World Economy hat ein Interview mit dem Botschafter des Staates Israel, Herrn Hadas-Handelsman geführt. Foto: WE

50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen: „Ich bin mir sicher, dass diese Beziehungen weiter vertieft werden“

WE.: Wie schätzen Sie die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ein?

Botschafter Hadas-Handelsman: 

Wirtschaftliche oder kulturelle Beziehungen laufen zwischen unseren Ländern sowohl stabil als auch dynamisch. Zu behaupten, dass das heutige Miteinander auf Augenhöhe nur auf der Vergangenheit aufgebaut ist, wäre aber nicht richtig. Die Vergangenheit ist schon zur Geschichte geworden und das müssen wir akzeptieren. Sie wird, selbstverständlich, immer im Hintergrund bleiben, aber die heutigen Wirtschaftsbeziehungen haben eine andere Basis. Letztendlich, haben es beide Länder verdient, eine neue gemeinsame Geschichte, neue Beziehungen, miteinander aufzubauen. 

Ich versuche es mit einem Beispiel zu erklären. Zahlreiche Israelis, sind in der deutschen Musikindustrie beschäftigt, in Opernhäusern, Orchestern, nicht weil die armen Leute Juden sind, sondern weil sie gute Künstler sind. Autohersteller, Werkzeughersteller, wie Siemens, sind nicht wegen der Vergangenheit in Israel tätig , sondern weil es sich lohnt. Die Deutschen haben manchmal ein Problem außerhalb der vorgegebenen Rahmen zu denken. Israelis haben Probleme innerhalb der vorgegeben Rahmen zu denken. Diese Mischung aus den deutschen Fähigkeiten, der Präzision, der Pünktlichkeit und der chaotischen israelischen Kreativität passt sehr gut zusammen. Wir sind immer nervös, die Deutschen – eher ruhig. Zusammen - passt es wunderbar. Ich weiß, dass Deutsche, die zum ersten Mal beruflich nach Israel kommen, meistens so begeistert sind, dass sie nach kurzer Zeit wieder hin wollen. Auch, wenn es heute nicht mehr um das simple Kaufen-Verkaufen geht, sondern um Joint Ventures. Ich bin mir sicher, dass diese Beziehungen weiter vertieft werden.  

WE.: Wo sind die Schwerpunkte in den Wirtschaftsbeziehungen zwischen Israel     und Deutschland?

Botschafter Hadas-Handelsman: Deutschland belegt den dritten Platz zwischen unseren wichtigsten Partnern, gemessen am bilateralem Handelsvolumen, hinter USA und China. Wir produzieren sehr viel in der Landwirtschaft und können Agrikultur aktiv betreiben. Beispiel: wir züchten Wassermelonen, die außen weiß und innen grün sind. Leider können wir in Punkto Arbeitskosten nicht gegen Länder wie Marokko bestehen. Deshalb bleiben die Exporte nach Deutschland fast aus. Aber bei dem, was unter den Begriff Startup fällt, können wir viel, viel mehr. Hier können wir im Bereich Autobau richtig mitmischen. Ein großer Teil eines Autos, vor allem bei den neuen Hybridmodellen und den Elektroautos, besteht mittlerweile aus Hightech-Produkten. Das kennen und das können wir gut. Die israelische Kreativität findet viele Lösungen in diesem Bereich. 

Zum Hightech gehören auch von uns entwickelte chemische Materialien, Kunststoffe, Maschinen, Motoren, Haushaltgeräte etc. Oder, nicht weniger wichtig, in den letzten Jahren hat Israel seinen Zugpark stark erweitert. Das ist praktisch  ausschließlich Importware aus Deutschland. Deshalb sehen unsere Passagierwaggons witzigerweise auch genauso aus, wie die in Deutschland. Sie haben die gleiche Farbe, man nennt sie DB-Rot, Deutsche-Bahn-Rot. Wir haben gerade vor kurzem einen weiteren großen Vertrag mit Ihnen unterzeichnet.

