World Economy:"Wann befreit sich Deutschland von dem „Vasallen-Syndrom“?"

Sonntag, 26. August 2018

Willy Wimmer: „Die Frage zu stellen, heißt, sie besser nicht zu beantworten“

Willy Wimmer, Staatssekretär a.D., am Telefon im Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Sosnowski, Chefredakteur World Economy

WE: Wann befreit sich Deutschland endlich von dem „Vasallen-Syndrom“, von diesen Zangen in denen es sich befindet?

Willy Wimmer:

Die Frage zu stellen, heißt, sie besser nicht zu beantworten. Das ist eine für Deutschland lebensgefährliche Situation. Wir müssen aus meiner Sicht ein strategisches Interesse daran haben, dazu hatte sich auch der letzte sozialdemokratische Außenminister Sigmar Gabriel geäußert, dass Deutschland und Mitteleuropa nicht zum Kriegsgebiet in diesem Krieg der Vereinigten Staaten und Großbritannien gegen die Russische Föderation werden. Das ist aus meiner Sicht die oberste Verpflichtung, die eine deutsche Regierung hat. Das macht natürlich deutlich, dass man diese ihre Frage besser nicht beantwortet. 

WE: In Moskau wird bereits seit einiger Zeit darüber gesprochen, dass Großbritannien - zusammen mit den USA und sogar in Kooperation mit dem IS - in Syrien eine weitere Provokation vorbereiten würde. Es soll wieder ein „Chemiewaffen-Angriff“ in Syrien erfolgen. Stehen wir dann wieder auf der Schwelle zwischen Krieg und Frieden?

Willy Wimmer:

Das muss man leider so sehen. Deutsche Besucher, die in Washington waren, die kommen in diesen Tagen mit dem Eindruck zurück, dass wir auf Messers Schneide stehen. Das geht natürlich zunächst einmal von den Vereinigten Staaten aus. Es ist bedauerlicherweise so, dass die seit 20 Jahren am Ruder befindliche Politikergeneration die Welt in diese Situation gestürzt hat. Wir haben drei Optionen. Dass wir über die Schiene Trump-Putin-Netanyahu in eine friedliche Zukunft gehen können, oder wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, ob es in den Vereinigten Staaten zu einem Bürgerkrieg kommt, oder ob es - wenn es keinen Bürgerkrieg gibt - einen Krieg mit Russland gehen wird. Das sind unsere momentanen Optionen. Da sind diese Nachrichten aus Moskau Indikationen für die weitere Entwicklung. Es ist ganz ungewöhnlich, dass sich ein Staat über seine Institutionen an die Weltöffentlichkeit wendet, um auf nachrichtendienstliche Operationen eines anderen Imperiums aufmerksam zu machen. Das macht klar und deutlich, in welch vertrackter Situation wir uns befinden, weil es in den USA mächtige Kräfte gibt, die es bis heute verhindert haben, dass die Präsidenten Trump und Putin vernünftige Lösungen für alle offenen Fragen gefunden haben, was sie gekonnt hätten. 

WE: Ist es so zu verstehen, dass der mächtigste Mann der Welt - der US-Präsident - gar nicht so mächtig ist, wie wir uns das vorstellen?

Willy Wimmer:

Das ist eine zulässige Interpretation der Entwicklung. Und man muss in der amerikanischen Staatswirklichkeit sehen, das äußert sich auch in dem Verhalten amerikanischer Kräfte weltweit, dass die USA immer ein Problem im Zusammenhang mit einem Präsidentenwechsel haben. Es gibt dann immer eine Administration, die in der Lage und fähig ist ihre eigenen politischen Schwerpunkte so weltweit zu setzen, dass der ins Amt kommende neue Präsident sich in einem Krieg wiederfindet, von dem er vorher keine Ahnung hatte. Das ist leider eine typisch amerikanische, um nicht zu sagen eine angelsächsische, Auswirkung der heutigen Situation. Der jetzige amerikanische Präsident Trump ist, weil er das Konzept verfolgt die Vereinigten Staaten nicht zusammen brechen zu lassen - indem er einen Krieg mit Russland zu vermeiden und eine friedliche Lösung für die Probleme zu finden versucht -  zum Todfeind der amerikanischen Kriegstreiber geworden. Diese amerikanischen Kriegstreiber stellen eine ungeheuer potente Macht in den Vereinigten Staaten dar und da wundert man sich jeden Tag darüber, dass Präsident Trump überhaupt noch lebt. Ich habe heute noch von einem Washington-Besucher gehört, dass man davon ausgeht, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen könnte, wenn man Trump beseitigt. Das ist die Perspektive mit wir es zu tun haben und die betrifft uns existenziell. 

WE: Welche Rolle kommt dabei Deutschland zu?

Willy Wimmer:

Es gibt den alten Satz, dass man über Tote nichts sagen soll, es sei denn es ist was Gutes. Deswegen fällt es mir heute nicht leicht auf den verstorbenen amerikanischen Senator McCain hinzuweisen. Aber er war ja, zusammen mit Hillary Clinton, der Exponent der von mir angesprochenen Kriegstreiber-Fraktion in Washington. Und wenn man sieht, welche Lobeshymnen die Bundesregierung, allen voran die Bundeskanzlerin, auf den Verstorbenen singt, dann bekommt man ein Empfinden dafür auf welche Karte die deutsche Bundeskanzlerin in Washington gesetzt hat, setzt und in Zukunft zu setzen bereit ist. Das ist nicht die Formation Trump/Frieden, sondern die Formation Clinton/andere Republikaner, die McCain ersetzen/Krieg. Das ist die Situation und beantwortet aus meiner Sicht auch ihre Frage.

WE: Herr Wimmer, wir danken Ihnen sehr für dieses Gespräch. 

Bilder: @depositphotos Quellen: https://www.youtube.com/watch?v=awPlQgmRwuQ&app=desktop

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Willy Wimmer am 24. August 2018 in Bautzen