Jurij Zajnaschew, Autor, Politologe, Moskau
Politiker und Politologen versuchen zu erahnen wie und ob sich das Verhältnis zwischen den USA und Russland verändert, wenn der neue amerikanische Präsident Donald Trump heißen wird. Anfang Mai blieb er als einziger Kandidat der Republikaner für das Weiße Haus übrig.
Igor Morozow, Mitglied des Komitees für Außenbeziehungen im Russischen Parlament, meint, dass selbst bei aller Absurdität und Streitbarkeit seiner Ankündigungen es für Russen eher von Vorteil wäre, wenn der Republikaner Trump in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus das Sagen hätte.
WE:Herr Morozow, Trump gilt bereits als der eher russisch-orientierte Kandidat. Wie stehen die Chancen, dass das politische System der USA auch einen solchen Politiker wie Trump „eingliedern" kann? 
Igor Morozow:
Die amerikanische Politik ist recht vorhersehbar. Wir haben bereits angenommene Strategiepapiere gesehen, die den Kurs der USA für die nächsten fünf Jahre bestimmen. Es ist eine Militärdoktrin und die Strategie der Nationalen Sicherheit. In diesen Papieren ist Russland ganz klar als eine Bedrohung für die amerikanischen Interessen benannt. Es ist letztlich egal, ob nun Hillary Clinton oder Donald Trump an die Macht kommen, sie werden sich trotzdem an den Vorgaben in diesen Dokumenten richten.
Man sollte aber das kleinere Übel wählen. Die Geschichte der Russisch-Amerikanischen Beziehungen zeigt, dass mit den Demokraten viel über Freundschaft und Zusammenarbeit unserer Länder gesprochen wurde, aber reelle Vereinbarungen eher mit den Republikanern geschlossen wurden.
Aus meiner Sicht wäre - bei aller Absurdität und Streitbarkeit seiner Ankündigungen - für Russen eher von Vorteil, wenn der Republikaner Trump in den nächsten vier Jahren im Weißen Haus das Sagen hätte.
WE:Was halten sie denn von seinem Aufruf russische Kampfflugzeuge abzuschießen, wenn sie ihre „Fassrollen“ über den amerikanischen Kreuzern drehen? Musste er das sagen, ist aber im Geheimen nicht dieser Meinung?
Igor Morozow:
Ich glaube, er versuchte damit all die positiven Worte auszugleichen, die er vorher gegenüber unserem Präsidenten geäußert hat.
WE:Themenwechsel. Wie stehen die Chancen, dass der Westen die Sanktionen gegen Russland aufhebt, wenn es auf Grundlage der „Minsk 2“-Vereinbarungen zu einem Friedensvertrag auf dem Donbas kommt?
Ich vermute, die Sanktionen werden nicht aufgehoben, weil sie im Rahmen einer Zurückhaltungspolitik eingeführt wurden und als ein Instrument benutzt werden, um Russland daran zu hindern auf dem Internationalen Parkett weiter aufzusteigen.
WE:Letztes Jahr wurde ein Kompromiss bezüglich des neuen Status der Krim besprochen, damit der Westen diesen anerkennen kann. Zum Beispiel, ein neues Referendum abhalten, nun mit anwesenden OSZE-Beobachtern. Ist ein solcher Kompromiss möglich?
Igor Morozow:
Für uns ist das Ergebnis eines solchen Referendums klar. Es wird einfach die Zahl der „Ja“-Stimmen erhöhen und nichts anderes. Ich glaube nicht, dass es vom politischen Standpunkt aus sinnvoll ist ein neues Referendum durch zu führen, selbst wenn es zu einer internationalen Anerkennung der Krim führen würde. Wie sollte man überhaupt die Frage formulieren? „Wünschen sie sich zu Russland zu gehören?“ Die sind doch alle bereits russische Staatsbürger.
Im Prinzip kann es solche Kompromisse im Bezug auf die Krim nicht geben. Es ist ein russisches Fleckchen Erde, getränkt vom russischen Blut im Verlauf der 13 russisch-türkischen Kriege. Die Krim-Bevölkerung äußerte ihren Willen im Einklang mit Internationalem Recht und der ukrainischen Gesetzgebung, wir haben diese Willensbekundung angenommen. Insofern betrachten wir die Rückkehr der Krim unter die russische Jurisdiktion als absolut objektiv und juristisch begründet. Für uns ist das Thema abgehackt.
WE:Wenn die Sanktionen bleiben und keine größeren Investitionen aus dem Westen fließen, dann erwartet Russland unweigerlich eine Wendung gen Osten? Wird es sich in der neuen internationalen Szene - in der so genannten „Nicht-Westlichen-Welt“ - wohl fühlen?
Igor Morozow:
Das Jackson-Vanik-Amendment wirkte 40 Jahre lang und nichts schlimmes ist passiert. Russland entwickelte sich, unterhielt Kontakte zu der gesamten Welt. Ich denke, Zeiten wiederholen sich. In der globalisierten Welt ist es unmöglich uns zu isolieren und wir sind dazu bereit über längere Zeit ungeachtet der Sanktionspolitik der USA zu arbeiten. Sie (die Sanktionen) bedeuten kaum etwas. Obwohl, der fehlende Zugang zu den Krediten des Weltfinanzmarktes sich natürlich sowohl auf den Prozentsatz auswirkt, als auch auf die Kreditdauer.
WE:Seit dem Zerfall der Sowjetunion, seit Ende der 80er Jahre sind die Kontakte zu den „Nicht-Westlichen“-Märkten empfindlich geschrumpft. Wie lange könnte eine Umorientierung dauern? 
Igor Morozow:
Es ist bekannt, dass der geopolitische Pol sich von Europa nach Asien verlagert. Europäische Regierungsführer sind neuerdings oft in den asiatischen

Hauptstädten zu Gast, arbeiten an neuen handelsökonomischen Beziehungen. Selbst die USA haben ja nicht umsonst die Trans-Pazifische Partnerschaft als eine neue Form der transkontinentalen Integration erschaffen. Darum arbeiten wir ebenfalls aktiv an der Entwicklung von BRICs, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, der Eurasischen Wirtschaftsunion. Ich vermute die Zukunft gehört dem asiatischen Vektor.
Wie viele Jahre es dauern wird? Der Anfang ist gemacht. Wir arbeiten gemeinsam mit China an der Eurasischen Wirtschaftsunion, am Silk Road Economic Belt. Wir sind dabei eine neue freie Handelszone mit Vietnam aufzubauen. Es folgen noch weitere Länder, die an einer Entwicklung unserer Zusammenarbeit interessiert sind. Der Anfang ist gemacht. In etwa zehn Jahren wird Groß-Asien nicht wieder zu erkennen sein - ein Groß-Asien dessen Bestandteil Russland bleiben wird.
Bilder: @depositphotos
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