WE.: Sie haben über das israelische Know-how in der Autoindustrie gesprochen, können sie einige Beispiele nennen?

Botschafter Hadas-Handelsman: Klar, es gibt sehr schöne Erfindungen, die bereits beim deutschen Autobau benutzt werden. Bei den teureren Luxusmodellen kann man sich das Dashboard auf der Windschutzscheibe anzeigen lassen. Das ist von uns, eine israelische Erfindung. Die Entwicklung hat bei den Kampfpiloten angefangen. Sie haben gleichzeitig sehr viele Daten erhalten und mussten innerhalb von Sekunden Entscheidungen treffen. Und wenn man sich damit beschäftigt diese Daten auszuwerten, verliert man kostbare Zeit. Unsere Erfinder haben den Pilotenhelm dann so umgebaut, dass darin alles direkt vor den Augen angezeigt wurde. Dann bekamen das auch die Panzermannschaften und dann kam es auf den Zivilmarkt und in den Autobau.

WE.: Wie funktioniert eine Freihandelszone zwischen der EU und Israel?

Botschafter Hadas-Handelsman: Es gibt ein Assoziationsabkommen zwischen der EU und Israel. In diesem Rahmen ist alles geregelt. Es ist ähnlich wie ein Freihandelsabkommen.

We.: Was importiert denn Israel aus Deutschland?

Botschafter Hadas-Handelsman: In erster Linie  Fahrzeuge, chemische Erzeugnisse, Maschinen und optische Instrumente, Mess- und Prüftechnik. Vor allem kommt dies aus dem Bereich des Mittelstandes, wo Deutschland viele dieser 

„Hidden Champions“ hat.

Ich möchte aber noch etwas anderes anmerken. Es gibt zahlreiche Firmen, die nicht nur in Israel investieren, sondern auch ihre R&D-Center in Israel haben. Die Deutsche Telekom betreibt auch mehrere. Die SAP hat zwei Standorte in Israel, in beiden zusammen ungefähr 800 Angestellte.

Unser Ziel ist es, Firmen dabei zu unterstützen nach Israel zu kommen. Es ist heutzutage Weltweit ein Zentrum für Investitionen. Intel, zum Beispiel, Apple; General Motors hat sein größtes R&D Zentrum außerhalb der USA in Israel. Auch Samsung hat mehrere Forschungszentren. Alle diese Firmen kommen nach Israel, weil es für sie gutes Business bedeutet. Sie kommen nicht, weil sie so große Sympathien für uns hegen, sie kommen, weil es pures Business ist. 

Zum Beispiel, das Organic LED ist eine israelische Erfindung. Bald wird es möglich seinen Fernseher in den 3D-Druckern herzustellen. Wenn sie so einen Drucker, das Material und die Lizenz dafür haben, können sie ihren eigenen Fernseher „drucken“. 

4,3% des israelischen BIPs gehen in die zivile Forschung und Entwicklung. Wir können natürlich nicht mit den USA konkurrieren, sie haben sozusagen zwei Silicon Valleys, Ost und West. 

Per Capita kommt aber in Israel auf 2000 Einwohner immer ein Startup. 

Es gab einen Wettbewerb darum zwischen Apple und Google. Ich kenne einen Anwalt, der bei einem Startup gearbeitet hat, wo Mikrochips für Handys entwickelt wurde. Eine andere Firma war bereit 120 Mio. Euro zu zahlen, damit sie diesen Chip zerstören. Warum? Sie haben für einen sehr bekannten Handyhersteller parallel etwas Ähnliches entwickelt und dieser wollte keine Konkurrenz. Dann haben Sie durch Zufall von diesem Startup in Israel gehört. Sie haben alles durchgerechnet und haben entschieden lieber 120 Mio. für die Firma zu bezahlen, als die Konkurrenz zuzulassen. Es ist manchmal komisch, aber die Wahrheit.