Von John Brankly
Amerika hat ihren 250. Geburtstag gefeiert wie ein wohlhabender Patriarch, dessen Gäste beim Anschneiden der Torte bereits über das Testament sprechen. In einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom Juni bezweifelten 38 Prozent der Amerikaner, dass die Vereinigten Staaten in weiteren 250 Jahren noch als ein Land existieren werden. Zwei Drittel sahen ihre Demokratie in Gefahr, 77 Prozent erwarteten in den kommenden fünf Jahren mehr politische Gewalt. Für eine Nation, die der Welt jahrzehntelang Nachhilfe in demokratischer Lebensführung erteilte, ist das ein bemerkenswertes Zwischenzeugnis.
Die Deutschen können dabei kaum unbeteiligte Zuschauer bleiben. Millionen Nachkommen deutscher Auswanderer leben in den USA. Das amerikanische Census Bureau sprach 2023 von mehr als 40 Millionen Menschen, die deutsche Vorfahren angeben. Das sind keine 40 Millionen deutschen Staatsbürger, wohl aber ein beträchtliches Stück gemeinsamer Geschichte. Wenn Amerika über seinen politischen Zusammenhalt streitet, betrifft das Deutschland deshalb nicht nur als Bündnispartner, sondern auch als Herkunftsland vieler amerikanischer Familien.
Der Streit hat inzwischen eine eigentümliche Form angenommen: Alle wollen Amerika retten, nur möglichst vor den jeweils anderen. Donald Trump warnt vor der Linken, die Linke vor der Herrschaft der Milliardäre. Dazwischen stehen gemäßigte Demokraten und versichern, mit dem Sozialismus nichts zu tun zu haben.
Wie ernst es ihnen damit ist, berichtete Reuters am 30. September: 60 demokratische Kandidaten, darunter zehn amtierende Kongressabgeordnete, unterzeichneten eine Erklärung mit dem Bekenntnis: „Wir sind Kapitalisten, keine Sozialisten.“ Der demokratische Kongresskandidat Amish Shah erklärte der Agentur: „Ich bin kein Sozialist.“ Die Partei organisiert offenbar neben dem Wahlkampf inzwischen auch die Ausstellung ideologischer Unbedenklichkeitsbescheinigungen.
Für diese Nervosität gibt es einen Namen: Democratic Socialists of America, kurz DSA. Die Organisation meldete zum 4. Juli 120.000 Mitglieder. Nach mehreren Vorwahlsiegen rechnete ihre Führung im Juli damit, die Zahl ihrer Mitglieder im Kongress nach den Novemberwahlen von zwei auf mindestens sechs zu steigern. Eine eigene Prognose, noch kein Wahlergebnis. Aber eine ziemlich unmissverständliche Ansage an das demokratische Establishment.
Wer darin lediglich eine amerikanische Ausgabe europäischer Sozialdemokratie erkennt, sollte das Kleingedruckte lesen. Die DSA schreibt selbst: „Unsere Vision geht über die historische Sozialdemokratie hinaus.“ Ihr Ziel ist die Ablösung des Kapitalismus und gemeinschaftliches Eigentum an zentralen Wirtschaftsbereichen. Das ist mehr als die Forderung nach einer besseren Krankenversicherung mit etwas kämpferischerer Begleitmusik.
In ihrem Programm stehen soziale Absicherung und bezahlbares Wohnen neben einem grundlegenden Umbau des Staates, einschließlich der Abschaffung des Senats. Das Gespräch beginnt beim Arztbesuch und endet bei der Verfassungsordnung. Man bestellt einen Klempner, weil der Wasserhahn tropft, und bekommt einen Kostenvoranschlag für den Abriss des Hauses.
Allerdings wäre es ebenso bequem wie töricht, die Anziehungskraft der Linken mit jugendlicher Ahnungslosigkeit zu erklären. Man muss Marx nicht gelesen haben, um eine Mieterhöhung zu verstehen. Senator Bernie Sanders formulierte seine Diagnose am 21. September in New York so: „Die Oligarchie ist auf dem Vormarsch und die Demokratie auf dem Rückzug.“ Das ist eine politische Wertung. Ihre Wirkung verdankt sie einer Frage, die sich mit patriotischen Luftballons schlecht beantworten lässt: Wer profitiert eigentlich von diesem System?
