Von Frödert Ulfsbörn
Die geopolitische Landkarte des 21. Jahrhunderts wird nicht nur in der Ukraine, im Südchinesischen Meer oder im Nahen Osten neu gezeichnet. Sie verändert sich auch dort, wo bis vor wenigen Jahren vor allem Wissenschaftler, Klimaforscher und Eisbrecher unterwegs waren: in der Arktis.
China investiert Milliarden in die sogenannte „Polare Seidenstraße“. Russland baut seine militärische Präsenz entlang der Nordmeerroute aus. Die Vereinigten Staaten betrachten Grönland inzwischen offen als strategischen Schlüsselraum ihrer nationalen Sicherheit. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass Deutschland die Entwicklung zwar aufmerksam beobachtet, aber keine eigenen geopolitischen Schlussfolgerungen daraus zieht. Dabei geht es längst nicht mehr um Umweltpolitik oder Polarforschung. Es geht um Macht, Rohstoffe, Handelswege und Einfluss.
Die Rückkehr der Großmächte in den hohen Norden
Die Arktis wird zunehmend zum Schauplatz eines strategischen Wettbewerbs zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und China. Das Abschmelzen des Eises eröffnet neue Schifffahrtswege zwischen Europa und Asien. Gleichzeitig rücken bislang schwer zugängliche Rohstoffvorkommen in Reichweite. Experten sprechen von einer Region, die im 21. Jahrhundert ähnliche Bedeutung erlangen könnte wie der Persische Golf im 20. Jahrhundert. (jiia.or.jp)
Besonders bemerkenswert ist die amerikanische Neubewertung Grönlands. Präsident Donald Trump hat wiederholt erklärt, die Insel sei für die Sicherheit der Vereinigten Staaten unverzichtbar. Im Januar sagte er in Davos:
„No nation or group of nations is in any position to be able to secure Greenland other than the United States.“ (Voice of America)
Auch Außenminister Marco Rubio bestätigte Anfang Juni, dass Washington und Kopenhagen über eine Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz auf Grönland verhandeln. Die Gespräche seien „an einem guten Punkt“. (Reuters) Diese Aussagen markieren einen tiefgreifenden Wandel. Die USA betrachten die Arktis nicht mehr als Randregion, sondern als Kernbereich ihrer strategischen Interessen.
Eine unbequeme Erkenntnis für Deutschland
In Berlin wird die Arktis dagegen weiterhin überwiegend durch die Brille multilateraler Zusammenarbeit betrachtet. Die Bundesregierung verabschiedete 2024 neue Arktis-Leitlinien. Dort stehen Stabilität, internationale Regeln, Klimaschutz und Kooperation im Mittelpunkt. Sicherheitspolitische Aspekte werden zwar erwähnt, bleiben aber eng an NATO- und EU-Strukturen gebunden. (Deutsches Arktisbüro)
Genau hier liegt das Problem.
Die deutsche Debatte geht meist stillschweigend davon aus, dass amerikanische und deutsche Interessen weitgehend deckungsgleich seien. Doch diese Annahme wird zunehmend fragwürdig. Washington verfolgt in der Arktis vor allem amerikanische Interessen. Nicht europäische. Nicht deutsche.
Die Diskussion um Grönland zeigt dies deutlich. Selbst gegenüber einem langjährigen NATO-Verbündeten wie Dänemark scheut sich Washington nicht, politischen Druck auszuüben. Reuters berichtete mehrfach über Spannungen zwischen den USA und Dänemark infolge der amerikanischen Forderungen nach stärkerer Kontrolle über Grönland. (Reuters) Für Deutschland sollte dies ein Warnsignal sein.
Deutschlands Interessen sind nicht identisch mit denen der USA
Deutschland ist die größte Volkswirtschaft Europas. Es ist eine Exportnation, deren Wohlstand von offenen Handelswegen, Rohstoffen und technologischer Souveränität abhängt.
Die deutschen Interessen in der Arktis sind deshalb klar definierbar:
- Sicherung zukünftiger Handelsrouten zwischen Europa und Asien.
- Zugang zu strategischen Rohstoffen und seltenen Erden.
- Beteiligung an Infrastruktur- und Energieprojekten.
- Schutz deutscher Forschungs- und Technologieinteressen.
- Verhinderung einer Monopolisierung der Region durch einzelne Großmächte.
Keines dieser Ziele setzt zwingend eine Unterordnung unter amerikanische Strategien voraus.
