Chinas Wirtschaft stabilisiert sich - Aktienmärkte erneut schwach

Peking (dpa) - Chinas Wirtschaft hat sich nach offiziellen Angaben
stabilisiert. Wie schon im ersten Quartal dieses Jahres wuchs das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes auch in den vergangenen drei
Monaten um 7 Prozent. Dies teilte das Statistikamt am Mittwoch in
Peking mit. Analysten hatten zuvor mit einem leicht schwächeren Wert
von 6,9 Prozent gerechnet.

«China verliert zunehmend seinen Kostenvorteil, weil die Löhne
steigen. Ausländische Firmen wandern deshalb mit ihren Fabriken ins
Ausland ab», sagte der Pekinger Ökonomie-Professor He Xiaoyu der
Deutschen Presse-Agentur. Problematisch seien auch weiterhin die
hohen Überkapazitäten der Staatsbetriebe und die strenge
Anti-Korruptionskampagne Pekings, die Teile der Wirtschaft lähme.

Die jüngsten Daten für den Juni sind jedoch ein Hoffnungsschimmer:
Die Einzelhandelsumsätze stiegen kräftig um 10,6 Prozent, die
Industrieproduktion wuchs um knapp 7 Prozent. «Es ist gut möglich,
dass die Wirtschaft bis Ende des Jahres weiter anzieht», sagte He.

Andere Experten äußerten sich weniger zuversichtlich. Sie glauben,
das tatsächliche Wirtschaftswachstum sei bereits klar unter die
offiziell verbreiteten Zahlen auf 5 oder 6 Prozent gefallen.

Ministerpräsident Li Keqiang hatte für dieses Jahr ein Wachstumsziel
von rund 7 Prozent ausgegeben - das nun bereits zum zweiten Mal
punktgenau getroffen wurde. Allerdings ist auch das für chinesische
Maßstäbe eine sehr geringe Marke. Im vergangenen Jahr hatte das Land
mit 7,4 Prozent das schwächste Wachstum in 24 Jahren verzeichnet.
Zuvor hatte die Wirtschaft meist zweistellig zugelegt.

Chinas Wachstumsmodell müsse auf ein neues Fundament gestellt werden,
sagte ein Sprecher des Statistikamtes. Die Regierung will die
Wirtschaft auf einen nachhaltigeren Kurs bringen. Der Binnenkonsum
soll gestärkt und die Exportabhängigkeit verringert werden.

Bereits im Mai hatte Chinas Staatsrat für diesen Zweck neue
Industriepläne vorgestellt. Das Programm mit dem Titel «Made in China
2025» soll dafür sorgen, dass die Ökonomie der Volksrepublik radikal
modernisiert wird. Das Land will sich innerhalb der nächsten zehn
Jahre von der Werkbank der Welt zu einer innovativen Industrie
wandeln.

Die großen Börsen des Landes in Shanghai und Shenzhen sackten am
Mittwoch um mehr als vier Prozent ab. Laut Analysten hing der
Rückgang jedoch nicht mit den vorgelegten Konjunkturdaten zusammen,
sondern mit der weiterhin nervösen Stimmung an den Finanzmärkten.

Seit Mitte Juni hatten die Börsen in China einen heftigen Crash
erlebt, bei dem die Kurse um bis zu ein Drittel absackten. In den
vergangenen Tagen waren sie zunächst wieder gestiegen, weil die
Behörden mit massiven Stabilisierungsmaßnahmen gegensteuerten.