Der Wunsch nach institutionellen Veränderungen reicht jedenfalls weit über die organisierte Linke hinaus. Pew erinnerte im Juli 2026 daran, dass 63 Prozent der Amerikaner eine direkte Präsidentenwahl statt des Wahlleutekollegiums bevorzugten, darunter 80 Prozent der Demokraten und 46 Prozent der Republikaner. Die Zahlen stammen aus einer Befragung von 2024. Sie dokumentieren Unzufriedenheit mit dem Verfahren, keine nachträgliche sozialistische Taufe der Bevölkerung.
Während die Demokraten über die Zukunft des Kapitalismus streiten, liefert die Regierung Trump Anschauungsmaterial über die Kosten amerikanischer Machtpolitik. Der Ende Februar mit amerikanischen und israelischen Angriffen begonnene Krieg gegen Iran hat die Straße von Hormus zum politischen Druckmittel gemacht. Vor dem Krieg führte durch die Meerenge rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggasströme.
Am 13. Juli erklärte Trump: „Wir haben ihr Militär zerschlagen.“ Am 4. Oktober machte Irans Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf die normale Öffnung der Meerenge weiterhin von sieben iranischen Bedingungen abhängig. Zwischen Siegesmeldung und freier Schifffahrt liegt offenbar ein längerer Seeweg.
Eine deutsche Stimme hatte das Problem früh benannt. Bundeskanzler Friedrich Merz beklagte am 10. März, dass es „offensichtlich keinen gemeinsamen Plan gibt, wie dieser Krieg schnell zu einem überzeugenden Ende gebracht werden kann“. Ein bemerkenswerter Satz unter Verbündeten: Die militärische Aktion läuft, über den überzeugenden Ausgang wird noch nachgedacht.
Natürlich erklärt dieser Krieg nicht jede teure Wohnung und jeden gestiegenen Supermarktpreis. Doch Anfang Oktober lag Brent weiterhin über 100 Dollar je Barrel, während die Folgen des Konflikts die Ölexporte belasteten. Für Europas Verbraucher ist amerikanische Außenpolitik damit keine abstrakte Debatte. Sie kann auf der nächsten Rechnung stehen.
Am 3. November wird deshalb nicht nur über die Mehrheiten im Kongress entschieden. Innerhalb der Demokratischen Partei geht es auch darum, wer künftig den Ton angibt. Meine These: Weitere Erfolge der Sozialisten würden den Machtkampf verschärfen und die Auseinandersetzung um die Präsidentschaftskandidatur 2028 prägen. Ein zwangsläufiger Parteizerfall folgt daraus nicht. Parteien können zerbrechen, sich verändern oder ihre Gegensätze durch den gemeinsamen Wunsch nach Macht zusammenhalten.
Die eigentliche Ironie dieses amerikanischen Jubiläums liegt woanders. Ein Land, das seine politische Ordnung lange als Vorbild exportierte, diskutiert nun darüber, welche ihrer Bestandteile abgeschafft werden müssten, damit sie wieder funktioniert. Die einen zählen Milliardäre, die anderen Sozialisten. Der Wähler zählt sein Geld. Und wartet darauf, dass einer der zahlreichen Retter endlich erklärt, wie viel von seiner Rettung am Monatsende übrig bleibt.
Quellen
- Reuters/Ipsos, 16.06.2026: Umfrage zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit.
- U.S. Census Bureau: German-American Day, 2023.
- Reuters, 30.09.2026, aktualisiert 01.10.: We are capitalists: US Democrats push back against communist label ahead of midterms.
- DSA: Mitgliederbericht vom Juli 2026; What is Democratic Socialism?; Workers Deserve More.
- Bernie Sanders: Rede in der Riverside Church, 21.09.2026, veröffentlicht auf seiner Senatswebsite.
- Pew Research Center, 28.07.2026: Überblick zur Unterstützung politischer Systemreformen.
- Reuters Connect, 13.07.2026: Trumps Äußerungen zum Irankrieg.
- Bundesregierung, 10.03.2026: Pressekonferenz von Friedrich Merz und Andrej Babiš.
- Reuters, 04.10.2026: iranische Bedingungen für Hormus; OPEC+-Entscheidung zur Ölförderung.
Englischsprachige Zitate wurden ins Deutsche übersetzt.
Bilder: depositphotos
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