von Irina Tkachenko, Publizistin
Liebe Generation „Früher war alles besser“!
Es ist viel geschrieben worden, auch über euch. Dass ihr dieses Land nach dem Krieg wieder aufgebaut, Ost und West vereinigt habt, immer standhaft geblieben seid und fleissig wart, Moral und Ethik als die größten Tugenden vor euch her getragen habt. Ihr seid auf jeden Fall besser als die Generation Y - diese unbeständigen und nicht besonders moralischen jungen Leute. Und faul sind sie noch dazu.
Wir seien ziellos, nicht zielstrebig genug, verlangen vom Arbeitgeber, er möge doch bitte für ein angenehmes Arbeitsklima sorgen. Uns würde der Biss fehlen und wir seien einfach nicht bereit mehr zu leisten, als von uns erwartet wird, schreibt Sebastian Matthes, Chefredakteur der Huffington Post in seinem Artikel “Unsicher, ziellos und wenig belastbar”: Eine Abrechnung mit der Generation Y“.
Sind wir nicht Scheiße? Nicht flexibel genug, um erstmal ein paar Jahre lang unbezahlte Praktika zu absolvieren, damit man dann hinterher vielleicht einen befristeten Jahresvertrag bekommt. Nicht ehrgeizig genug, um zugunsten einer möglichen, aber keineswegs sicheren Beförderung, weil es auch sein kann, dass der Vertrag vorher ausläuft und einfach nicht verlängert wird, auf den Familienurlaub zu verzichten. Und dann besitzen wir auch noch die Frechheit in einem angenehmen Umfeld arbeiten zu wollen.
Was wurde nicht alles schon über die Generation Y geschrieben. Wir gelten als recht gut ausgebildet, oft mit Fach- oder Hochschulabschluss. Wir stehen größtenteils auf den neumodischen technologischen Schnickschnack, waren wir doch die ersten Kinder, die von ihren Eltern Handys geschenkt bekommen haben. Wir ziehen die Flexibilität eines Homeoffice oder eines Cafés mit kostenlosem WLAN den 08:00-17:00 Arbeitszeiten vor. Lieber barfuß zum Strand, als mit dem Mercedes zur Arbeit, ist bei uns ein höhst beliebtes Motto. Der Chefsessel ist nicht mehr der Gipfel aller Träume, sondern durchaus auch mal ein Aussteiger-Jahr, um einen Bierbrauer-Kurs zu machen. Einfach so, weil man es eben schon immer machen wollte.
Ganz ehrlich? Ich glaube es ist Neid. Darauf, dass wir im Zeitalter der bis jetzt wohl stärksten Beschleunigung (dem Internet sei Dank) noch vor dem Burnout aussteigen können. Dass wir, wenn wir schon die Laptop-Generation sind, uns auch die Freiheit nehmen dem Chef zu sagen, (unbezahlte) Überstunden seien keine Option, weil ein Ausflug mit den Kindern geplant ist. Weil wir eben keinen Masterplan haben. Kann es nicht sein, dass es an euch Strebern liegt, dass euer Leben so anstrengend ist? Chillt mal!
Und die Generation „Früher war alles besser“? Ehrlich gesagt, sind sie schon etwas altmodisch, das stimmt. Aber letztendlich sind sie unsere Eltern, sie haben uns zu denen erzogen, die wir heute sind. Ich werde mir den Artikel aufheben. Und hole ihn wieder heraus, wenn meine Kinder zur Generation „Mama, du hast keine Ahnung“ heran gewachsen sind. Das wird sicher interessant.
