St.Petersburg Foto: Autor

Auf Radischtchews Spuren

Von Irina Tkachenko, Bloggerin, Publizistin.

Der Plan war: direkt von Berlin nach Sankt Petersburg zu fliegen. Wir haben auch pflichtbewusst bereits im April die Reise gebucht. Ein freundlicher Touristik-Guru war sofort zur Stelle und hat „geholfen“. Knapp zehn Minuten später hatten wir eine Emailbestätigung. Alles fertig, eine ruhige und gut geplante Reise nach St. Petersburg konnte beginnen. Als die Koffer schon gepackt waren, erhielten wir endlich den längst versprochenen und bereits sehnsüchtig erwarteten Reisevoucher. Und in diesem Moment wurde ich wirklich neidisch auf Alexander Radischtschew. Er reiste zwar in einer Kutsche, aber dafür wenigstens direkt. Wir aber, wurden von dem freundlichen Touristik-Guru im letzen Moment darüber unterrichtet, dass wir zwar wie geplant fliegen, aber mit einer schrecklichen Umsteigeaktion. Ich sage nur, dass wir in Moskau umsteigen mussten, auf einen innerrussischen Flug und zwar mitten in der Nacht. Ich habe Flugangst. Darüber hinaus Angst vor verdorbenen Lebensmitteln, schmutzigen Toiletten, Inkompetenz, betrunkenen Autofahrern, Chaos und Spinnen. Ich bin also, trotz meiner Russisch-Jüdischen Wurzeln, eine perfekte Deutsche. 

Die Nachricht, dass wir nicht nur mit der staatlichen und wahrscheinlich sogar nach europäischen Standards gut gepflegten Aeroflot fliegen werden, sondern in einen innenrussischen Flug umsteigen müssen, dazu noch nachts, führte bei mir daher zu einem schweren Panikanfall. Wie die meisten Menschen, reagierte ich darauf nicht adäquat und stürzte mich auf Erfahrungsberichte im Internet. Wie die Bilanz ausfiel, kann sich wohl jeder denken, der schon mal ein simples Krankheitssymptom gegoogelt hat. Der Ehemann wurde prompt dazu verdonnert eine Großpackung Baldrian zu kaufen, während mir einfiel zwei Freunde von mir zu fragen, die gerade vor kurzem geschäftlich in Russland unterwegs gewesen sind. Sie waren meine Rettung. Beide versicherten mir unisono, dass meine Befürchtungen unbegründet sind und Aeroflot inzwischen auch innerhalb Russlands gut fliegt. Man bekommt auf den Flügen etwas zu Essen, die WC-Kabinen bleiben nicht die ganze Zeit über verschlossen und die Piloten kommen von der Air Force, können also mit Leichtigkeit die „Tote Schlinge“ vollführen.

Viel Zeit zum Fürchten blieb sowieso nicht mehr und die Reise konnte beginnen. Nachdem wir das gesamte letzte Jahr nur mit den Kindern verreist waren, fühlte sich der Trip tatsächlich schon im Flughafen entspannt an. Nur Handgepäck dabei, es waren anderer Leute Kinder, die geschrieen haben (was den Vorteil hat, dass man sich nicht darum zu kümmern braucht) und man konnte entspannt einen Kaffee trinken.

Im Flugzeug fiel mir sofort die ungewohnte Beinfreiheit auf. Zum Essen gab es ein Halal-Menü - ein saftiges Sandwisch mit Hähnchen und getrockneten Tomaten, aromatischen Tee, Apfelsaft und eine knusprige Apfeltasche. Zwischendurch wurden alkoholfreie Getränke serviert.

Etwa gegen Mitternacht begannen wir den Anflug auf Moskau. Wäre ich eine Italienerin, hätte ich laut: „Mama mia!“ geschrieen, so schön war die Metropole, die sich mir hinter dem Fenster zeigte. Zum ersten mal begann mein Herz beim Anblick einer fremden Stadt schneller zu schlagen, der Puls ging in die Höhe, ich hatte das Gefühl, ich sei von einer Energiewelle erfasst worden. Wie beim ersten Date. Die Stadt schien mir im Rhythmus meines Herzschlags entgegen zu pulsieren, hell beleuchtet, durch die niemals schlafenden Adern floss ein unendlicher Verkehrsstrom. 

Immer noch nachdenklich wegen des unerwartet starken Eindrucks, checkte ich im Flughafen Scheremetjewo mein Handy. Es gab free Wi-Fi. Kostenlos. 

