Ein schlaues Sprichwort sagt, man solle das Fell des Bären nicht verteilen, bevor dieser erlegt sei. Dennoch, ist es keineswegs zu früh sich Gedanken darüber zu machen, was passiert, wenn der Islamische Staat militärisch besiegt ist und seine besetzten Territorien verloren hat. Im Gegenteil: Es ist sogar höchste Zeit und es steht zu befürchten, dass diese Überlegungen im allgemeinen Freudentaumel über den anstehenden Sieg vergessen werden.
Dr. Gabriel Burho, Islamwissenschaftler, Kolumnist bei World Economy
Dr. Alexander Sosnowski, Journalist
Dass dieses neue Kalifat untergeht, war von Anfang an klar und lediglich eine Frage der Zeit, dass es dennoch so lange dauerte, wird im Nachhinein als einer der Kernfehler der internationalen Staatengemeinschaft gesehen werden – doch dazu später mehr. Im letzten Jahr hat der IS im Irak 40 Prozent seines kontrollierten Gebietes verloren und die Offensive auf seine wichtigste Großstadt Mosul steht Mitte Oktober an. In Syrien sind es 15 Prozent, um die die Fläche des Kalifats geschrumpft ist. Die Terrororganisation hat mit Geldnöten, Nachschubproblemen und einem immer geringer werdenden Zustrom ausländischer Krieger zu kämpfen. Das Kalifat, das als perfekte islamische Utopie mit kostenloser Grundversorgung und Luxusleben von der Kriegsbeute geplant war, funktioniert ökonomisch nicht mehr und immer mehr seiner Anhänger kehren dem Islamischem Staat den Rücken. Täglich gibt es Berichte über Exekutionen von Kämpfern, die versuchten zu fliehen. Die Kampfmoral ist am Boden – auch deshalb, weil der Lohn der Kämpfer seit Beginn des Jahres halbiert werden musste.
Also alles wird gut in Nahost? Mitnichten!
Die Eroberung Falludschas hat deutlich vor Augen geführt, was eine sunnitische Millionenstadt erwartet, wenn sie von mehrheitlich schiitischen Truppen „befreit“ wird. Falludscha, das während der US Besatzung eine Hochburg des sunnitischen Widerstandes war, ist ein Symbol. Bereits seit 2015 gab es immer mal wieder Posts auf radikal-schiitischen Webseiten, die jedem, der einen Einwohner von Falludscha tötet, den direkten Zugang zum Paradies versprachen. Auch die irakische Zusicherung, an der Eroberung der Stadt würden keine schiitischen Milizen teilnehmen (so wie es auch für Mosul versprochen ist) bleibt schal, wenn man bedenkt, dass der Polizeichef der Provinz selbst General der schiitischen Badr Milizen ist. Die personellen Überschneidungen zeigen deutlich die Durchdringung des irakischen Sicherheitsapparates durch die schiitischen Milizen.
In Mosul vermutet man aktuell ca. 15.000 bis 20.000 IS-Kämpfer von denen maximal die Hälfte bei den Kämpfen getötet und viele fliehen werden – einige davon in ihre Herkunftsländer. Dazu kommt eine Generation von Kindern die nun zwei Jahre ununterbrochen der IS Propaganda ausgesetzt war, sowie auch eine ganze Reihe Sympathisanten.
Die Antwort, was mit den Überlebenden Kämpfern, indoktrinierten Kindern und Sympathisanten passieren soll, ist so kurz, wie sie zu kurz greift: Gefängnis. Vergessen scheint, dass die US Gefängnisse und Internierungslager nach 2003 im Irak, in denen radikale Islamisten mit bestens geschulten Baath Militärs zusammen eingesperrt wurden, die wahren Geburtshelfer des heutigen Islamischen Staates sind. So unwahrscheinlich, wie es derzeit scheint, dass die irakische (schiitische) Regierung ihren Kurs der systematischen Diskriminierung der sunnitischen Minderheit des Landes ändert, so wahrscheinlich ist es, dass in den neuen Gefängnissen und den benachteiligten Provinzen des Landes die nächste radikal-sunnitische Terrorgruppe heranwächst und aus den Fehlern ihrer Vorgänger lernt.
Nimmt man den IS aus der Gleichung, ist zudem weder der syrische Bürgerkrieg zu Ende noch der Irak kein Failed State. Während in Syrien das Morden unter den verbleibenden Gruppen weitergehen wird – vielleicht wird nun die Al-Qaida nahe Nusra-Front erstarken - werden sich im Norden des Irak die von Deutschland bewaffneten und ausgebildeten Kurden mit den schiitischen Milizen um die Kontrolle der Ölvorkommen in der Provinz Kirkuk streiten – dass es hierbei blutig werden kann, haben bereits Zusammenstöße der beiden Gruppen im Distrikt Tuz Kurmato gezeigt.
