WWI in unseren Köpfen…

Donnerstag, 15. Februar 2018

Willy Wimmer :„Redet doch darüber bei der am Wochenende stattfindenden Kriegskonferenz In München, statt angelsächsische Dauerkriege anzustacheln“

WE: Ist dieses berüchtigte angelsächsische Imperium weiterhin aktiv? Es sieht im Moment wieder so aus, als wären die Karten neu gemischt worden.

Willy Wimmer:

Das muss man ja annehmen, wenn man die heutige Situation  nüchtern betrachtet. Man kann einen historischen Vergleich ziehen. Die Mittelmächte - Österreich-Ungarn und das Kaiserliche Deutschland - haben am 08. Januar 1918 auf die berühmten 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson vertraut. 

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

Wilson schien für den europäischen Kriegsschauplatz eine Lösung anzubieten, die der tatsächlichen Situation auch entsprach und einen dauerhaften Frieden in Europa in Aussicht stellte. Das war der Grund die Waffen niederzulegen und in den Waffenstillstand aus dem November 1918 zu gehen. Wir wissen alle, dass mit dem Diktat von Versailles alles in das genaue Gegenteil verkehrt und die Grundlage für ein weiteres europäisches Elend gelegt worden ist - für den Zweiten Weltkrieg. Die Mittelmächte hatten seinerzeit genau so auf die Amerikaner vertraut, wie es offenbar die sowjetische Führung am Ende des Kalten Krieges getan hat. Es geht um die Aussage aus Washington - natürlich auch aus dem damaligen Bonn - unter keinen Umständen die NATO nach Osten auszudehnen und die Fragilität, die Empfindlichkeit, der europäischen Situation zwischen der Elbe und Brest nicht auszunutzen. Wir haben unter historischen Gesichtspunkten 1918 gesehen, dass der amerikanische Betrug in die Katastrophe geführt hat und zwar, was die gesamte Welt anbetrifft. Und jetzt müssen wir heute gemeinsame Anstrengungen unternehmen, damit uns der erneute Betrug, der auch mit der europäischen Geschichte und der europäischen Entwicklung in Verbindung zu bringen ist, nicht in die nächste Katastrophe führt.

WE: Meinen Sie mit der neuen Entwicklung die gerade angestellten NATO-Überlegungen zu Köln/Bonn und auch die Tatsache, dass Deutschland seine Goldreserve nicht komplett aus den USA ausführen kann/darf?

Willy Wimmer:

Wir haben es hier mit einer Summe von Einzelheiten zu tun, die jede für sich ein abendfüllendes Thema sein könnte. Dazu zählen diese beiden Komponenten natürlich auch. Wir müssen uns aber auch strategisch fragen, warum das alles so abläuft. Und da hat sich seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts vermutlich nicht viel geändert. Diese gesamtstrategische Komponente besteht darin, dass die Vereinigten Staaten als Inselnation alles unternehmen, um die Gegenküsten in Europa und in Asien unter Kontrolle haben zu wollen, beziehungsweise nicht zu verlieren. Und auf der europäischen Seite ist eine weitere Komponente dazu gekommen. Die russischen Rohstoffvorkommen wecken schon seit über hundert Jahren amerikanische Begehrlichkeiten und offensichtlich besteht da die Vorstellung, dass man die Zukunft ohne einen direkten - von Moskau nicht kontrollierten - Zugang zu den Rohstoffen nicht gestalten kann. Das heisst, wir haben es mit Detailergebnissen zu tun, die in dieses Gesamtkonzept passen. Aber wir haben es auch mit einer Gesamtentwicklung zu tun, die wir vielleicht nur deshalb beurteilen können, weil wir Jahrzehnte des Friedens - wenn auch teilweise eines spannungsgeladenen Friedens - hinter uns haben. 

Deswegen kommt es aus meiner Sicht darauf an, die Geschichte als sehr offenes Buch zu betrachten, um daraus Schlüsse zu ziehen, wie wir uns heute zu verhalten haben oder was wir in unsere Überlegungen einbeziehen müssen.

Das ist ein Spiel, das über unsere Köpfe hinweg geht und in gewisser Weise an das erinnert, was als „Das Große Spiel“ Ende des 19 Jahrhunderts zwischen dem russischen Zarenreich und dem Britischen Imperium abgelaufen ist und die Folgen davon sind ja hinreichend bekannt. 

WE: Welche Rolle spielt Deutschland dabei? Vor allem angesichts der letzten Äußerung der Kanzlerin, dass sie die nächsten vier Jahre im Amt bleiben will?

