Gabriel Burho, Islamwissenschaftler, Autor von World Economy
Dass es zwischen Staaten keine Freundschaft, sondern lediglich Interessen gäbe, wusste schon der französische Staatsmann Charles de Gaulle zu berichten. Dies zeigt sich gerade wieder im Verhältnis zwischen der Türkei und Russland. 
Nachdem das türkische Militär im November des vergangenen Jahres einen russischen Kampfflieger von Typ SU-24 an der syrischen Grenze abgeschossen hatte und ein russischer Pilot in der Folge von Aufständischen getötet wurde, waren die türkisch-russischen Beziehungen an einem Tiefpunkt angekommen. Dabei war diese militärische Eskalation lediglich der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Die bekannt guten Beziehung zwischen den Präsidenten Putin und Erdogan waren zunehmend durch den syrischen Bürgerkrieg getrübt, in dem beide Länder jeweils unterschiedliche Seiten des Konfliktes unterstützen: Russland - die Regierung Bashar al-Assads und die Türkei bestimmte Rebellen - darunter auch teils extrem-islamistisch gesinnte Gruppen.
Der vorübergehende Abbruch der diplomatischen Beziehungen und vor allem die wirtschaftliche Blockade Russlands, einem der wichtigsten Handelspartner der Türkei, haben die türkische Wirtschaft schwerer getroffen als Russland. Seit Juni diesen Jahres nun hat die Eiszeit, nach einer öffentlichen Entschuldigung Erdogans, ein Ende.

Aus türkischer Sicht kommt diese Entspannung der Beziehung zu seinem mächtigen Nachbarn keinen Tag zu früh. Nach dem gescheiterten Putschversuch und der immer größere Kreise ziehenden „Säuberungswelle“ läuft die Türkei Gefahr, sich immer weiter von den bisherigen wichtigsten Partnern EU und NATO zu entfernen.
Während immer mehr Spekulationen darüber laut werden, inwiefern der Putsch seitens des türkischen Präsidenten selbst inszeniert gewesen sein könnte, scheint dies – wenn auch denkbar – nicht das wahrscheinlichste Szenario. Das Militär in der Türkei verstand sich traditionell als Hüter kemalistisch-säkularer Werte und hat diese Position in der Vergangenheit durch regelmäßige Staatsstreichs unterstrichen. Im Zuge der EU-Annäherung der Türkei wurde diese, früher verfassungsmäßige, Position des Militärs mehr und mehr ausgehöhlt, während sich die Türkei vom reinen Säkularismus Mustafa Kemal Atatürks abwandte. Insofern kann der Putschversuch als letztes Aufbäumen der kemalistischen Traditionarier verstanden werden, mit dessen Scheitern der endgültige Untergang derselben zementiert wurde. Pro-Erdogan-Demonstranten, die in Istanbul und Ankara „Allahu Akbar“ (Gott ist am Größten) skandieren, legen hiervon beredtes Zeugnis ab. 
Präsident Erdogan hat bereits in seinem Vorgehen in den südosttürkischen Kurdengebieten gezeigt, dass er bereit ist für die Stärkung seiner Machtposition nahezu alle Register zu ziehen. Für eine absolute Mehrheit in den Parlamentswahlen war er bereit den Konflikt mit der PKK erneut anzufachen und es kann daher nicht verwundern, wenn er nun die Vorlage seiner Gegner nutzt, um seinem Endziel – der Umwandlung der Türkei in ein präsidiales System (natürlich mit ihm an der Spitze) – näher zu kommen als je zuvor. Die Empörung seiner westlichen Verbündeten dürfte für ihn hier nur ein geringer Preis sein, den zu zahlen er gerne bereit ist – bringt er ihm doch den Befreiungsschlag gegen seine Gegner, in die er jedwede Kritiker ganz allgemein mit einbezieht.
Der Wunsch nach einem EU Beitritt der Türkei scheint in den letzten Jahren sowieso immer mehr zum reinen Lippenbekenntnis geworden zu sein.
Für Russlands geostrategische Planungen kommt die aktuelle Situation ebenfalls mehr als gelegen. Selbst weiterhin unter internationalem Druck wegen seiner Ukraine- und Syrienpolitik finden sich viele persönliche Gemeinsamkeiten zwischen den Präsidenten Putin und Erdogan, während sich gleichzeitig die regionalen Interessen beider Länder aktuell gut verbinden lassen.
Bereits in der Putschnacht wurde Erdogan seitens des russischen Außenministers Sergej Lavrov politisches Asyl angeboten und ein Kommuniqué mit der Zusicherung russischer Unterstützung erreichte den türkischen Präsidenten noch vor den Mitteilungen der USA oder Deutschlands.
Bei einem Anfang August geplanten Treffen der beiden Staatschefs wird es wahrscheinlich um eine Kooperation in der Syrienpolitik gehen – was für mindestens einen der beiden Staaten eine Änderung seiner bisherigen Strategie bedeuten könnte. Für die Türkei dürfte ein Ende der russischen Unterstützung der syrischen Kurden oben auf der Wunschliste stehen, während Russland ein Interesse am türkischen Einfluss auf einige Rebellengruppen in Syrien haben wird. Sollte eine weitergehende Einigung das Ergebnis dieses Treffens sein, würde die US-geführte Anti-Assad-Allianz deutlich geschwächt und der amerikanische Einfluss in der Region weiter verringert.
Pikant werden russisch-türkische Allianzen auch dadurch, dass die Rolle der Türkei als Standort für NATO Atomwaffen und damit als Säule der NATO Drohkulisse gegen Russland, in Gefahr geraten könnte.
Auch für Präsident Putin bietet der versuchte Putsch die Gelegenheit „Sicherheitsmaßnahmen“ gegen ähnliche Vorkommnisse in Russland zu ergreifen und seine eigenen Sicherheitsbehörden an eine kürzere Leine zu legen. 
Während also die zunehmend autoritäre Politik Erdogans die Türkei immer mehr von ihren bisherigen Partnern isoliert, zeichnet sich eine kurz- bis mittelfristige Allianz zwischen Russland und der Türkei ab, welche das Machtgleichgewicht in der Region deutlich verschieben könnte.
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