Von Dr. Michael Rohschürmann, Politik- und Islamwissenschaftler
Auch wenn die westliche philosophische Tradition seit der Aufklärung Freiheit immer mehr im Sinne liberaler Abwehrrecht gegen einen staatlichen Leviathan verstand, blieb ein Aspekt immer gleich: Freiheit musste begründet werden. Die philosophische Antwort auf die Frage warum der Mensch frei war, gaben die sog. vorstaatlichen Rechte: Der Mensch ist von Natur aus frei.
Vergessen wird dabei häufig, dass es sich hierbei um ein exklamatorisches Recht handelt – wenn kein Staat existiert von dem bzw. gegen den das Individuum seine Freiheit einfordern kann, bleibt das Recht wirkungslos.
Die islamische Theologie startet von einem anderen Ausgangspunkt: Der Mensch ist frei und schuldlos geboren und, sollte er als Baby sterben, käme er direkt ins Paradies. Es gibt kein Konzept der Ur- bzw. Erbsünde. Erst später in seinem Leben wird er korrumpiert und belädt sich mit Schuld.
Unter den großen monotheistischen Religionen ist diese Sichtweise ungewöhnlich, da sie die Position einer organisierten Religiosität schwächt. Im Christentum muss das Kind durch Taufe teil der Gemeinde Jesu werden und auch ein schiitischer Moslem, der stirbt ohne den Imam seiner Zeit zu kennen, fällt der Verdammnis anheim.
Gleichgültig, ob der Mensch nun sündenbeladen oder schuldlos geboren wird, bleibt die wichtigste Frage in allen Religionen wie er ein gottgefälliges Leben führen kann und wie frei er dazu ist.
Jeden Tag stehen wir unter verschiedenen Erwartungen und Ansprüchen von Menschen und Institutionen in unserem Leben. Unsere Partner erwarten etwas anderes als unsere Vorgesetzten, Freunde und Familie haben berechtigte Forderungen, der Staat erwartet das wir Steuern zahlen, uns an die Gesetze halten und alle vier Jahre zu den Wahlen gehen – und dazwischen, nach Möglichkeit, nicht bei der Regierung dazwischenfunken.
Gleichzeitig wirft die moderne Neurochirurgie die Frage auf inwiefern wir tatsächlich freie Wahlmöglichkeiten haben oder wie sehr unsere Handlungen durch die Struktur unseres Gehirns festgelegt sind. Was heißt also Freiheit?
Ein Salafist würde sagen, dass Freiheit nicht Freiheit zu etwas, sondern Freiheit von etwas bedeutet – nämlich der Freiheit von diesen widerstreitenden Erwartungen und Forderungen anderer Menschen. Freiheit hieße somit in der Art und Weise zu leben, wie es unserer natürlich Konstitution entspräche... und wer könnte besser (als wir selbst) wissen was uns wirklich entspräche als der allmächtige Gott der die Menschen geschaffen hat?
Nun gehen heutige Salafisten aber davon aus, dass sie mit Koran und Scharia eine Anleitung gefunden hätten, die genau beschreibt wie Gott sich das Verhalten der Menschen wünscht. Leider ist weder der Koran als Gesetzbuch geschrieben noch gibt es eine einzige Scharia – allein die Bedeutung des arabischen Wortes Scharia („Weg zur Wasserquelle“) beschreibt ihren prozesshaften Charakter. Auch wenn sich Salafisten und Islamkritiker das wünschen; Es gibt nicht die eine Scharia – als quasi kodifiziertes Gesetzbuch - sondern einen Weg des Denkens wie der Mensch versucht den Willen eines verklausuliert sprechenden Gottes zu ergründen.
Bei allen gesellschaftlichen Debatten über Freiheit ist es also wenig hilfreich sich an Begriffen wie „Freiheit“, „Menschenrecht“ oder „Scharia“ festzuklammern, sondern zu ergründen welche Ideen sich jeweils hinter diesen Schlagworten verbergen: Es gibt auf der Scharia aufbauende Argumente für die Gleichberechtigung geleichgeschlechtlicher Lebensweisen, ebenso wie auf dem Menschenrecht (hier verstanden als Recht der Menschen und daher weniger Wert als ein antizipiertes göttliches Recht) aufgebauten Verurteilungen derselben Lebensweisen.
Der Historiker at-Tabbari überliefert von Ali ibn Abu Talib, dem Cousin und Schwiegersohn des islamischen Propheten den Ausspruch: „Der Koran ist eine Schrift zwischen zwei Buchdeckeln, die nicht spricht; es sind die Menschen, die durch ihn sprechen.“
Die Freiheit jedes Menschen liegt darin zu Entscheiden welcher Auslegung und welchen Ideen man folgt, wie man die Welt sehen will und welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. Aus dieser Freiheit der Wahl erwächst aber auch eine Verantwortung für das eigene Handeln – ein Aspekt den Fanatiker und Radikale aller Couleur immer wieder gerne vergessen.
Der amerikanische Gründervater Thomas Jefferson betonte: „Der Preis der Freiheit ist ewige Wachsamkeit!“. Dies beinhaltet auch die Wachsamkeit gegen sich selbst, sich nicht den eigenen Ängsten hinzugeben und die einfachsten Erklärungen zu suchen.
