Wie Fussball zur Politik wird

Dienstag, 14. Juni 2016

Britische Hooligans sind schlimme Randalierer, aber die Russen sind …paramilitärische Gruppen, die gezielt Engländer verletzten wollten…

Archiv Hooligans @depositphotos

Irina Tkachenko, Autorin

So jedenfalls zitierte gestern die Bild Zeitung Dominique Mesquida von der Gewerkschaft der französischen Bereitschaftspolizei. Niemand, so beklagte Mesquida sich, habe die lokalen Polizeieinheiten vor „ultragewalttätigen russischen Gruppen“ gewarnt, gab Bild genüsslich seine Worte wieder. Roland R. Ropers, Sprach - & Kulturphilosoph, schrieb erst vor kurzem in seinem Brief an die Bundesregierung, dass die BILD-Zeitung die Bildung der Massen in Deutschland bestimmt: „Unser Volk wird vom wahnsinnigen Konsum- und Medienüberangebot narkotisiert!“ - so der Philosoph. 

Genau so werden Ressentiments immer weiter geschürt, Feindbilder geschaffen. Als ob es nicht ausreichen würde, dass gerade an diesen Tagen NATO-Manöver mit 30.000 Mann an den osteuropäischen Grenzen statt finden. Das ist doch nur eine Antwort auf die russische Präsenz, heisst es dazu aus Brüssel. Nach dieser Logik sind russische Hooligans in Frankreich lediglich die Speerspitze der russischen Armee.

Bleibt nur, sich darüber zu wundern, dass nicht behauptet wurde, es würde sich um reguläre russische Verbände handeln. Kommt wahrscheinlich noch. Und das „Fussball-Finale“ als Bündnisfall - USA und NATO müssen die britischen und französischen Fußballfans vor der russischen Aggression beschützen... 

Als deutsche Hooligans bei der Fußball-WM 1998 den französischen Polizisten Daniel Nivel fast tot geprügelt haben, fielen die Reaktionen ganz anders aus. Empörung - ja. Über einzelne Brutalos, die ein Fußball-Event mißbrauchten, um Chaos zu stiften. Niemand verlangte die deutsche Mannschaft auszuschließen oder machte gar ganz Deutschland dafür haftbar. Selbst als die deutschen "Fans" in Lille vor einigen Tagen eine Hetzjagd auf Ukrainer veranstalteten, die Reichsflagge hissten und den Hitlergruß zeigten, blieb es seltsam ruhig in den Reihen der rigorosen “Null-Toleranz-Politik“ - Fraktion. 

Es ist, wie die Bildzeitung suggeriert, jedenfalls eine Schande, dass die Russen uns allen die EM verderben. Sie sollten sich ein Beispiel an den englischen Fans nehmen und ein paar Feldblumen pflücken. Oder an den Franzosen selbst, sie sorgen schließlich schon seit Wochen dafür, dass in einigen Städten ganze Straßen neu gepflastert werden müssen. Überhaupt sollten sich alle an den Schultern fassen und Kumbaya singen. Oder, noch besser, die ganzen Fußball-Events sollten komplett verboten werden. Wie meinte die Grüne Jugend noch, sie würden eh nur ungesunden Patriotismus fördern.   

Die Meinung des Autors kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Die Redaktion räumt dem Autor gemäß Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes das Recht ein, seine Meinung frei zu äußern.