Hmm. Warum nehmen die Russen kein Geld dafür? Das ist aber nicht besonders sparsam, gar nicht. 

Die Schlange vor der Damentoilette war - ebenso, wie überall auf der Welt - lang und grimmig. Sie verlief diagonal über die Halle, aber die Behindertentoilette war frei. Ich schaute mich um, weit und breit Niemand in Sicht, der sie in den nächsten Minuten brauchen könnte. Viel Zeit zum Umsteigen in den Flieger nach St. Petersburg blieb uns nicht mehr, ich gab mir also einen Ruck, schüttelte alles ab, was ich in den letzten 20 Jahren in Deutschland gelernt habe und verließ die Schlage. Meinem (schlechten) Beispiel folgten dann auch andere. Nein, ich bin nicht stolz auf mich. 

Wie, im Flughafen Pulkowo ist das Wi-Fi auch frei? Seltsam. 

Um halb zwei Uhr Nachts war der bestellte Taxifahrer pünktlich da und hielt ein Schild mit unserem Namen hoch. Zuerst lobte er uns für unsere guten Russischkenntnisse und dann war sichtlich enttäuscht, als wir ihm unsere russischen Wurzeln beichteten. 

Zwei Minuten später war die Enttäuschung vergessen und er schnitt vorsichtig einige populär-interessante Themen an. Ermuntert durch unser Interesse, begann er uns zu erzählen und auch zu zeigen, wo neue ausländische Werke und Fabriken gestanden haben. "Und hier, hier war General Motors, da haben sie den Opel „Astra“ zusammengebaut“, - er deutete auf ein großes, leerstehendes Gebäude. 

„Die Sanktionen letztes Jahr haben sie erwischt. Schade, eigentlich, die Autos waren erschwinglich und etwa ein tausend Petersburger haben ihre Arbeit verloren“, - murmelte er weiter. Wir gaben ein undefiniertes "Hmmm" von uns, weil wir nicht wussten, was wir darauf antworten sollten.

An der Ampel fiel mir ein Countdown auf, er zeigte an, wie lange es noch Rot bleibt. Fast eine Minute dauerte das Ampel-Schauspiel. Ich schaute mich um und sah auf einem Café gegenüber ein Schild: Free Wi-Fi. Ich holte schnell das Handy raus, loggte mich ein. Emails - check. Ich habe das Experiment spasseshalber zehn mal wiederholt. An acht von zehn Ampeln gab es ein frei zugängliches Netzwerk.     

Die Rezeption im alten Sowjethotel arbeitete 24:7. 

Über free Wi-Fi wunderte ich mich schon nicht mehr. Langsam beschlich mich das Gefühl, ich würde mein Leben auf dem Nordpol verbringen und wäre gerade das erste Mal in der Zivilisation gelandet. Das Mädchen an der Rezeption reichte uns Formulare zum ausfüllen. Während wir dabei waren, sagte sie: „Alles ok, Sie müssen nichts weiter tun oder bezahlen. Außer noch einige Rubel für die Registrierung von ihnen beiden.“ Auf meinen recht aussagekräftigen Blick hin, antwortete sie: „Ich schäme mich fast es zu sagen, aber für ausländische Bürger sind 120 Rubel fällig und ich muss ihre Pässe über Nacht hier behalten - wegen der Formalitäten.“

Das Hotelzimmer war klein und sauber. Aus dem Fenster sah man die Uferpromenade. Das Free Wi-Fi geht mir langsam auf die Nerven.

Die Hochzeitsfeier (falls ich vergessen habe das erwähnen: die Hochzeit des Neffen meines Mannes war der Grund für unseren Kurztrip in die Nördliche Hauptstadt) sollte erst am Nachmittag beginnen, daher hatten wir morgens Zeit für einen kleinen Spaziergang. Nach Sankt Petersburg zu fahren und den Kreuzer Aurora, von dem aus 1917 das Signal für die Erstürmung des WInterpalasts gegeben wurde, nicht zu besichtigen, ist absolut unverzeihlich. Es ist ein Touristenmagnet. Das Hotel lag direkt gegenüber der Anlegestelle, wir mussten nur die Brücke überqueren. 