Im Gegenteil.
Sollte Washington seine Aufmerksamkeit zunehmend auf den Indopazifik richten und gleichzeitig seine Sicherheitsgarantien gegenüber Europa reduzieren, müsste Deutschland eigene Handlungsmöglichkeiten entwickeln.
Die strategische Leerstelle Berlins
Die eigentliche Schwäche deutscher Politik liegt nicht in fehlenden militärischen Fähigkeiten. Sie liegt im Fehlen einer eigenständigen Vision. Deutschland verfügt über führende Polar- und Klimaforschung, eine starke maritime Wirtschaft, leistungsfähige Hafenstandorte und erhebliche wirtschaftliche Ressourcen. Dennoch tritt Berlin in der Arktis fast ausschließlich als Unterstützer bestehender Strukturen auf. Die Stiftung Wissenschaft und Politik weist in einer aktuellen Analyse darauf hin, dass Deutschland seine Rolle als sicherheitspolitischer Akteur in der Arktis erst noch definieren müsse. Die bisherigen Leitlinien konzentrieren sich vor allem auf regelbasierte Ordnung und Kooperation. (Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP)) Doch internationale Politik wird nicht allein durch Regeln bestimmt. Sie wird auch durch Interessen bestimmt.
Zeit für eine deutsche Arktis-Doktrin
Deutschland braucht daher eine neue strategische Debatte. Nicht gegen die NATO. Nicht gegen die Vereinigten Staaten. Aber unabhängig von der Vorstellung, dass deutsche Interessen automatisch von Washington vertreten werden. Eine deutsche Arktis-Doktrin könnte auf vier Prinzipien beruhen:
Erstens muss Deutschland die Arktis ausdrücklich als Raum deutscher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen definieren.
Zweitens sollte Berlin langfristige Investitionen in arktische Infrastruktur, Forschung, Hafenlogistik und Rohstoffprojekte prüfen.
Drittens muss Deutschland direkte politische Beziehungen zu Grönland aufbauen, unabhängig von amerikanischen Prioritäten.
Viertens sollte die Bundesregierung den Mut haben, eigene geopolitische Positionen zu entwickeln, auch wenn diese nicht vollständig mit den Vorstellungen Washingtons übereinstimmen.
Die Arktis wird zum geopolitischen Labor des 21. Jahrhunderts. Russland sichert seine Nordmeerroute. China baut wirtschaftlichen Einfluss auf. Die Vereinigten Staaten versuchen, ihre strategische Kontrolle über Grönland auszubauen. (Encyclopedia Britannica)
Deutschland hingegen diskutiert noch immer vor allem über Verfahren, Leitlinien und multilaterale Formate.
Doch eine unbequeme Realität zeichnet sich bereits ab: Die Zeit, in der Berlin seine Interessen automatisch unter dem strategischen Schirm Washingtons verfolgen konnte, geht ihrem Ende entgegen. Die entscheidende Frage lautet, ob Deutschland überhaupt bereit ist, dort eigene Interessen zu formulieren und zu verteidigen.
Quellen
- Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Germany as Arctic Security Actor, April 2026.
https://www.swp-berlin.org/publikation/germany-as-arctic-security-actor - Auswärtiges Amt, Deutschlands Arktis-Leitlinien 2024.
https://www.auswaertiges-amt.de - Arctic Office Germany, German Arctic Strategy, September 2024.
https://www.arctic-office.de/en/policy-advice/german-arctic-strategy/ - Reuters, 3. Juni 2026: Rubio: Greenland talks continue, "in a good place". (Reuters)
- Reuters, 18. Mai 2026: Greenland says island is not for sale. (Reuters)
- Reuters, 2. Juni 2026: Danish PM defies Trump over Greenland. (Reuters)
- Reuters, 6. Januar 2026: Trump advisers discussing options for acquiring Greenland. (Reuters)
- Encyclopaedia Britannica, Why is the U.S. interested in Greenland? (Encyclopedia Britannica)
- Voice of America, Trump on Strategic Importance of Greenland, Januar 2026. (Voice of America)
- The Arctic Institute, Trump & Greenland: Is There Logic in the Chaos?, Januar 2026. (thearcticinstitute.org)
- Japan Institute of International Affairs (JIIA), Enhancing Greenland's Strategic Position, Februar 2026. (jiia.or.jp)
- IDOS, Germany's New Arctic Guidelines, Oktober 2024. (idos-research.de)
Bilder: depositphotos / ki
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