Zum 101 Jahrestag des Genozids an den Armeniern

Samstag, 23. April 2016

Manchmal vergessen Völker ihre nationalen Aufgaben, allerdings sind solche Völker dem Untergang geweiht. Sie werden zum Dünger für andere, stärkere Völker. Petr Stolypin

@depositphotos

Jesus lebte 33 Jahre, dann wurde er gekreuzigt, um wieder aufzuerstehen. Das armenische Volk wurde über fast 33 Jahre hinweg gekreuzigt - von 1894 bis 1923 und ist doch wieder auferstanden

 Von Dr. Martik Gasparjan, Vizepräsident der Akademie MADENM

 Fast jedes Jahr fällt  der Gedenktag an den Genozid an den Armeniern mit Ostern - dem Fest der Wiederauferstehung Christi - zusammen. Ein großes Fest und eine unfassbare Tragödie. Die Wiederauferstehung Christi und der Tod von Millionen Armeniern. Welches Gefühl überwiegt heute in den Herzen der Armenier? Oder ist es sinnlos diese beiden Ereignisse gegeneinander aufzuwiegen, sondern wäre besser es einfach als ein Zeichen von oben zu nehmen?

Vergleichen - funktioniert nicht.

Der 24. April 1915 ist nicht nur im Zusammenhang mit dem Genozid an den Armeniern ein wichtiges Datum, sondern auch in der gesamten Geschichte des armenischen Volkes. An genau diesem Tag begannen in Konstantinopel die Massenproteste der armenischen Elite - Intellektuelle, Religionsführer, wirtschaftliche und politische Funktionäre. Das führte zur kompletten Vernichtung einer ganzen Reihe von führenden Persönlichkeiten des armenischen Kulturkreises. In den Verhaftungslisten fanden sich Menschen verschiedener Berufe und politischer Ansichten wieder: Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Lehrer, Ärzte, Juristen, Journalisten, Geschäftsleute, politische und religiöse Anführer. Das einzige, was sie alle gemeinsam hatten - ihre Volkszugehörigkeit und ihre Position in der Gesellschaft.

Die Verhaftungen der wichtigsten Vertreter der armenischen Gemeinde gingen bis fast Ende Mai weiter, dabei wurde gegen keinen der Beschuldigten eine Anklage erhoben. So begann das, was wir Genozid am armenischen Volk nennen.

Als er das Golgatha bestieg, wusste Jesus, dass er wieder auferstehen wird. Die in die Wüste von Deir ez-Zor getriebenen Armenier konnten, während sie dort an Hunger und Durst starben, nicht davon träumen wieder aufzuerstehen; sie träumten von einem schnellen Tod durch den Krummsäbel eines erbarmungslosen türkischen Soldaten.

Nachdem Pilatus Christus nicht hat retten können, nahm er einen Krug mit Wasser, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen“. Wie viel Wasser wäre nötig, damit alle Heuchler ihre Hände in Unschuld waschen können, die sich nicht für das zum Sterben in die Wüste getriebene, unschuldige Volk eingesetzt hatten? Die Knochen unserer Urahnen, unserer Kinder und Eltern wurden nie zur letzten Ruhe gebettet und schimmern noch immer weißlich durch den gelben Sand von Deir ez-Zor.

Das armenische Volk ist wieder auferstanden und hat auch seinen Glauben wieder gefunden. Es kann heute selbst beurteilen, wem es seine Sünden vergibt und wem nicht.

 

Nachdem jahrhundertelangen Leid, als ganzes Volk gestorben und dann wieder auferstanden, haben die Armenier es verdient zum Richter über diesen Teil der Welt ernannt zu werden - dem Teil, das seit Urzeiten Armenien genannt wird.

 

Bilder: @Martik Gasparyan /@depositphotos