Hier werde ich kurz etwas weiter ausholen - ein Zeitrückblick. Zu Beginn unserer Romanze sind wir in die Stadt der Liebe - nach Paris - gefahren. In Paris zu sein und nicht den Eiffelturm zu besichtigen, ist absolut unverzeihlich. Aber, wir hatten ziemliches Pech. Nicht nur, dass das Wetter einfach nur mies war, meine Turnschuhe jeweils ein Leck bekommen hatten, wir kamen auch nicht auf den Eiffelturm, weil alle Fahrstühle kaputt waren und ich mich strickt weigerte zu Fuß zu laufen. Was von der Reise übrig blieb, waren unvergessliche Erinnerungen, die Gewissheit, dass, wenn wir diesen Trip als Paar überleben konnten, wir auch das Eheleben schaffen werden und die "Wir waren in Paris, haben es aber nicht auf den Eiffelturm geschafft“ - Geschichte. Nun, mit den Jahren wird man bekanntlich weiser. Ich wusste, dass das Wetter in Sankt Petersburg auch im Sommer gerne Kapriolen schlägt. Daher waren wir Klamottentechnisch sehr gut aufgestellt. Aber der Kreuzer Aurora, den zu sehen wir uns das gesamte Jahr der Reiseplanung erträumt hatten, war nicht an seinem Platz, sondern in Kranstadt zur Wartung. Was von der Reise übrig blieb, war also eine „Wir haben Aurora nicht gesehen, aber wenigstens waren wir passend angezogen“ - Geschichte. 

Nachdem wir die Stelle, an der Aurora hätte stehen müssen, ausgiebig betrachtet und fotografiert haben, vertieften wir uns in ein Seitenstraßen-Geflecht auf der Suche nach einer Abkürzung zurück zum Hotel. Wir standen etwas verloren an einer Kreuzung als die  Straßenbahn kam. Wir zögerten kurz, ob wir einsteigen, entschieden uns dann aber doch dagegen. Plötzlich öffnete die Straßenbahnführerin, eine robuste, kleine, dunkelhaarige Frau, die Tür ihrer Kabine und brüllte über die ganze Straße in unsere Richtung: „Wohin wollen sie denn? Wir brüllten unsere Destination zurück. Sie erklärte uns so lange den Weg, bis sie in unseren Gesichtern die Erleuchtung des Verstehens sah. Dann schrie sie noch: "Schnell! Jetzt! Laufen sie schnell über die Straße, solange noch grün ist, sonst stehen sie wieder. Los! Jetzt!! Rennen sie!!!“ Angepeitscht von ihrem Geschrei rannten wir kopfüber über die Straße. Ihre Wegbeschreibung war übrigens einwandfrei.

Die Hochzeit selbst war sehr nett, aber ausführlich beschreiben werde ich sie hier nicht. Nur soviel: Auch die russische Jugend emanzipiert sich langsam von den Eltern. Die Feier hat das Paar, trotz einiger giftiger Kommentare von der Verwandtschaft, komplett selbst organisiert und auch so gefeiert, wie sie es selbst gewollt haben. Auch ihre gemeinsame Zukunft werden sie, anders als üblich, in einer Mietwohnung beginnen, aber dafür fernab von den Eltern. Ach ja, im Restaurant gab es free Wi-Fi.

Auf dem Weg zurück zum Flughafen hielten wir kurz vor einer kleinen Metzgerei mit dem hübschen Namen: der Alptraum eines Vegane s. Ich bin kein ausgesprochner Jamón-Experte, aber er war da (Stichwort: Russische Gegensanktionen) und rein nach Aussehen und Geruch zu urteilen, war es ein echt guter Schinken. Ein ehemaliger Kommilitone des Neffen, der seit einigen Jahren in Finnland arbeitet und mit uns zusammen zum Flughafen gefahren ist, kommentierte während dessen: "Was Sie -  die Deutschen - sich wohl denken, welche Sanktionen? Schaut euch doch um, die ganze Technik - alles deutsche Produktion! Oder haben die keine Lust mehr Exportweltmeister zu sein?!" Als deutsche Vertreter vor Ort haben wir uns diese Tirade schweigend angehört, gaben ein weiteres "Hmmm" von uns und begaben uns zum Gate.

Noch eine letzte Passkontrolle, dann hat unser geregeltes Leben uns zurück. Russland hat uns mit seinen Kontrasten zum Staunen gebracht, obwohl wir das Leben von „normalen Bürgern“, den “kleinen Leute" natürlich nicht gesehen haben. 

Schönefeld. Guten Morgen, geliebte Hauptstadt!

Ich schaltete mein Telefon ein und suchte, schon gewohnheitsmäßig, nach einem zugänglichen Netzwerk. „Bitte, füllen Sie Ihre Daten aus“, - der trockene Satz zu Beginn einer DIN A4 langen Formular-Maske holte mich endgültig zurück nach Deutschland.

Free Wi-Fi! Free Wi-Fi für alle!!!