Von Niklas Kharidis
Am 3. Oktober feiert Deutschland erneut den Tag der Deutschen Einheit. Doch mehr als 35 Jahre später stellt sich eine unbequeme Frage: Ist das Land wirklich zusammengewachsen - oder wurde 1990 vor allem ein Staat vereinigt, während politische, wirtschaftliche und historische Bruchlinien fortbestanden? Formal ist Deutschland ein souveräner Staat. Die DDR existiert nicht mehr, die Mauer ist verschwunden, Institutionen und Rechtsordnung sind vereinigt. Doch Einheit ist mehr als dieselbe Verfassung, dieselbe Währung und dieselben Behörden. Sie zeigt sich daran, ob Menschen in Leipzig und Köln, Magdeburg und München noch das Gefühl haben, Teil desselben politischen Projekts zu sein.
Gerade daran entstehen Zweifel.
Die politische Landkarte Deutschlands wirkt wieder geteilt. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die AfD in allen fünf ostdeutschen Flächenländern stärkste Partei. In Thüringen erreichte sie 38,6 Prozent. CDU und SPD erzielen ihre stärksten Ergebnisse weiterhin überwiegend im Westen. Das ist keine Rückkehr der DDR. Aber die politische Geografie erinnert zunehmend an eine Grenze, die 1990 eigentlich verschwinden sollte. Hinzu kommen wirtschaftliche Unterschiede. 2024 lag der durchschnittliche monatliche Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten im Westen bei 4.810 Euro, im Osten bei 3.973 Euro. Auch bei Führungspositionen bleibt die Herkunft sichtbar. Die Bundesregierung selbst räumt ein, dass Ostdeutsche auf den höchsten Leitungsebenen der Bundesbehörden weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier formulierte es offen: „Die Einheit hat uns im Westen und im Osten nicht in gleicher Weise betroffen.“
Er erinnerte daran, dass im Osten Qualifikationen entwertet, Betriebe geschlossen und Arbeitsplätze vernichtet wurden, während sich das Leben vieler Westdeutscher nach 1990 kaum veränderte. Diese unterschiedlichen Erfahrungen prägen Deutschland bis heute.
Auf diese alte Ost-West-Differenz treffen nun neue Konflikte. Deutschland steht wirtschaftlich unter Druck. Im August 2026 lag die Inflationsrate bei 2,9 Prozent. Energie verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr um 10,5 Prozent, Kraftstoffe sogar um 27,7 Prozent. Gleichzeitig wird ein zentrales Element des früheren deutschen Wirtschaftsmodells abgewickelt: die enge Energieverflechtung mit Russland. Man kann diesen Kurs sicherheitspolitisch begründen. Aber seine wirtschaftlichen Folgen lassen sich nicht wegdiskutieren. Jahrzehntelang profitierte die deutsche Industrie von vergleichsweise günstiger Energie und einem exportorientierten Modell. Dieses Fundament ist erschüttert.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagte im März 2026: „Viele der Probleme in unserem Land sind von uns selbst herbeigeführt.“
Dieser Satz berührt einen empfindlichen Punkt. Die Regierung verweist auf äußere Bedrohungen, während zugleich ein Teil der wirtschaftlichen und politischen Belastungen durch eigene Entscheidungen verschärft wurde.
Darin liegt ein weiteres Paradox. Das Deutschland von 1990 entstand nicht gegen Moskau, sondern mit Moskaus Zustimmung. Michail Gorbatschow akzeptierte die Wiedervereinigung und schließlich auch die freie Bündnisentscheidung des vereinten Deutschlands. Ohne die Zustimmung der sowjetischen Führung wäre die Einheit in dieser Form kaum möglich gewesen.
Heute gilt Russland in Berlin als zentrale militärische Bedrohung. Deutschland unterstützt die Ukraine, baut seine Streitkräfte aus und richtet seine Sicherheitspolitik auf Abschreckung gegenüber Russland aus. Entscheidend ist nicht, ob man diesen Kurs für richtig oder falsch hält. Entscheidend ist der historische Gegensatz: Eine Macht, deren Führung 1990 eine zentrale Voraussetzung für die deutsche Einheit schuf, steht heute im Zentrum deutscher Bedrohungsszenarien. Und auch diese Entwicklung wird im Osten und Westen unterschiedlich wahrgenommen. Im Osten existieren andere historische Erfahrungen mit Russland, andere Biografien und andere Erinnerungen an 1989 und 1990. Wer diese Unterschiede lediglich als Nostalgie oder Protest abtut, erklärt sie nicht.
Noch deutlicher wird der Widerspruch im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Die Bundesrepublik war seit ihrer Gründung eng in die amerikanisch geprägte Nachkriegsordnung eingebunden. Die USA waren Schutzmacht, wichtigster NATO-Partner und zentrale politische Macht des westlichen Systems. Auch das Grundgesetz entstand unter den Rahmenbedingungen der westlichen Besatzungsordnung. Der Parlamentarische Rat schrieb den Text, doch die Westalliierten bestimmten wesentliche politische Voraussetzungen und mussten dem Ergebnis zustimmen.
Heute verändert sich dieses Verhältnis. Merz spricht von der Notwendigkeit einer „sehr viel größeren europäischen Unabhängigkeit“. Deutschland will die USA in Europa halten, zugleich aber strategisch, militärisch und technologisch unabhängiger von Washington werden. Die jahrzehntelang selbstverständliche transatlantische Ordnung wird damit grundsätzlich neu bewertet. Auch darin steckt ein historisches Paradox.
