Vor 2.500 Jahren hatte der Mathematiker und Philosoph Pythagoras gesagt, dass letztlich alles nur eine Zahl ist.
Es gibt in der lateinischen Sprache einen sehr schönen Ausspruch: „Digito caelum attingere“, der meistens leider völlig falsch übersetzt wird. Man übersetzt es für gewöhnlich mit: „Vom Glück äußerst begünstigt sein.“ Es müsste aber heißen: „Durch den Finger dem Himmel sehr nahe kommen“.
Das lat. Wort „digitus“ bedeutet „Finger“, „digito“ ist der 5. Fall (Ablativ). Das Verb „digitare“ (mit dem Finger zeigen) existiert bislang noch nicht. Heute erlaube ich mir, diese wichtige Sprachergänzung vorzunehmen.
ROLAND R. ROPERS ,Sprach- & Kulturphilosoph. Kolumnist WORLD ECONOMY
Vom Himmel, bzw. einer übergeordneten kosmischen Instanz, haben sich viele Menschen weit entfernt, sie haben die Schwingungskraft der analogen Welt durch die Kodifizierung von Sprache und Musik mit Hilfe der Zahlen 0 und 1 digitalisiert und vergewaltigt.
Die Klangübertragung der gesamten Natur erfolgt jedoch analog. Die elektro- magnetischen Schwingungen werden quasi im Original übertragen. Die unter- schiedlichen Informationen werden dabei von unterschiedlich hohen Spannungen erzeugt. Es funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie bei den Ohren von Menschen und Tieren. Schallwellen werden auch im Ohr in elektrische Impulse umgewandelt, die dann im Gehirn wahrgenommen werden. Nun unterliegt die analoge Übertragung von Daten einer viel höheren Fehlerquote.
Deshalb kommen beim Empfänger niemals die gleichen Informationen an, die vom Sender losgeschickt wurden. Leitungsverluste, Umwelteinflüsse oder Störsignale haben daran großen Anteil.
In der technisch revolutionierten Welt der Datenübertragung, wird jede elektro-magnetische Schwingung im digitalen Modus gemessen und die Ergebnisse als Zahlenkombinationen auf die Reise geschickt. Der digitale (digit wird hier als Zahl verstanden) Empfänger wandelt die ankommenden Zahlen wieder in die Form um, in der sie losgeschickt wurden. Dabei gelingt es bei der digitalen Übertragung schädigende Einflüsse viel besser zu kompensieren, als beim analogen System. Wenn, zum Beispiel, vereinfacht dargestellt, ein Signal mit der Zahl 8 codiert wurde und unterwegs 20 Prozent von der Information verloren gehen, erkennt ein digitaler Empfänger bei der ankommenden Zahl 6,4, dass es sich um eine 8 handeln muss und gibt das dementsprechende Signal aus.
Goethes Faust, am Morgen des Ostersonntags von Engelschören vor dem Selbstmord bewahrt, gerät noch am selbigen Tag in den Bann des Teufels („des Pudels Kern“). Dieser führt ihn - nach dem verunglückten Spektakel in Auerbachs Keller - zum magischen Verjüngungsakt in die Hexenküche, wo er das rätselhafte Hexeneinmaleins vernimmt.
Aus eins mach Zehn,
Und Zwei lass gehn,
Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex,
Mach Sieben und Acht,
So ist ́s vollbracht;
Und neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
"Hexen-Einmaleins"
Die Hexenküche der digitalen Cyber-Welt wird täglich bedrohlicher, weil die Unterscheidung zwischen Virtualität und Realität immer schwieriger wird. Die Datenmengen („b i g d a t a“) sind kaum zu bewältigen – vieles wird in die „Cloud“, wo auch immer sich diese befinden mag, ausgelagert.
Im World-Wide-Web (WWW) kann jeder innerhalb von wenigen Sekunden einen Blog einrichten oder eine Profilseite in einem sozialen Netzwerk anlegen – noch vor zehn Jahren herrschte hier noch das umständliche Basteln an der ganz privaten Homepage vor. Bei Facebook oder Twitter fließen die Beiträge von Millionen Netzbürgern in einen kollektiven Bewusstseinsstrom ein. Dabei kommen auch die Grenzen zwischen privat und öffentlich in Fluss. Fast täglich wird die Technik schneller, die „Kommunikationsgeräte“ werden vermeintlich immer intelligenter. Sie werden zunehmend mit „fühlenden“ Sensoren und Speicherbausteinen ausgestattet, die unsere Aktivitäten aufzeichnen und digitale Dossiers erstellen – um unser Gedächtnis zu verankern, die Informationsflut zu kanalisieren und uns bei Entscheidungen zu helfen.
Zur Jahrtausendwende hatte ein iMac (APPLE) einen Arbeitsspeicher von 64 Megabyte – heute ist der Arbeitsspeicher 60-mal so groß. Die Festplatte des iMacs von 1999 konnte 10 Gigabyte aufnehmen – heute fängt das bei 500 GB an. Jedes physische Objekt wird demnächst von einer digitalen Wolke - „Cloud“ - umgeben sein.
Big Data verändert alles. Spätestens seit den Enthüllungen Edward Snowdens wissen wir: Eine nahezu unkontrollierbare Überwachungsmaschinerie hat uns im Griff. Gewaltige unstrukturierte Datenmengen, die unser Leben abbilden, werden systematisch ausgewertet. Alles wird zu digitaler Information.
Bilder: @depositphotos @WE
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