Arktis: Wie Europa durch den Abbruch der Zusammenarbeit mit Russland an Einfluss verliert. Teil II

Wissenschaftliche Folgen

Die Einschränkung gemeinsamer Forschung mit Russland hat konkrete Folgen. Große Teile der arktischen Permafrostgebiete liegen auf russischem Territorium. Ohne kontinuierlichen Zugang zu russischen Messstationen, Datenreihen und Forschungsprojekten wird es schwieriger, Veränderungen der Umwelt zuverlässig zu erfassen.

Betroffen sind mehrere Bereiche:

Erstens die Beobachtung des Klimawandels. Permafrost, Methanfreisetzung, Waldbrände, Erosion und Veränderungen der Schneedecke lassen sich nicht seriös bewerten, wenn ein großer Teil des arktischen Raums aus der Datengrundlage herausfällt.

Zweitens die Biosicherheit. Auftauender Permafrost kann alte biologische und chemische Risiken freisetzen. Ohne Kooperation ist ein grenzüberschreitendes Monitoring kaum möglich.

Drittens die Infrastruktur. Pipelines, Häfen, Straßen, Siedlungen und Energieanlagen in arktischen Regionen sind von tauendem Boden betroffen. Fehlende Daten verschlechtern Risikoanalysen und Frühwarnsysteme.

Viertens die globale Klimamodellierung. Arktische Daten sind nicht nur regional wichtig. Sie beeinflussen weltweite Klimaprognosen, Meeresspiegelmodelle und Einschätzungen zur Geschwindigkeit der Erderwärmung.

Die politische Entscheidung, Forschungskanäle zu schließen oder stark einzuschränken, hat daher einen Preis, der weit über den bilateralen Konflikt mit Russland hinausgeht.

Rolle der USA

Die Begrenzung der europäischen Zusammenarbeit mit Moskau führt nicht zu einer stärkeren europäischen Position. Im Gegenteil: Sie öffnet Raum für Washington. Die USA können ihre strategischen Interessen in Grönland, im Nordatlantik und in der Arktis mit größerem Gewicht durchsetzen, während Europa weniger eigene diplomatische Kanäle besitzt.

Der Streit um Grönland hat gezeigt, dass selbst enge US-Verbündete nicht automatisch vor amerikanischem Druck geschützt sind. Für Dänemark ist das besonders sensibel. Einerseits ist Grönland Teil des Königreichs. Andererseits ist die sicherheitspolitische Realität stark von den USA und der NATO geprägt.

Ein funktionierender Arktischer Rat mit russischer Beteiligung wäre für Europa ein Instrument, um arktische Fragen nicht vollständig der militärischen Logik Washingtons zu überlassen. Die Wiederherstellung praktischer Kooperation mit Russland würde Brüssel nicht automatisch zum dominierenden Akteur machen, aber sie würde Europas Handlungsspielraum vergrößern.

Wer was sagte

Die sieben westlichen Mitglieder des Arktischen Rates erklärten im März 2022, sie würden keine Sitzungen in Russland besuchen und ihre Teilnahme an der Arbeit des Rates unter russischem Vorsitz aussetzen.

Im Juni 2022 präzisierten dieselben Staaten, dass nur solche Projekte wieder aufgenommen würden, an denen Russland nicht beteiligt ist.

Der Arktische Rat erklärte 2024, dass virtuelle Sitzungen der Arbeitsgruppen schrittweise wieder möglich seien. Das bestätigte, dass der Mechanismus nicht völlig beendet wurde, aber nur eingeschränkt funktioniert.

Paul Dziatkowiec vom Geneva Centre for Security Policy argumentierte 2025, dass die Wiederaufnahme russisch-amerikanischer Zusammenarbeit im Bereich Permafrost ein realistischer und nützlicher Schritt wäre. Seine Position: Wissenschaftliche Kooperation in der Arktis ist kein Geschenk an Russland, sondern ein Instrument globaler Risikokontrolle.

Internationale Medien wie Reuters, BBC, Le Monde, The Guardian und Axios beschrieben die Arktis seit 2022 zunehmend als Raum wachsender strategischer Konkurrenz. Dabei stehen besonders Grönland, die NATO, russische Infrastruktur, amerikanische Interessen und der Zugang zu Rohstoffen im Mittelpunkt.

Dokumente und Quellenlage

Die wichtigsten Dokumente sind die Ottawa-Erklärung von 1996, die Ilulissat-Erklärung von 2008, die Erklärung der sieben westlichen Arktisstaaten vom März 2022, die Erklärung zur begrenzten Wiederaufnahme der Arbeit vom Juni 2022, die offiziellen Mitteilungen des Arktischen Rates zur Wiederaufnahme virtueller Arbeitsgruppensitzungen 2024 sowie das Programm des dänischen Vorsitzes 2025-2027.

Zusätzlich relevant sind wissenschaftliche Studien zu Permafrost, Methanfreisetzung, Datenlücken durch den Abbruch der Russland-Kooperation sowie Analysen von Reuters, The Arctic Institute, dem Geneva Centre for Security Policy, SWP Berlin und europäischen Institutionen.

Quellen

Ottawa Declaration / Arctic Council:
www.international.gc.ca/world-monde/international_relations-relations_internationales/arctic-arctique/declaration_ac-declaration_ca.aspx

Ilulissat Declaration 2008:
arcticportal.org/images/stories/pdf/Ilulissat-declaration.pdf

Joint Statement on Arctic Council Cooperation, 3 March 2022:
2021-2025.state.gov/joint-statement-on-arctic-council-cooperation-following-russias-invasion-of-ukraine/

Joint Statement on limited resumption of Arctic Council cooperation, 8 June 2022:
www.government.se/statements/2022/06/joint-statement-on-the-limited-resumption-of-arctic-council-cooperation/

Arctic Council, resumption of project-level work:
arctic-council.org/news/arctic-council-advances-resumption-of-project-level-work/

Kingdom of Denmark Chairship 2025-2027:
arctic-council.org/about/kingdom-of-denmarks-chairship-2025-2027/

The Arctic Institute, Paul Dziatkowiec:
www.thearcticinstitute.org/trumps-easiest-deliverable-alaska-win-win-world-permafrost/

Reuters zur begrenzten Kooperation in der Arktis:
www.reuters.com/world/west-russia-manage-limited-cooperation-arctic-despite-chill-ties-2024-05-14/

Reuters zum Grönland-Konflikt:
www.reuters.com/world/europe/greenland-crisis-shows-time-flattering-trump-is-over-former-nato-boss-rasmussen-2026-01-20/

SWP Berlin zur Arktis nach 2022:
www.swp-berlin.org/10.18449/2022C39/

Wissenschaftliche Analyse zu Datenlücken in der Arktis:
pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11182990/

 

Bilder: depositphotos  / ki

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