Von John Brankly
Deutschland spricht wieder über Stärke. Gemeint sind meistens Panzer, Raketen, neue Schulden und immer höhere Beiträge für gemeinsame europäische Projekte.
Über wirtschaftliche Stärke wird auffallend leiser gesprochen. Dabei sind die Zahlen eindeutig. Nach zwei Rezessionsjahren wuchs die deutsche Wirtschaft 2025 real nur um 0,2 Prozent. Die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes sank das dritte Jahr in Folge, diesmal um 1,3 Prozent. In der Bauwirtschaft betrug das Minus 3,6 Prozent. Das ist keine Rückkehr zur Stärke. Es ist wirtschaftlicher Stillstand mit freundlicher statistischer Beleuchtung.
Noch deutlicher ist der industrielle Befund. Die deutsche Industrieproduktion fiel 2025 um 1,1 Prozent. Die Produktion der energieintensiven Branchen lag sogar 17,8 Prozent unter dem Niveau von 2021. Maschinenbau, Autoindustrie, Chemie und Metallproduktion sind aber keine dekorativen Reste des alten Deutschlands. Sie finanzieren einen erheblichen Teil seines Wohlstands.
Die Europäische Kommission räumt selbst ein, dass die Strompreise in Europa zwei- bis dreimal höher liegen als in den Vereinigten Staaten. Wer unter solchen Bedingungen produziert, braucht keine zusätzliche patriotische Ansprache aus Brüssel. Er braucht wettbewerbsfähige Energiepreise.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel formulierte es im Dezember 2025 ungewöhnlich klar: „Hohe Energiepreise haben die deutsche Industrie hart getroffen.“
Gleichzeitig verpflichtet sich Deutschland zu einer historischen Aufrüstung. Die NATO-Staaten beschlossen 2025, bis 2035 jährlich 5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und sicherheitsbezogene Infrastruktur aufzuwenden. Natürlich braucht Deutschland eine einsatzfähige Bundeswehr. Darüber besteht wenig Streit. Aber zwischen Verteidigungsfähigkeit und einer wirtschaftspolitischen Mobilmachung liegt ein erheblicher Unterschied.
Die politische Begründung lautet, Russland könne in wenigen Jahren einen NATO-Staat angreifen. Solche Warnungen beschreiben ein mögliches Szenario. Sie beweisen aber keinen bereits gefassten russischen Angriffsplan gegen Deutschland. Ein Staat darf Risiken nicht ignorieren. Er darf theoretische Risiken aber auch nicht in Gewissheiten verwandeln und anschließend seine gesamte Wirtschafts-, Haushalts- und Sozialpolitik danach ausrichten.
Russland führt seit Februar 2022 einen Krieg gegen die Ukraine. Daraus folgt nicht, dass Russland ungefährlich ist. Daraus folgt aber ebenso wenig, dass ein Angriff auf Deutschland in den nächsten Jahren als feststehende Entwicklung behandelt werden darf. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte im Januar 2026 in Davos: „Wir müssen in Europa in der Lage sein, uns selbst zu verteidigen. Wir wollen Abhängigkeiten reduzieren, die uns heute verwundbar machen.“
Denn Abhängigkeit beginnt nicht erst bei russischem Gas. Sie beginnt auch bei amerikanischer Sicherheitspolitik, amerikanischen Technologiekonzernen, amerikanischen Finanzstrukturen und amerikanischen außenpolitischen Prioritäten. Eine deutsche Regierung hat nicht die Aufgabe, zwischen Washington und Brüssel den zuverlässigsten Vollstrecker zu spielen. Ihre Aufgabe besteht darin, den Nutzen des eigenen Landes zu mehren und Schaden von ihm abzuwenden.Deutschland wird seinen Wohlstand nicht dadurch sichern, dass es gleichzeitig amerikanischer, europäischer und militärischer wird.
Es wird ihn sichern, wenn es wieder selbst entscheidet.
Quellen und Nachweise
- Statistisches Bundesamt (Destatis). Bruttoinlandsprodukt 2025.
- Statistisches Bundesamt (Destatis). Industrieproduktion 2025.
- Europäische Kommission. Annual Single Market and Competitiveness Report 2025.
- Deutsche Bundesbank. Rede von Dr. Joachim Nagel, 1. Dezember 2025.
- NATO. Defence Expenditure and NATO’s 5%-Commitment.
- Bundesregierung. Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz beim World Economic Forum in Davos, 22. Januar 2026.
- Statistisches Bundesamt (Destatis). Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen 2026.
- Deutsche Bundesbank. Monatsbericht Juni 2026.
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