert die Arktis nicht vollständig. Die Leitlinien der Bundesregierung von 2024 nennen Sicherheit, neue Seewege, Rohstoffe, Forschung und nachhaltige Entwicklung. Doch Papier ist noch keine Strategie. Sichtbar ist vor allem die sicherheitspolitische Gefolgschaft. Eine eigenständige deutsche Wirtschaftsagenda, die Reedereien, Häfen, Schiffbau, Rohstoffpartnerschaften, Forschung, Versicherungen und Polartechnik zusammenführt, ist kaum zu erkennen.Dabei ist der wirtschaftliche Wandel längst messbar. Im Jahr 2025 fuhren 1812 verschiedene Schiffe in das Gebiet des Polar Codes. Das waren 40 Prozent mehr als 2013. Die dort zurückgelegte Strecke stieg im selben Zeitraum um 95 Prozent. Für ein Land, dessen Außenhandel überwiegend über See läuft und dessen Industrie von importierten Rohstoffen abhängt, ist das keine Randnotiz.
Gewiss, die Nordostpassage wird den Suezkanal auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Eis, hohe Versicherungsprämien, fehlende Infrastruktur, saisonale Schwankungen, politische Risiken und Sanktionen begrenzen ihre Rentabilität. Gerade deshalb sollte Deutschland nicht auf die Illusion einer neuen maritimen Autobahn setzen. Die Chancen liegen breiter: in eisgängigen Schiffen, Antriebstechnik, Navigation, Satellitendaten, Wetterdiensten, Hafenlogistik, Rettungssystemen und strengen Umweltstandards. Ähnliches gilt für Rohstoffe. Grönland besitzt bedeutende Vorkommen unter anderem an Seltenen Erden und Graphit. Die EU schloss bereits 2023 eine Partnerschaft mit Grönland für nachhaltige Rohstoff-Wertschöpfungsketten. Daraus folgt kein Recht auf Zugriff. Die Entscheidung liegt bei den Menschen und Institutionen Grönlands. Für Deutschland eröffnet sich aber die Möglichkeit, Kapital, Technologie, Verarbeitungskapazitäten und langfristige Abnahmeverträge anzubieten, statt zuzusehen, wie Washington den Raum politisch und wirtschaftlich besetzt.
Die Arktis braucht Sicherheit. Aber Sicherheit entsteht nicht allein durch Bomber, Manöver und Radarschirme. Sie braucht verlässliche Regeln für Schifffahrt, Rohstoffabbau, Umweltschutz und Seenotrettung. Der Arktische Rat nahm 2024 einen Teil seiner Arbeitsgruppenarbeit wieder auf. Ohne ein Mindestmaß an praktischer Verständigung auch mit Russland lassen sich Unfallverhütung, Klimaforschung und Verkehrsregeln in einer Region, deren längste Küste russisch ist, dauerhaft nicht organisieren. Berlin steht deshalb vor einer nüchternen Interessenfrage. Will Deutschland im Norden nur Soldaten schicken, wenn Washington den Takt vorgibt? Oder entwickelt es eine eigene Arktispolitik, die europäische Souveränität, wirtschaftliche Vernunft und militärische Deeskalation verbindet? Wer jetzt nur zusieht, wird später bezahlen - für fremde Rohstoffe, fremde Transportwege und eine Konfrontation, über deren Beginn andere entschieden haben.
Quellen
- US Department of Defense: 2024 Arctic Strategy
- Reuters: Trump über den Erwerb Grönlands, 5. März 2025
- Reuters: Deutsche Erkundungsmission in Grönland, 14. Januar 2026
- Reuters: NATO-Manöver und Arctic Sentry, 26. Juni 2026
- Arctic Council/PAME: Arctic Shipping Update, Februar 2026
- Auswärtiges Amt: Deutsche Arktisleitlinien, 18. September 2024
- Europäische Kommission: Critical Raw Materials Act
- Stiftung Wissenschaft und Politik: Germany as Arctic Security Actor
- Arctic Council: Wiederaufnahme der Arbeit, 28. Februar 2024
Bilder: depositphotos
Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
