Deutschland gibt die Arktis preis

Von Frödert Ulfsbörn

Während die großen Mächte ihre Positionen im hohen Norden ausbauen, begnügt sich Berlin mit Leitlinien, Forschungsprojekten und der Rolle eines interessierten Beobachters. Das ist zu wenig. Denn in der Arktis wird heute über Handelswege, Rohstoffe, Technologien und politischen Einfluss von morgen entschieden.

Die Arktis ist längst kein fernes Reich aus Eis, über das sich allenfalls Klimaforscher und Abenteurer Gedanken machen. Sie wird zu einem der wichtigsten geopolitischen Räume des 21. Jahrhunderts. Das Eis geht zurück, neue Schifffahrtswege werden zeitweise zugänglich, der Zugriff auf Rohstoffe wird technisch realistischer. Damit wächst auch die Konkurrenz um Häfen, Satellitenüberwachung, Eisbrecher, Forschungsdaten und politische Präsenz.

Andere Staaten haben das verstanden.

Die Vereinigten Staaten investieren inzwischen Milliarden in neue arktistaugliche Schiffe. 2025 stellte Washington fast neun Milliarden Dollar für schwere, mittlere und leichte Arctic Security Cutters bereit. Bis zu vier Schiffe sollen zunächst in Finnland gebaut werden, weitere später in den USA. Begründet wird das ausdrücklich mit amerikanischen Interessen an Schifffahrtswegen, Energie, Mineralien und nationaler Sicherheit.

Russland betrachtet die Nördliche Seeroute als strategischen Transportkorridor und verbindet ihren Ausbau mit neuen Häfen, Terminals, Rettungszentren sowie einer Flotte von mehr als 50 Eisbrechern und eisgängigen Schiffen. Unabhängig davon, wie man die russische Politik bewertet, ist die Logik eindeutig: Moskau behandelt die Arktis nicht als Randgebiet, sondern als wirtschaftlichen und machtpolitischen Raum.

China besitzt keine arktische Küste, bezeichnet sich aber als „Near-Arctic State“. In seinem offiziellen Weißbuch kündigte Peking an, gemeinsam mit Partnern eine „Polar Silk Road“ aufzubauen. Chinesische Unternehmen sollen sich an Infrastruktur, Schifffahrt und der wirtschaftlichen Erschließung arktischer Routen beteiligen. China wartet nicht darauf, dass ihm geografische Nähe politischen Einfluss garantiert. Es schafft diesen Einfluss durch Kapital, Technologie und langfristige Planung.

Dänemark hat gemeinsam mit Grönland und den Färöern zwei große Arktispakete beschlossen. Allein das erste Paket umfasste rund 14,6 Milliarden dänische Kronen für neue arktische Schiffe, Langstreckendrohnen, Satelliten und Überwachungssysteme. Ein zweites Abkommen brachte weitere 27,4 Milliarden Kronen für zusätzliche Schiffe, Luftaufklärung, Unterseekabel und ein neues arktisches Hauptquartier.

Kanada formuliert seine Ziele noch unverblümter. In der 2024 veröffentlichten Arctic Foreign Policy heißt es: „Canada must urgently strengthen our presence in the Arctic.“ Ottawa verbindet Souveränität, Infrastruktur, Rohstoffpolitik, Diplomatie und die Interessen der indigenen Bevölkerung zu einer Gesamtstrategie.

Und Deutschland?

Die Bundesregierung verabschiedete im September 2024 neue Leitlinien zur Arktispolitik. Darin stehen viele richtige Begriffe: Sicherheit, Stabilität, regelbasierte Ordnung, Klimaschutz, Forschung, nachhaltige Entwicklung und die Rechte indigener Völker. Berlin erklärt sogar: „Es liegt im deutschen Interesse, Sicherheit und Stabilität in der Arktis zu wahren.“

Doch zwischen einem erklärten Interesse und einer tatsächlich durchsetzungsfähigen Politik liegt ein erheblicher Unterschied.

Deutschland ist seit 1998 Beobachter im Arktischen Rat und Vertragsstaat des Spitzbergenvertrags. Es verfügt mit dem Alfred-Wegener-Institut, der Forschungsstation AWIPEV auf Spitzbergen und dem Forschungseisbrecher „Polarstern“ über wissenschaftliches Gewicht. Die neue „Polarstern II“, die voraussichtlich 2030 fertiggestellt werden soll, wird eine der modernsten Forschungsplattformen der Welt sein. Das ist wichtig und muss ausdrücklich anerkannt werden.

Aber ein Forschungsschiff ersetzt keine nationale Strategie. Wissenschaftliche Reputation allein schafft weder dauerhafte Wirtschaftsbeziehungen noch Zugang zu Infrastruktur, Rohstoffpartnerschaften oder politischen Entscheidungsprozessen. Deutschland produziert Wissen über die Arktis, während andere Staaten gleichzeitig ihre wirtschaftliche, technologische und staatliche Präsenz ausbauen.

