München, 24.05.2015. Foto: Irina Tkachenko

Bayern - Berlin. 2:0, von Irina Tkachenko, Publizistin

Wer „deutsche“ Südländer in der Berliner Stadtmitte beobachtet, kriegt leicht den Eindruck, es würde sich bei ihnen, um unfreundliche, niemals grüßende, dauernd gehetzte Egozentriker handeln, die mit ihren Kinderwagen alles und jeden umpflügen und einen betont pseudo-ökologischen Lebenswandel pflegen. 

Will man eine Spezies jedoch wirklich kennen lernen, sollte man sie in ihrer natürlichen Umgebung beobachten. Das Pfingstwochenende, inklusive Meisterfeier der Bayern auf dem Marienplatz, war ein willkommener Anlass. Wir waren mit zwei Kinderwagen im völlig überfüllten München unterwegs und reizten alle Möglichkeiten aus unsere Mitmenschen zu nerven. 

Fangen wir damit an, dass das völlig überfüllte München immer noch leerer ist, als Berlin am Sonntag morgen. Um den Marienplatz herum, war es aber natürlich voll. Wir waren über eine Stunde in der Menschenmenge unterwegs und wurden trotz der manövrierunfähigen Buggis kein einziges mal angerempelt. Als wir dann in die Straßenbahn stiegen und die Kinderwagen an einem dafür nicht vorgesehen Platz abstellten, lächelte eine Omi die Kinder ganz lieb an und erst als wir aussteigen wollten, meinte sie, wir könnten das nächste Mal bei der ersten Türe einsteigen, dann hätten wir es nicht so schwer mit dem Wenden. Ich hatte ihr Lächeln noch lange vor Augen, während ich an die keifende Person dachte, die mir in Berlin den für Kinderwagen reservierten Platz nicht frei machen wollte.

Überhaupt, wird man in München oft angelächelt. In der U-Bahn, im Zoo, selbst in der Menschenmenge. Daran muss man sich erst gewöhnen, am Anfang dachten wir es stimmt etwas nicht mit uns. Als eine halbgegessene Brezel aus dem Buggy auf den U-Bahn-Boden fiel, haben wir es zuerst gar nicht gemerkt, weil der neben uns sitzende Rentner nicht sofort zu zetern anfing, sondern einfach nur etwas schief geguckt hat. Als wir sie, seinem Blick folgend, wieder aufhoben, glättete sich sein Gesicht und da war es wieder, das Münchner Lächeln. Dabei beschweren sich die Einheimischen oft, dass das Klima in der Stadt viel aggressiver geworden sei und München viel von seiner Gemütlichkeit verloren hat.

Auf dem Rückflug, saßen wir wieder neben den selben Bayernfans, mit denen wir auch hin geflogen sind. Sie schauten uns an, dann die Kinder. In ihren Gesichtern war deutlich zu lesen: „Oh, das sind wieder die, deren Kinder den ganzen Hinflug über geplärrt haben.“ Sie nickten, lächelten und sagten: „Servus!“.

Die „Krauts“ sind in der Welt dafür bekannt, dass sie pünktlich sind,  ordentlich und sich nichts vom Buffet holen können ohne eine Schlange zu bilden. Dabei ist die deutsche Nation keinesfalls ein einheitliches Konstrukt. Die Schwaben, z.B., sind sparsam, die Bayern gesellig und die Mecklenburger, na ja, sagen wir gemächlich. Auch die „Berliner Schnauze“ ist legendär. Die Deutsche Einheit einte nicht nur Ost und West, auch Nord und Süd trafen zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf einander. 

"Die Norddeutschen (mit wenigen Ausnahmen) verachten und hassen die Süddeutschen, glauben sich weit vor ihnen voraus, und werden nie den herzlichen, unbefangenen Sinn derselben zu erfassen und zu schätzen wissen. Wenn es ihnen gelingt (wovor Gott sey) unsere üppige Lebensfülle mit ihrer nördlichen Kälte und Steifheit zu ersticken, so ist unser Vaterland unwiederbringlich zu Grunde gerichtet."
(Der Bayer von Aretin über die "Preiß’n", 1810)