Auch die weltweite Terrorgefahr ist mit einem militärischen Sieg über den IS keineswegs gebannt – im Gegenteil. Mit dem Personal, das frei wird, wenn keine 1000km lange Front zu bestücken ist, wird der IS wieder zu seinen Wurzeln der asymmetrischen Kriegsführung – sprich Terrorismus – zurückkehren. Die Anschläge rund ums Mittelmeer, in Europa und in den Wilayaten genannten „Provinzen“ des Kalifats dürften zunächst zunehmen, bevor die vielen dschihadistischen Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben, sich wieder selbstständig machen.
Neue IS-City?
Nach dem Tode des langjährigen usbekischen Machthabers Islam Karimov könnte das Land seine bisherige Stabilität verlieren. Erinnert man sich an den Irak, Libyen, dann wird einem klar, dass die harten Umschwünge der politischen Eliten in Zeiten statt fanden, in denen die Länder ohne politische Führung da standen, nach dem Tod ihrer bisherigen Machthaber. Obwohl Usbekistan nicht 1:1 mit Irak oder Libyen verglichen werden kann, denn zum Zeitpunkt der eingetreten Anarchie waren diese Länder bereits im Krieg.
Karimov hat es mit eiserner Hand bis zu seinem letzten Atemzug geschafft die eigene Macht zu sichern, eine relative Ruhe im Land zu erhalten und die gerade noch akzeptabel radikalen Islamisten zu zügeln. 
Schon heute ist die Situation ganz anders. Innerhalb Usbekistans werden einheimische Clans einen Machtkampf um den Präsidentensessel beginnen und es ist im Moment noch schwer vorherzusagen, ob im Endeffekt weltoffene Politiker oder radikale Islamisten an die Macht kommen werden.
Es sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, dass eine der radikalsten IS-Zellen aus Usbekistan stammt und in ihren Rehen die so genannte „Usbekische Brigade“ kämpft. Noch ein Faktor, der zugunsten einer möglichen Radikalisierung Usbekistans spricht, ist die Gesamtsituation im Nahen Osten. Der IS erleidet eine Niederlage nach der anderen, sein Einflussgebiet schrumpft täglich. In dieser Situation könnten die Radikalen durchaus ihren Bewegungsverktor ändern und sich Richtung Zentralasien bewegen, beginnend mit Usbekistan. Für den radikalen IS könnte es sogar verlockender werden als der Nahe Osten - Usbekistan, Turkmenistan, Tadschikistan, selbst Kasachstan. Diese Länder befinden sich in unmittelbarer Nähe zu Afghanistan und es wäre theoretisch die Bildung eines riesigen radikal-islamischen Territoriums möglich.
Für die Kriegsmaschinerie des IS könnte sich Usbekistan zu einem entscheidenen Vorposten entwickeln, in dem es bereits gut entwickelte militärische Strukturen gibt. Die usbekische Armee ist die drittgrößte auf dem Postsowjetischen Raum, hinter Russland und der Ukraine. Von der UDSSR erbte Usbekistan die sowjetische Panzertechnik, erhielt amerikanische Panzerwagen und chinesische Flugabwehrraketen. Das Militär besitzt laut des Berichts von Global Firepower 420 Panzer, 715 Schützenpanzer, 143 Selbstfahrlafetten, 880 Geschütze und 109 Raketenwerfer. Dazu kommen 69 Jagdflugzeuge, 65 normale und 25 Kampfhubschrauber, ebenso wie weitere Technik.
Das vielleicht schwerste Erbe das bleibt, ist jedoch jenes in den Köpfen. Hier schließt sich der Kreis zum eingangs erwähnten größten Versäumnis der internationalen Gemeinschaft: Wäre der IS 2014 wieder aus seinen besetzten Gebieten vertrieben worden, wären es ein paar größenwahnsinnige Irre gewesen. Heute ist es das erste Kalifat seit dem Ende dieser Institution unter einer, damals, säkularen Türkei. Auch wenn dieses Kalifat von der Mehrheit der Muslime nicht anerkannt wird – was in der islamischen Geschichte kein Ausnahmefall ist – zeigt es doch den radikaleren Islamisten, dass der Traum eines Kalifats mit genügend Kampfwille und Brutalität erreichbar ist. Dies hat eine ganze Generation unzufriedener Integrationsverlierer geprägt und einigen eine Perspektive versprochen.
An dieser Stelle sei noch festgehalten, dass die meisten Attentate in Europa nicht von als Flüchtlingen getarnten IS-Kämpfern, sondern von hier aufgewachsenen jungen unzufriedenen Männern verübt wurden. Hier wäre es schon lange an der Zeit sich über Maßnahmen zu Prävention und Re-Integration Gedanken zu machen.
Um die biblische Geschichte über die Zeit zum Steine-Schleudern und über die Zeit zum Steine-Sammeln zu paraphrasieren: Wäre es nicht genau die richtige Zeit mal inne zu halten und darüber nachzudenken, wer und auf welche Weise diese Steine wieder einsammeln wird?
Bilder: @depositphotos / WE
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