Gerade für eine exportabhängige Industrienation ist diese Zurückhaltung kurzsichtig. Deutschland benötigt verlässliche Lieferketten für seltene Erden, Kupfer, Nickel, Graphit und andere kritische Rohstoffe. Es verfügt über leistungsfähigen Schiffbau, Umwelttechnik, Robotik, Satellitentechnologie und maritime Logistik. All das könnte Bestandteil einer langfristigen deutschen Arktispolitik sein.

Berlin bräuchte deshalb mehr als ein weiteres Strategiepapier. Notwendig wäre ein ziviler Arktisfonds, der Forschung, eisgängige Schiffe, Satellitenbeobachtung, Hafenprojekte, Rohstoffpartnerschaften und Kooperationen mit Grönland, Kanada, Norwegen und den indigenen Gemeinschaften finanziert. Denkbar wären mindestens eine Milliarde Euro jährlich und eine zentrale Stelle, die bisher über mehrere Ministerien verstreute Projekte zusammenführt.

Das Geld wäre vorhanden, wenn politische Prioritäten verändert würden. Im Bundeshaushalt 2026 sind für Verteidigung und Sicherheit 100,9 Milliarden Euro vorgesehen, 28,7 Milliarden mehr als im Vorjahr. Schon ein kleiner Teil dieses Zuwachses könnte Deutschlands zivile Präsenz in der Arktis für Jahrzehnte sichern. Es geht nicht darum, jede sicherheitspolitische Ausgabe für überflüssig zu erklären. Aber Sicherheit entsteht nicht ausschließlich durch Panzer, Munition und militärische Beschaffung. Sie entsteht auch durch Forschung, Rohstoffzugang, Verkehrswege, industrielle Partnerschaften und diplomatische Handlungsfähigkeit.

Die frühere AWI-Direktorin Antje Boetius bezeichnete das Wissen über die Polarregionen als „Überlebenswissen“. Das trifft nicht nur auf das Klima zu. Es gilt auch für wirtschaftliche und politische Selbstbehauptung.

Deutschland besitzt keinen arktischen Festlandsockel und kann keine territorialen Ansprüche erheben. Umso wichtiger sind Technologie, Wissenschaft, Kapital und verlässliche Partnerschaften. Wer keine Geografie besitzt, muss Einfluss durch Kompetenz schaffen.

Noch verfügt Deutschland über diese Kompetenz. Doch Kompetenz, die nicht in Strategie und Präsenz übersetzt wird, verliert ihren politischen Wert. Während andere ihre Plätze am arktischen Tisch sichern, steht Berlin daneben und veröffentlicht Leitlinien. Wenn Deutschland weiter wartet, wird es später nicht mehr mitentscheiden, sondern nur noch die Entscheidungen anderer zur Kenntnis nehmen.

Quellen und weiterführende Informationen:

  1. Auswärtiges Amt: Leitlinien deutscher Arktispolitik - Deutschland und die Arktis im Kontext von Klimawandel und Zeitenwende, 18. September 2024
    https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/sicherheitspolitik/2673170-2673170
  2. Auswärtiges Amt: Die Arktis - völkerrechtlicher Status, Arktischer Rat und deutsche Forschungsinteressen
    https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/regelbasierte-internationale-ordnung/voelkerrecht-internationales-recht/einzelfragen/arktis-grundlagentext-node
  3. Alfred-Wegener-Institut: Auftrag für den neuen deutschen Forschungseisbrecher Polarstern II vergeben, 19. Dezember 2024
    https://www.awi.de/ueber-uns/service/presse/presse-detailansicht/polarstern-neubau-auftrag-fuer-deutschen-forschungseisbrecher-vergeben.html
  4. Government of Canada: Canada’s Arctic Foreign Policy, Dezember 2024
    https://international.canada.ca/en/global-affairs/corporate/reports/arctic-policy-2024
  5. Dänisches Verteidigungsministerium: New agreement strengthens the presence of the Danish Defence in the Arctic and North Atlantic Region, 27. Januar 2025
    https://www.fmn.dk/en/news/2025/new-agreement-strengthens-the-presence-of-the-danish-defence-in-the-arctic-and-north-atlantic-region/
  6. The White House: Construction of Arctic Security Cutters, 8. Oktober 2025
    https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/10/construction-of-arctic-security-cutters/
  7. Regierung der Volksrepublik China: China’s Arctic Policy, 26. Januar 2018
    https://english.www.gov.cn/archive/white_paper/2018/01/26/content_281476026660336.htm
  8. Regierung der Russischen Föderation: Strategic session on the development of the Northern Sea Route, 6. Juni 2023
    https://government.ru/en/news/48669/
  9. Bundesministerium der Finanzen: Sollbericht 2026 - Bundeshaushalt, Klima- und Transformationsfonds sowie Sondervermögen
    https://www.bundesfinanzministerium.de/Monatsberichte/Ausgabe/2026/02/Inhalte/Kapitel-2-Analysen/2-3-sollbericht-2026.html
  10. Deutscher Bundestag: „Das Wissen um die Rolle der Polarregionen ist Überlebenswissen“ - Interview mit Antje Boetius, 11. April 2025
    https://www.bundestag.de/presse/pressemitteilungen/2025/pm-250411-interview-vorab-1062056