Wer begann den Zweiten Weltkrieg?

Samstag, 13. Juli 2019

Weltweit gilt: Deutschland hat mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg begonnen. Aber ist das, was allgemein geglaubt wird, auch zutreffend?

Wer begann den Zweiten Weltkrieg?

Wer begann den Zweiten Weltkrieg?

Von Manfred Backerra

Selbst wenn man den Angriff als unprovoziert ansieht – wie es nach dem offiziellen Geschichtsbild geschieht, indem man übergeht, was Polen getan hat– so war es immer noch nur ein Regionalkonflikt mit dem begrenzten Ziel Deutschlands, die deutsche Stadt Danzig zurückzugewinnen, sowie einen freien Zugang nach Ostpreußen. Zu diesem Zweck mußten die polnischen Streitkräfte vernichtet werden, wie es in der Weisung an die Wehrmacht hieß. Eine Besetzung Polens war ursprünglich nicht beabsichtigt. Sie wurde erst nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens am 17. September erforderlich.

Der Zweite Weltkrieg begann mit den Kriegserklärungen Großbritanniens und Frankreichs am 3. September 1939. Diese Kriegserklärungen erfolgten, obschon Deutschland einen Tag zuvor der britischen Regierung mitgeteilt hatte, daß mach der Gewinnung Danzigs und eines freien Zugangs nach Ostpreußen die Truppen sofort zurückgezogen und Kriegsschäden entschädigt würden. Diese Zusicherung wurde nicht einmal erwogen, sondern mit der Kriegserklärung beantwortet – für die Freiheit Polens.

Diese Freiheit zählte offenbar nicht mehr, als zwei Wochen später sowjetische Streitkräfte Ostpolen besetzten. Es gab keine Kriegserklärung an die  Sowjetunion. Aber nicht nur Großbritannien und Frankreich wollten einen Krieg gegen Deutschland – die US-Regierung  stand offenbar hinter ihnen: Noch am Tage der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes hatte Roosevelt den Text des geheimen Zusatzabkommens in Händen, in dem Ostpolen der Interessensphäre der Sowjetunion zugeschrieben worden war. Wäre es Roosevelt ernsthaft um die Bewahrung des Friedens gegangen, hätte er die polnische Regierung vor dieser tödlichen Gefahr gewarnt und empfohlen, die Danzig- und Korridor-Frage besser friedlich zu regeln. Doch Roosevelt hielt die Information zurück und ermutigte die polnische Regierung, bei ihren strikten Nein zu allen Verhandlungen zu bleiben – zu Verhandlungen über deutsche Wünsche, die international für legitim gehalten wurden.

Auf deutscher Seite war ein großer Krieg weder beabsichtigt noch genügend vorbereitet.  Beim Heer wurde in dem nur sechswöchigen Polenfeldzug die Artilleriemunition knapp. Die Kriegsmarine hatte nicht einmal 35% der Stärke an Kriegsschiffen der britischen Royal Navy, welche die starke französische Kriegsmarine an ihrer Seite hatte. Sogar die beachtliche deutsche Luftwaffe war gegenüber der britischen und französischen Luftwaffe bei weitem in der Unterzahl; außerdem war sie nur auf taktische nicht auf strategische Aufgaben ausgerichtet, im Gegensatz zur britischen Royal Air Force.

Deutschland hatte den Wunsch nach Selbstbestimmung fast aller Deutschen erfüllt und die Schäden der großen Depression überwunden, hatte Vollbeschäftigung, die Wirtschaft blühte auf.  Dieses Deutschland hatte nichts durch einen Krieg zu gewinnen, schon gar nicht durch einen großen Krieg. Deshalb kamen von der deutschen Regierung viele Friedensangebote und Friedenssignale beginnend einen Tag nach der Invasion Polens, nach dem Sieg, vor dem Frankreichfeldzug und wieder nach dem Sieg. Selbst in britischen Archiven findet man davon sechzehn; Fachleute zählen über doppelt so viele. Sie wurden alle ohne weitere Erörterung abgelehnt.

Der Grund der Ablehnung war Churchills Kampfruf von 1939 und 1940 Europa in Brand zu setzen /to set Europe alight.  Dieser Kampfruf war irrational. Großbritannien und sein Empire waren nicht von Deutschland bedroht; es konnte einen Krieg nur im Verein mit den USA gewinnen; wie sich im Ersten Weltkrieges gezeigt hatte, mußten daraus ungeheure Schulden in den USA erwachsen, die Großbritannien und sein Empire ruinieren würden.

Doch die Irrationalität hatte einen Grund: Churchill war überzeugt – und überzeugte  zögernde Briten davon: Deutschland muß wieder besiegt werden, und diesesmal endgültig, wie er 1934 sagte, und: Was wir wollen ist, daß die deutsche Wirtschaft vollkommen zusammengeschlagen wird, wie er 198 betonte – beide Male in Gesprächen mit dem nach England geflohenen Weimarer Reichskanzler Heinrich Brüning.       

