Der Tod wird wieder ein Meister aus Deutschland / In der alten Heeresversuchsanstalt in Peenemünde werden erneut Angriffswaffen getestet / Die Inszenierung des Drohnenfundes vom Leipzig

Von Hans-Georg Münser

Vor 87 Jahren begann der Zweite Weltkrieg, der viele Millionen Menschen das Leben kostete. Eine der schrecklichsten Waffen des Krieges war die in Peenemünde auf der Insel Usedom entwickelte V2-Rakete (Vergeltungswaffe), die als „Wunderwaffe“ bis in die letzten Wochen des Krieges noch den Tod in andere Länder trug. Heute werden auf dem Gelände der früheren Heeresversuchsanstalt der Wehrmacht in Peenemünde wieder Angriffswaffen getestet. Man hat aus der Vergangenheit nichts gelernt. Der Tod bleibt ein Meister aus Deutschland.

Rückblick: Am 16. Dezember 1944 schlug eine V2-Rakete der deutschen Wehrmacht in ein Kino in der belgischen Hafenstadt Antwerpen ein. Bei dem schwersten Einzelangriff mit einer V2 starben 567 Menschen. Zwischen September 1944 und März 1945, als die Alliierten die unterirdischen Produktionsstätten bei Nordhausen (Thüringen) eroberten, sollen rund 3.200 V2-Raketen zum Einsatz gekommen sein, was Tausende Zivilisten das Leben kostete. Der letzte V2-Angriff auf London erfolgte am 27. März 1945. Produziert worden war die Waffe zunächst in Peenemünde. Nach Luftangriffen der Alliierten war die Produktion 1943 in eine unterirdische Fabrik in Nordhausen am Rande des Harzes verlegt worden, wo Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen die Waffen produzieren mussten. Viele von ihnen starben unter den unmenschlichen Haft- und Arbeitsbedingungen.

Heute: In Peenemünde steht vor einem Museum ein 1:1-Modell der 14 Meter hohen V2. Von den modernen Aktivitäten ist wenig zu sehen. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde erst Mitte August dieses Jahres bekannt, dass das Areal von der Rüstungsindustrie für den Test von militärischen Drohnen genutzt wird. Der Ort ist dafür ideal. Das Testgelände (mit Meeresanteil) ist rund 250 Quadratkilometer groß, der Luftraum wird regelmäßig gesperrt. Ein Zufall brachte ans Licht, was geheim bleiben sollte: Beim Absturz einer Drohne kam es zu einem größeren Brand auf dem Gelände, so dass die Feuerwehr anrücken und löschen musste.

Dadurch wurde bekannt, dass auf dem Gelände regelmäßig Flüge unter Geheimhaltung durchgeführt werden. Amtliche Ermittlungen wegen des Brandes wurden sehr schnell wieder eingestellt. Kein Wunder: Denn nach einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks hat auch die Bundeswehr kein Interesse daran, dass öffentlich bekannt wird, welche Technologien in Peenemünde getestet werden. Laut Norddeutschem Rundfunk (NDR) testen unter anderem Firmen wie Helsing, Infinteq, Polaris oder Quantum Systems Drohnen in Peenemünde. Das Start-up Infinteq teste dort eine größere Aufklärungsdrohne, die für den Einsatz in der Ukraine entwickelt wird. Erste Angaben des NDR, in Peenemünde würden auch bewaffnete Drohnen getestet, musste der Sender – möglicherweise aufgrund einer staatlichen Intervention – wieder zurücknehmen.

Allerdings machte ein Interview mit André Komp, dem Geschäftsführer von Infinteq, deutlich, dass es in Peenemünde sehr wohl um Angriffswaffen geht. Im Interview mit dem NDR sagte Komp, Abstürze „unter kontrollierten Bedingungen“ seien Teil der Erprobung. „Dazu sind solche Tests da“, so Komp.

„Abstürze unter kontrollierten Bedingungen“: Das lässt auf sogenannte Loitering-Drohnen beziehungsweise Kamikaze-Drohnen schließen. Solche Drohnen werden mit Bewaffnung gestartet und kreisen unbemerkt lange Zeit über dem Einsatzgebiet. Im Gegensatz zu Raketen oder Granaten, die ein direktes Ziel ansteuern, suchen die mit Kameras und anderen Aufklärungssystem ausgerüsteten Drohnen nach Zielen, während sie in der Luft sind. Wird ein Ziel wie zum Beispiel ein Panzer, ein Munitionstransporter oder eine Artilleriestellung erkannt, steuert das Bedienungspersonal die Drohne direkt in das Ziel. Dabei explodiert der eingebaute Sprengstoff und zerstört das Ziel sowie die Drohne selbst. Wird kein Ziel gefunden, kehrt die Drohne zum Ausgangsort zurück oder wird kontrolliert zum Absturz gebracht, wobei die Drohne durch die Detonation zerstört wird. Offenbar wurde bei dem Vorfall am 12. August in Peenemünde ein Angriff oder ein kontrollierter Absturz geübt. Wegen des Feuers konnte die Drohne nicht heimlich geborgen werden, so dass der ganze Vorgang durch die gerufene Feuerwehr bekannt wurde.

Ehe sich Bundeskanzler Friedrich Merz, Außenminister Johannes Wadephul und Innenminister Alexander Dobrindt über angebliche Drohnenfunde am Leipziger Flughafen empören und sich in Mutmaßungen über Urheber möglicher Angriffsversuche ergehen, sollten sie besser tätig werden, dass die Drohnen-Werkstatt des Todes in Peenemünde wieder geschlossen wird. Und es sollte nie vergessen werden: Wer Angriffswaffen entwickelt, testet und produziert, wird sie eines Tages auch einsetzen. Wer kriegstüchtig werden will, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius formuliert, wird eines Tages auch in den Krieg ziehen. 

Vorgeschobene Gründe, einen Krieg anzufangen, finden sich immer: Am 1. September 1939 war es der angeblich von Polen durchgeführte Überfall auf den deutschen Reichssender Gleiwitz. Es handelte sich in Wirklichkeit um eine Inszenierung der SS, die Hitler als Rechtfertigung für seinen Angriffsbefehl auf Polen nutzte: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“, erklärte der „Führer“. 

Damals polnische Überfallkommandos in Gleiwitz und heute russische Drohnen in Leipzig? Die Bilder ähneln sich, es riecht nach Inszenierung, und die Kriegsgefahr wächst angesichts der Berliner Umtriebe, die Spannungen mit Russland um jeden Preis weiter zu erhöhen. 

 

Bilder: depositphotos   / wikipedia

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