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Das Zeitalter der Clowns

Ich wusste, dass ich früher oder später auf einen von ihnen treffen würde. Und so geschah es dann auch. Spät in der Nacht, in einem weit entfernten süd-westlichen Land, in einem menschenleeren unterirdischen Fußgängerübergang. 

Dmytry Vydrin. Philosoph, Autor

Er kam auf mich zu, grinste mit seinem knallroten Mund von Ohr zu Ohr und steckte mir zur Begrüßung seltsamerweise die linke Hand entgegen. Und ich schlug ihm mit der Rechten direkt auf den Mund. Er fiel hin. Das Lächeln fiel von seinem Gesicht ab und entblößte aufgeschlagene Lippen, erschrockene Augen und schwitzende Haut. Und aus dem rechten Ärmel fiel ein Schraubenschlüssel. Möglicherweise war er ein Reparatur-Clown, der meine Gelenke wieder einrenken wollte. Jedenfalls, den Schraubenschlüssel ließ ich zurück, aber die Maske nahm ich mit, so wie unsere Vorfahren den Skalp der besiegten Feinde mitnahmen.

Nebenbei fiel mir noch ein anderer Süd-Westen ein. Der Moskauer. Vor etwa zwanzig Jahren war ich ebenfalls in einem menschenleeren Fußgängerübergang unterwegs und wurde von einem kleinen Schwarm umzingelt. Süße Püppchen mit hübschen, leicht verschmierten Schnuten. Allerdings brachte mir ein befreundeter Kommissar bei, nicht auf die kindlichen Lächeln einzugehen und den unschuldigen Kinderaugen nicht zu trauen. Er erklärte mir, dass es nur Masken seien, hinter denen sich Raubtiere mit Rattenfratzen verbergen würden. Und, wenn diese Zehnjährigen einen erstmal zu den Boden gerissen haben, dann werden sie ihn - bestenfalls - berauben, mit den Füßen treten und zum Krüppel machen. Er sagte, man muss sofort zuschlagen und zwar so, als hätte man es mit erwachsenen Gewalttätern zu tun. Und ich schlug erwachsen zu. Und aus ihren Taschen fielen Kaugummis, Lollis, Schraubenzieher und selbstgebastelte Messer. Und eine Frau schrie hysterisch: „Aber das sind doch noch Kinder!“ Zu unser aller Glück, sind die meisten dieser Kinder auf wundersame Weise zu normalen Erwachsenen heran gewachsen. 

Ich dachte, diese Masken kommen nicht zurück. Aber sie tauchen wieder auf, mal hier, mal dort. Öfter - dort. Einmal war ich zu Gast bei Bekannten, direkt an den berühmten Champs-Élysées. Direkt unter den Fenstern gab es ein Nachtkino und davor tummelten sich die halbe Nacht durchaus erwachsene Männer in Vader-Masken und mit Lichtschwertern bewaffnet. Sie sahen furchterregend aus, aber da wußte ich bereits, dass sich hinter einer Maske für Gewöhnlich das Gegenteil verbirgt. Daher war ich kaum überrascht als sie von einer Gruppe dunkelhäutiger Halbstarker etwas durch die Mangel gedreht wurden. Sie rissen ihnen ihre Masken ab und nahmen die Schwerter weg. Wie fast immer verbargen sich hinter den Masken erschrockene Augen. Und ihre Freundinnen wurden auch noch belästigt. 

Dann entwickelte sich der Prozess lawinenartig - auf allen „Majdanen“ waren Menschen in Masken die Hauptakteure. Sie sahen für gewöhnlich furcht erregend aus, lauter Wolfs- oder Skelettschädel-Mäuler, aber dahinter fanden sich die gleichen sinnentleerten Augen und willenlose Lippen. Und nun werden viele Länder massenweise und brutal von Clowns überrannt. 

Allerdings, hat es das alles schon gegeben. Genau davor haben Rabelais und Bachtin gewarnt. Die hysterische Karneval-Paranoia entsteht für gewöhnlich dort, wo die Seele verschwindet. Das Gesicht, ist, wie allgemein bekannt, der „Spiegel der Seele“. Und, wenn es nur Leere widerspiegelt, stülpt man automatisch eine seelenlose Maske drüber. Die Hauptquelle aller Wünsche, Emotionen und Motive bleibt der Leib und das, was drunter liegt. Darum wird ja so viel gefressen und gesoffen auf den zeitgenössischen Majdanen-Karnavalen, darum wird der Feind vor der Ermordung rituell mißbraucht. 

Der europäische Karneval im Mittelalter symbolisierte den Sieg der animalischen Triebe über die seelischen Skrupel. Das Karneval-Gefurze übertönte alle Gewissensbisse, Die Gerechtigkeit wurde durch Orgien ersetzt. Die närrischen Späße konnten jedes noch so hehre Gefühl oder Motiv ins Lächerliche ziehen… Jemand will anscheinend das Mittelalter wiederbeleben. Die Maskengesichter kommen wieder. Und die schlimmsten von allen sind dabei die Clowns, die Freunde der „Aber das sind doch noch Kinder!“

Lange Rede, kurzer Sinn: Sollte eines Nachts in einer menschenleeren Gegend ein Clown auf sie zu kommen - schlagen sie sofort zu!

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