Das war sicher eine Obsession, die auch dem Empfinden vieler prominenter Briten widersprach – übrigens auch der Meinung britischer Wirtschaftsführer 1914, die gegen die damalige britische Kriegserklärung an Deutschland protestierten, weil sie sehr profitabele Geschäftsbeziehungen mit Deutschland hatten. Doch normaler gesunder Menschenverstand ist in der Politik nicht unbedingt normal. So setzte sich Churchill durch, sicher gestützt von der britischen Einstellung  right or wrong – my country.  

Roosevelt war auch überzeugt, daß Deutschland ausgelöscht und zugleich das britische Empire beseitigt werden müsse. Er hatte verschiedene Gründe; entscheidend war seine Vision der „One World“ zum Nutzen der immer noch kränkelnden US-Wirtschaft mit Millionen Arbeitslosen. Churchill selbst schrieb in seinem Buch „Der Zweite Weltkrieg“, daß 1941 in den ersten Januartagen ihm Roosevelts Sondergesandter HarryHopkins erklärte: Der Präsident hat mich entsandt, um Ihnen zu versichern, daß er Sie um jeden Preis und mit allen Mitteln durchboxen wird. 

Diese Versicherung widersprach den vier Neutrality Acts von 1935-39, die USA in fremden Konflikten neutral zu halten. Deshalb mußte Roosevelt eine Hintertür zum Krieg finden. Der erste Schritt war der Lend-Lease Act vom Februar 1941, der dem Präsidenten erlaubte, Großbritannien und anderen Feinden Deutschlands und Japans in großem Umfang Kriegsschiffe und anderes Kriegsmaterial zu liefern, ein Geschäft non 50 Milliarden Dollar. Der zweite Schritt war der Befehl an die US Kriegsmarine, britische Konvoys zu eskortieren and sogar 300 Meilen entfernte deutsche Uboote zu bekämpfen. Dies war eine Abmachung mit Churchill während der Atlantik-Konferenz im August 1941.

Churchill informierte sein Kabinett so: der Präsident hat gesagt, er würde den Krieg führen, ohne ihn zu erklären, und daß er seine Provokationen steigern würde. Ferner: Der Präsident hat deutlich gemacht, daß er auf einen Zwischenfall warte, der ihm erlaubt, die Kampfhanflungen zu eröffnen. Aber die deutsche Kriegsmarine hatte den strikten Befehl auf US-Kriegsschiffe nicht zurückzuschießen.

So erreichte Roosevelt sein Ziel durch Pearl Harbor im Dezember 1941. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 hatte keine ideologischen oder imperialen Gründe. Er war der verzweifelte Versuch, die russische Dampfwalze vor der deutschen Demarkationslinie zu zerstören, bevor sie Deutschland überrollte. Die Dampfwalze war die Versammlung vom 1,6-Fachen der deutschen Truppenstärke, dem 4-Fachen an Panzerfahrzeugen, dem 8-Fachen an Artillerie und dem 4,5-Fachen an Kampfflugzeugen.  

Der US-Chefankläger in Nürnberg, Robert Jackson, hat gemäß der von ihm selbst herausgegebenen Dokumentation seinen alliierten Kollegen erklärt, warum er keine Chance sah, die Alleinverantwortung Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg in einem fairen Prozeß festzustellen: Die Deutschen werden mit Sicherheit unsere drei europäischen Alliierten anklagen, eine Politik verfolgt zu haben, die den Krieg erzwungen hat. Das sage ich, weil die sichergestellten Dokumente des Auswärtigen Amtes, die ich eingesehen habe, alle zu demselben Schluß kommen: `Wir haben keinen Ausweg; wir müssen kämpfen; wir sind eingekreist; wir werden erdrosselt.´ … wenn dieser Prozeß in die Diskussion über die wirtschaftlichen und politische Ursachen des Krieges hineingerät, kann daraus sowohl in Europa,…,als auch in Amerika,…, unendlicher Schaden entstehen. 

Deshalb wurden alle Dokumente und Aussagen über die Politik der Westmächte, Polens und der Sowjetunion  vom Tribunal als irrelevant zurückgewiesen. Abschließend läßt sich feststellen: Der Zweite Weltkrieg wurde hauptsächlich von der Politik Polens, Großbritanniens, Frankreichs und der USA verursacht. Die obsessive Überzeugung Churchills und die visionäre Überzeugung Roosevelts zielten auf den Gewinn einer Hegemonie über Europa und weltweit. Dies war das Machtspiel weniger Menschen in und nahe Regierungsämtern. Dieser Hegemonismus wird als Hauptursache des Zweiten Weltkrieges deshalb kaum jemals erwähnt, weil das Nürnberger Militärtribunal alle diesbezüglich relevanten Dokumente und Aussagen als irrelevant vom Prozeß ausgeschlossen hat.