Willy Wimmer:

In den zurückliegenden Jahren, seit dem Vertrag von Maastricht aus dem Jahre 1992, haben wir gesehen, dass es ein angelsächsisches und französisches Gesamtinteresse gibt, was die deutsche Entwicklung anbetrifft. Man will die deutschen Potentiale kontrollieren und durch diese vertraglichen Konstruktionen des Maastrichter und des Lissabonner Vertrages verhindern, dass es eine eigenständige und nationale Beurteilung und Willensbildung in Deutschland gibt. Das muss auch auf die von Frankreich dominierte europäische Ebene, auf die Ebene der Europäischen Union, bezogen werden. Und es gibt auch eine zweite Komponente, die wir in diesen Jahren sehr gut verfolgen konnten. Die Vereinigten Staaten, die sich hinsichtlich der Ausdehnung des amerikanischen Weltreiches offensichtlich übernommen haben, benötigen die unkontrollierten militärischen Potentiale - auch Deutschlands. Deswegen hat die letzte Bundesregierung alles unternommen, um die Zustimmung des Deutschen Bundestages für den Einsatz der Bundeswehr so zu beseitigen, dass die Bundeswehr vom NATO-Oberbefehlshaber oder vom amerikanischen Präsidenten - der ja per se der eigentliche Entscheider ist - genutzt werden kann, wie es im amerikanischen Interesse liegt. Das sehen sie derzeit an den Verrenkungen, die die Bundesverteidigungsministerin in Zusammenhang mit ihrem Besuch im Irak oder vorher in Jordanien unternimmt. Das hat weniger mit dem Irak oder dem IS zu tun, sondern mit einer zukünftigen Konfrontation zwischen Israel und dem Iran. Das muss man so nüchtern sehen wie es ist. Vor diesem Hintergrund wird auch die Antwort auf die Frage klar, worum es eigentlich geht. Es geht darum, dass das, was Deutschland eigentlich darstellen könnte, auch in Zusammenhang mit einer gemeinsamen europäischen und internationalen Entwicklung, so verändert werden muss, dass eine deutsche, nationale Willensbildung gar nicht mehr zustande kommt.

WE: Das heisst, wir sind an dem Punkt angekommen von dem Zbigniew Brzezinski seinerzeit sprach, nämlich, dass man keinen Zusammenschluss zwischen Deutschland und Russland zulassen sollte?

Willy Wimmer:

Das muss man mit aller Nüchternheit sehen. Und sie haben ja gerade die Frage nach einem weiteren NATO-Hauptquartier hier im Rheinland angesprochen. Wir sehen aus einer Summe von Äußerungen, die von der amerikanischen Generalität in der NATO stammen, dass es darum geht, die Souveränität der NATO-Nationen in Europa generell zu beseitigen. Es kann nicht so sein, dass - ohne Beachtung der Grenzen, die es in Europa gibt - es den amerikanischen Befehlshabern überlassen bleibt Divisionen hin und her zu schieben, unter dem Vorwand man mache ein Manöver und beachte deshalb keine nationalen Grenzen. Und, wenn es soweit kommt, wie es der EU-Präsident Juncker in Zusammenhang mit einer europäischen Verteidigungsinitiative artikuliert, dann haben die einzelnen Staaten in Friedenszeiten nichts mehr zu sagen und in Kriegszeiten erst recht nicht. Wir haben es also mit einer Situation zu tun, in der auf dem europäischen Kontinent ein angelsächsisches Vorfeld für den möglichen Konflikt mit der Russischen Föderation vorbereitet wird. Unter allen Umständen und mit allen Konsequenzen. Man muss natürlich auch sehen, welche Möglichkeiten sich aus diesem NATO-Aufmarsch gegenüber der Russischen Föderation ergeben. Wir sehen jeden Tag, dass hier die Militärs ihre Muskeln spielen lassen und ein Spiel betreiben, welches wir im Kalten Krieg auch gesehen haben. Die andere Seite soll so lange gereizt werden, bis es zu einer Fehlentscheidung kommt und es dann möglicherweise einen Grund gibt in einen großen Konflikt gegen die Russische Föderation einzutreten. Der andere Punkt ist der militärische Aufmarsch der NATO in den zurückliegenden Jahren. Selbst der Fernsehsender ARTE hat vor wenigen Tagen in einem Bericht über Nordkorea davon gesprochen, dass die NATO mit ihrer Ostausbreitung jede Zusage an Moskau gebrochen hat. Dieser Aufmarsch führte dazu, dass auf der russischen Seite gegenüber dieser aggressiven Grundeinstellung Vorkehrungen getroffen werden mussten. Das sehen wir daran, dass die früher in Dresden stationierte 1. Garde-Panzerarmee wieder aufgestellt wird und ihr Hauptquartier in Smolensk aufgeschlagen hat. Ich gehe davon aus, dass dadurch seitens des Westens auf  russischem Territorium Tatbestände geschaffen werden sollen, die - unabhängig davon wie die Situation aussieht - immer wieder heran gezogen werden können, um eine russische Bedrohung an die Wand zu malen. Es ist ein durchtriebenes und perfides Spiel, das da vom Westen gespielt wird.

WE: Herr Wimmer, wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch!

Bilder: @depositphotos

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