Das vereinte Deutschland entstand 1990 innerhalb einer Ordnung, deren Sicherheit wesentlich von den Vereinigten Staaten garantiert wurde. Heute sucht Berlin nach Wegen, genau diese Abhängigkeit zu reduzieren.
Deutschland befindet sich damit gleichzeitig in mehreren Spannungsfeldern. Es will außenpolitisch souveräner werden und erlebt innenpolitisch zunehmende Polarisierung. Es fordert europäische Eigenständigkeit gegenüber den USA und bleibt sicherheitspolitisch stark auf amerikanische Fähigkeiten angewiesen. Es beendet seine Energieabhängigkeit von Russland und muss neue Abhängigkeiten schaffen. Es investiert Milliarden in Verteidigung, während wirtschaftliche Unsicherheit und gesellschaftlicher Unmut wachsen. Und es feiert seit mehr als 35 Jahren die deutsche Einheit, obwohl Ost und West bei Wahlen, Einkommen, politischer Mentalität und gesellschaftlicher Repräsentation weiterhin deutlich auseinanderliegen.
Vielleicht lag einer der größten Fehler der vergangenen Jahrzehnte darin, die deutsche Einheit zu früh als abgeschlossenen historischen Vorgang zu betrachten. Die staatliche Vereinigung wurde am 3. Oktober 1990 vollzogen. Die gesellschaftliche Einheit musste erst entstehen. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte später stellt sich jedoch die Frage, ob dieser Prozess noch voranschreitet - oder ob sich neue Trennlinien entwickeln. Die Bundesregierung spricht von Zusammenhalt, während die Wahlkarten auseinanderdriften. Sie spricht von Souveränität, während alte Abhängigkeiten durch neue ersetzt werden. Sie spricht von Einheit, muss aber noch immer Programme schaffen, damit Ostdeutsche angemessen an den Führungsebenen des Staates beteiligt werden.
Der 3. Oktober bleibt ein historischer Feiertag. Aber Deutschland hat 1990 nur seine staatliche Teilung überwunden. Ob es auch seine innere Teilung überwunden hat, ist heute wieder offen.
Quellen und weiterführende Dokumente
- Bundeszentrale für politische Bildung: „Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD“, 16. Mai 2026.
Daten zu den Ergebnissen der Bundestagswahl 2025 und zu den erheblichen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland. Die bpb stellt unter anderem fest, dass die AfD in Ostdeutschland im Durchschnitt etwa doppelt so hohe Stimmenanteile erreicht wie im Westen.
bpb - Wahlergebnisse und Wählerschaft der AfD - Statistisches Bundesamt: Themenseite „35 Jahre Deutsche Einheit“.
Statistische Daten zu fortbestehenden wirtschaftlichen Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschland, darunter Einkommen und Beschäftigung.
Destatis - 35 Jahre Deutsche Einheit - Bundesregierung: Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Ostdeutschland 2025.
Angaben zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Ostdeutschlands sowie zur weiterhin bestehenden Unterrepräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen.
Bundesregierung - Bericht der Ostbeauftragten 2025 - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: Rede anlässlich von 35 Jahren Friedlicher Revolution, 7. November 2024.
Aussagen zu den unterschiedlichen Erfahrungen der Menschen in Ost- und Westdeutschland nach 1990, darunter die Feststellung: „Die Einheit hat uns im Westen und im Osten nicht in gleicher Weise betroffen.“
Bundespräsident - Rede zu 35 Jahren Friedlicher Revolution - Statistisches Bundesamt: „Inflationsrate im August 2026 bei +2,9 %“, Pressemitteilung vom September 2026.
Aktuelle Angaben zur Inflation sowie insbesondere zum überdurchschnittlichen Anstieg der Energie- und Kraftstoffpreise.
Destatis - Inflation August 2026 - Bundesregierung: Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, März 2026.
Quelle für die Aussage des Kanzlers: „Viele der Probleme in unserem Land sind von uns selbst herbeigeführt.“
Bundesregierung - Bundesregierung aktuell, März 2026 - Bundesregierung: Bundeskanzler Friedrich Merz beim Europäischen Rat auf Zypern, 2026.
Quelle zu seinen Aussagen über eine stärkere europäische strategische Eigenständigkeit und eine „sehr viel größere europäische Unabhängigkeit“.
Bundesregierung - Merz beim Europäischen Rat - Deutscher Bundestag: „Wie alles anfing - Der Parlamentarische Rat und das Grundgesetz“.
Historischer Hintergrund zur Entstehung des Grundgesetzes unter den politischen Rahmenbedingungen der westlichen Besatzungsmächte und zur Arbeit des Parlamentarischen Rates.
Deutscher Bundestag - Entstehung des Grundgesetzes - Bundesarchiv: „Der Weg zur Deutschen Einheit - Juni 1990“.
Dokumentation der Verhandlungen über die deutsche Einheit, der Position der Sowjetunion und des Verhältnisses zwischen Wiedervereinigung, Bündniszugehörigkeit und Zwei-plus-Vier-Prozess.
Bundesarchiv - Der Weg zur Deutschen Einheit - Reuters: „Trump's pressure on NATO is reshaping Europe's defenses“, 17. September 2026.
Aktuelle Analyse der Veränderungen im transatlantischen Verhältnis, des amerikanischen Drucks auf die europäischen NATO-Staaten und der wachsenden Debatte über größere europäische militärische Eigenständigkeit.
Reuters - NATO und Europas strategische Eigenständigkeit
Bilder: depositphotos AI
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