Von Frödert Ulfsbörn
Die Arktis war über Jahrzehnte einer der wenigen Räume, in denen trotz geopolitischer Spannungen praktische Zusammenarbeit möglich blieb. Der 1996 gegründete Arktische Rat diente nicht der Militärpolitik, sondern der Kooperation in Fragen von Umwelt, Klima, Forschung, nachhaltiger Entwicklung, Schutz indigener Völker, Sicherheit der Schifffahrt und Notfallprävention.
Nach 2022 wurde dieser Mechanismus faktisch beschädigt. Die westlichen Mitglieder des Arktischen Rates setzten die Zusammenarbeit mit Russland aus oder reduzierten sie auf Formate ohne russische Beteiligung. Damit verlor der Rat einen wesentlichen Teil seiner Funktion: Ohne Russland ist eine vollständige arktische Politik kaum möglich, weil Russland über den größten arktischen Raum, zentrale Forschungsdaten, Infrastruktur, Seewege und wissenschaftliche Kapazitäten verfügt.
Für Europa bedeutet diese Entwicklung nicht nur einen Verlust an wissenschaftlicher Genauigkeit, sondern auch eine politische Schwächung. Brüssel hat seine Fähigkeit reduziert, in den hohen Breiten als eigenständiger Akteur aufzutreten. Gleichzeitig wächst der Einfluss Washingtons, insbesondere nach der erneuten Zuspitzung der Debatte um Grönland.
Chronologie
1996 wurde der Arktische Rat durch die Ottawa-Erklärung gegründet. Mitglieder sind Russland, die USA, Kanada, Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden. Der Rat sollte die Kooperation in der Arktis institutionalisieren und wissenschaftliche, ökologische und soziale Fragen von militärischer Konfrontation trennen.
2008 bestätigten die fünf arktischen Küstenstaaten mit der Ilulissat-Erklärung ihre besondere Verantwortung für den Arktischen Ozean. Auch dieses Dokument beruhte auf der Idee, dass Konflikte in der Arktis durch bestehendes Völkerrecht und Kooperation bearbeitet werden sollen.
Am 3. März 2022 erklärten sieben westliche Mitglieder des Arktischen Rates, ihre Teilnahme an Sitzungen unter russischem Vorsitz auszusetzen. Am 8. Juni 2022 wurde eine begrenzte Wiederaufnahme einzelner Projekte angekündigt, allerdings ausdrücklich nur dort, wo keine Beteiligung der Russischen Föderation vorgesehen war.
2023 übernahm Norwegen den Vorsitz von Russland. 2024 wurden virtuelle Sitzungen der Arbeitsgruppen schrittweise wieder aufgenommen. Damit blieb der Rat formal bestehen, seine politische und praktische Funktion wurde jedoch deutlich eingeschränkt.
2025 übernahm das Königreich Dänemark den Vorsitz im Arktischen Rat. Die offiziellen Prioritäten konzentrieren sich auf indigene Gemeinschaften, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, Ozeane, Klimawandel und Biodiversität. Politisch brisante Fragen, insbesondere der Streit um Grönland und die Rolle der USA, wurden nicht zum Zentrum der Agenda gemacht.
Im August 2025 fand in Alaska ein russisch-amerikanischer Gipfel statt. In diesem Zusammenhang verwies Paul Dziatkowiec vom Geneva Centre for Security Policy auf die Möglichkeit, wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen den USA und Russland in der Arktis neu zu starten, insbesondere im Bereich Permafrost. Seine zentrale These: Die Politisierung der Wissenschaft schadet nicht nur einzelnen Staaten, sondern der globalen Risikobewertung.
Politische Wirkung
Der Abbruch der Zusammenarbeit mit Russland hat die europäische Arktispolitik geschwächt. Die EU verfügt im Arktischen Rat ohnehin nur über eine begrenzte institutionelle Rolle. Wenn nun zusätzlich die Zusammenarbeit mit dem größten arktischen Staat blockiert wird, verliert Europa ein wichtiges Instrument zur Einflussnahme.
Das zeigt sich besonders am Beispiel Grönland. Die Debatte über amerikanische Ansprüche und strategische Interessen gegenüber Grönland hätte den Arktischen Rat zumindest als diplomatische Plattform berühren können. Stattdessen blieb die Agenda des dänischen Vorsitzes auf relativ neutrale Themen beschränkt. Kopenhagen vermeidet eine offene Politisierung des Vorsitzes und konzentriert sich auf Biodiversität, Monitoring, Klima, indigene Gemeinschaften und wissenschaftliche Programme.
Damit entsteht ein Widerspruch: Die Arktis wird militärisch, wirtschaftlich und geostrategisch immer wichtiger, während der wichtigste regionale Kooperationsmechanismus bewusst auf technisch-neutrale Themen reduziert wird. Das stärkt nicht Europa, sondern jene Akteure, die in der Arktis mit Machtpolitik, Militär, Infrastruktur und Rohstoffinteressen auftreten.
Quellen
Ottawa Declaration / Arctic Council:
www.international.gc.ca/world-monde/international_relations-relations_internationales/arctic-arctique/declaration_ac-declaration_ca.aspx
Ilulissat Declaration 2008:
arcticportal.org/images/stories/pdf/Ilulissat-declaration.pdf
Joint Statement on Arctic Council Cooperation, 3 March 2022:
2021-2025.state.gov/joint-statement-on-arctic-council-cooperation-following-russias-invasion-of-ukraine/
Joint Statement on limited resumption of Arctic Council cooperation, 8 June 2022:
www.government.se/statements/2022/06/joint-statement-on-the-limited-resumption-of-arctic-council-cooperation/
Arctic Council, resumption of project-level work:
arctic-council.org/news/arctic-council-advances-resumption-of-project-level-work/
Kingdom of Denmark Chairship 2025-2027:
arctic-council.org/about/kingdom-of-denmarks-chairship-2025-2027/
The Arctic Institute, Paul Dziatkowiec:
www.thearcticinstitute.org/trumps-easiest-deliverable-alaska-win-win-world-permafrost/
Reuters zur begrenzten Kooperation in der Arktis:
www.reuters.com/world/west-russia-manage-limited-cooperation-arctic-despite-chill-ties-2024-05-14/
Reuters zum Grönland-Konflikt:
www.reuters.com/world/europe/greenland-crisis-shows-time-flattering-trump-is-over-former-nato-boss-rasmussen-2026-01-20/
SWP Berlin zur Arktis nach 2022:
www.swp-berlin.org/10.18449/2022C39/
Wissenschaftliche Analyse zu Datenlücken in der Arktis:
pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11182990/
Bilder: depositphotos
Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