Können Europa und Nordamerika stolz auf ihre Rationalität sein, wenn sie immer noch die intellektuellen Fesseln eines Siegergerichts tragen und selbst die historische Wissenschaft sich kaum zur historischen Tatsachengerechtigkeit durchringen kann? 

25. September 2014  

Quellen:

1. Nach dem vierten deutschen Vorschlag zur Lösung der Danzig-und Korridor-Frage hatte Polen am 23.März 1939 seine Streitkräfte in großem Umfang mobilisiert und Kampfverbände Richtung Danzig und Korridor aufmarschieren lassen; Deutschland antwortete mit einem fünften Vorschlag. Erst knapp zwei Wochen später, am 3. April, erhielt die Wehrmachtführung die Weisung, für eine eventuelle militärische Lösung die Vernichtung der polnischen Streitkräfte für frühestens ab 1.September zu planen; ie Weisung betonte, dies sei nur eine Vorsichtsmaßnahme und keineswegs gegen die Westmächte gerichtet. Im Mai begannen in Polen Boycotte, Deportationen und mörderische Verfolgungen der deutschen Minderheit. Im August flohen 70 000 Deutsche an die deutsche Grenze und 18 000 an den Stadtrand von Danzig. Passagierflugzeuge der Lufthansa über der Ostsee wurden beschossen. Polnisches Militär brach in Ostpreußen ein, mordete Zivilisten und setzte Gehöfte in Brand. Im August wurden den Polen über Radio und Plakate Offensiven auf Berlin angekündigt und neue Grenzen an der Oder. Der letzte deutsche Vorschlag erschien so akzeptabel, daß Churchills Kreis, die Veröffentlichung in England unterband. Warschau wies seinen Botschafter in Berlin an, die Einhändigung abzulehnen. Siehe u.a.: Gerd Schultze-Rhonhof,199 – Der Krieg der viele Väter hatte, 2012 Olzog-Verlag, 7. Aufl.; Stefan Scheil, Polen 1939 – Kriegskalkül, Vorbereitung, Vollzug, 2013 Verlag Antaios.       

2. So beantwortete, wie oben gesagt, die deutsche Regierung die umfangreiche polnische Mobilisierung und Aufmärsche gegen Danzig und den Korridor mit einem fünften Lösungsvorschlag, der polnische Interessen wahrte; sie gab erst Wochen später die Weisung zur Vorbereitung einer eventuellen militärischen Lösung durch Vernichtung der polnischen Streitkräfte.  

3. So wurde das  bereits am 6. Oktober 1939 von Hitler in der Reichstagsrede öffentlich verkündete Friedensangebot an die Westmächte wuvon diesen schroff zurückgewiesen-

4. Siehe u.a. Hitlers Friedensappell v. 19.07.1940 und das anschließende Angebot an den britischen Botschafter in Washington, der die Bedingungen „most satisfactory“ fand, gem. Stefan Scheil, Fünf plus zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2003, S. 488; vorher: S. 467 ff.;

5. Stefan Scheil,1940/41 – Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs, 2005 Olzog, München, S. 167 ff.;

  siehe ansonsten Angaben im Internet unter  „Hitler Friedensangebote“ oder „Hitler peace offers“.

6.  Stefan Scheil,1940/41 – Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs, S. 110; Quellen: Für 1940 Anthony Cave Brown, The Last Hero, 1982 New York, S. 152 f.; bereits für1939: Hugh Dalton, Fateful Years, Memoirs 1941-1945, 1967 London,  S. 66 f., Jacob Hoptner, Yugoslavia in Crisis, 1963 New York, S. 242  Stefan Scheil: Churchill, Hitler und der Antisemitismus – Die deutsche Diktatur, ihre politischen Gegner und die europäische Krise der Jahre 1938/39, 2008 Duncker & Humblot, Berlin, S. 214 f., Quelle: Heinrich Brüning, Briefe und Gespräche (2 Bd.), Stuttgart 1944, I, S. 31 u. I, S. 207

7. John V. Denson, Sie sagten Frieden und meinten Krieg, 2013 (Orig. 2006 A Century of War) Druffel & Vowinckel Verlag, S. 184, Quelle: Winston Churchill, The Second World War, Bd.3, The Grand Alliance, 1950 Boston, S. 23; siehe auch: Benjamin Colby, Twas a Famous Victory, S. 1974 New Rochelle N.Y., S. 22 

8. Denson, S. 184 f., Quelle: Benjamin Colby, Twas a Famous Victory, S. 35 f. 

9. Siehe: Manfred Backerra, Unternehmen “Barbarossa” – Überfall oder Angriff? In: Deutschland-Journal 2011, ISBN 3-88527-107-9, S.85-98

Robert H. Jackson (ed.), International Conference on Military Trials. A documentary record of negotiations, Washington 1949, p. 306 (Translated from German in: Stefan Scheil, 1940/41. Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs, 2005 Olzog-Verlag, S. 11 ff. 

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