„Europa darf nicht länger von der alleinigen militärischen Macht und Fähigkeit einzelner Länder abhängen.“ - Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionschef.
Wie sind diese Worte zu verstehen? Geht es um die Verstärkung des militärischen Zweigs und der Erschaffung einer Militärstruktur parallel zur NATO oder ist Europa der Dominanz durch die USA doch etwas überdrüssig? Beide Antworten werden richtig sein.
Niklas Kharidis, Politikwissenschaftler
Einerseits, kann man sich keine NATO ohne die militärische und finanzielle Macht der USA vorstellen. Keine europäische Armee, die Bundeswehr eingeschlossen, entspricht derzeit den Anforderungen der aktuellen Kriegsführung. Trotz von der Leyens durchgehend aufgesetzter guter Miene zum Bösen Spiel, sind den Spezialisten die Schwächen der deutschen Armee sehr wohl bekannt.
Transportflugzeuge für den Transfer von Kampftechnik und Soldaten gibt es kaum, bei dringender Notwendigkeit wird der Fliegerpark des möglichen Gegners (laut Weißbuch) Russland verwendet. Die Leopard-Panzer sind zwar in der Lage schnell mal eine Distanz von ein paar hundert Kilometern zu überwinden, aber der Technische Dienst, Mechaniker und Logistiker werden nicht mithalten können und zurück fallen. Einzelne Panzerdivision kann schon mal einen Fluß überqueren, aber andere werden langweilt anstehen müssen - die Bundeswehr hat keine zuverlässigen Lösungen für den schnellen Bau von Brücken.
Und sprechen wir ja nicht über die Eurofighter und logistische Probleme bei der Modernisierung der nagelneuen Atomsprengköpfe B61 12.Bei einem kürzlichen Hintergrundgespräch sprach ein hochrangiger General der Bundeswehr mit militärischer Gradlinigkeit über die existierenden Probleme. 
Ohne die USA - ihrer Erfahrung bei der Logistik, Technik, Technologie - kann die NATO den Ansprüchen der kollektiven Sicherheit der Mitgliedsstaaten nicht entsprechen - so der General. Es gibt aber auch eine andere Seite. Je mehr Verantwortungsbereiche von den NATO-Ländern abgegeben werden, desto weniger Chancen gibt es eine eigene schlagkräftige Militärstruktur zu erschaffen.
Beispiel Deutschland. Es wurden fast alle eigenen Systeme der Raketenabwehr abgebaut, in der Hoffnung auf das militärische Potential der NATO. Was aber, wenn sich der politische Wind in Washington dreht und die militärischen Hauptbemühungen nicht mehr auf Europa ausgerichtet werden? Die Wiederherstellung der Raketenabwehrsysteme - Aufbau und Justierung - wird Unmengen von Geld und mindestens fünf bis sieben Jahre in Anspruch nehmen.
Die andere Seite der Frage bezüglich der NATO und einer eigenen europäischen Armee - ist die rapide Verschlechterung der Beziehungen zu Russland. Die Baltischen Länder und Polen sprechen dauernd von der Notwendigkeit sie vor der russischen Aggression zu schützen. Als Reaktion entscheidet die NATO ihre Präsenz zu erhöhen und schickt mehrere Divisionen in diese Regionen. Parallel verlaufen Manöver in östlicher Richtung, entlang der russischen Grenzen, was in Moskau sehr wohl registriert wird. Noch schlimmer ist, dass die USA ihre Pläne zur Modernisierung des Atomwaffenarsenals in Europa weiter voran treiben. Der amerikanische Politiker und Experte Paul Craig Roberts meinte dazu, dass die USA versuchen Deutschland davon zu überzeugen, dass Russland der Feind sei. Dabei wird gerade Deutschland und nicht die USA zum Ziel eines möglichen Gegenschlags aus Osteuropa. („The Western public doesn’t know it, but Washington and its European vassals are convincing Russia that they are preparing to attack“ (с<link http: www.paulcraigroberts.org armageddon-approaches-paul-craig-roberts>www.paulcraigroberts.org/2016/07/22/armageddon-approaches-paul-craig-roberts/) 
Der Begründer der Partei „Bewegung für Frankreich“ Philippe de Villiers behauptet, die USA würden die Europäer bei politischen Entscheidungen einschränken und in der NATO Initiativen verhindern, die für Europa im Bereich der eigenen Sicherheit von Vorteil wären. (<link http: www.altermedia.info france-belgique uncategorized>www.altermedia.info/france-belgique/uncategorized/164156_164156.html). Juncker, der sich in der letzten Zeit immer häufiger Kritik ausgesetzt sieht, wurde mit seiner Idee von der „militärischen Unabhängigkeit“ in Frankreich scheinbar gehört. Der Beginn ist gemacht, nun liegt es an der europäischen Lokomotive - an Deutschland.
Bilder: @depositphotos / WE
Die Meinung des Autors kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Die Redaktion räumt dem Autor gemäß Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes das Recht ein, seine Meinung frei zu äußern