Trident Juncture. Wie unvollkommen ist die NATO?

Freitag, 5. Juli 2019

Mit einem Propaganda-Video und martialischer Musik feiert die Bundeswehr im Internet das NATO-Manöver „Trident Juncture“ in Norwegen, an dem 2018 rund 50.000 Soldaten aus 29 NATO-Ländern teilnahmen

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Trident Juncture. Wie unvollkommen ist die NATO?

Von Hans-Georg Münster

Sprengsätze explodieren, Panzer rücken vor, Scharfschützen nehmen ihr Ziel ins Visier, Gebirgsjäger beziehen Position. Mit einem Propaganda-Video und martialischer Musik feiert die Bundeswehr im Internet das NATO-Manöver „Trident Juncture“ in Norwegen, an dem 2018 rund 50.000 Soldaten aus 29 NATO-Ländern (darunter 8.000 aus Deutschland) teilnahmen. 150 Luftfahrzeuge, 70 Schiffe und 10.000 Bodenfahrzeuge machten aus der Übung das größte Manöver des westlichen Bündnisses in Norwegen seit 1980. Die inoffizielle Bilanz steht jedoch in krassem Gegensatz zu den offiziellen Angaben: Danach kam es zu massiven Ausfällen von Technik. Funk und Radar versagten, den Einheiten ging zum Teil der Strom aus. 

Diese sorgfältig von den NATO-Militärs gehüteten Manöver-Ergebnisse wurden erstmals Ende Mai dieses Jahres ausgewählten Teilnehmern einer NATO-Konferenz in Oslo bekannt gemacht. Unbemerkt von der Öffentlichkeit trafen sich in der norwegischen Hauptstadt 750 Teilnehmer, darunter 350 Vertreter der Rüstungsindustrie und 160 Regierungsvertreter, zur „NITEC 19“, ausgerichtet von der NATO-Agentur für Kommunikation und Information (NCI Agency), um die rüstungspolitischen Konsequenzen aus „Trident Juncture“ zu ziehen. Die NCI Agency wolle jetzt 1,4 Milliarden Euro investieren, freute sich bereits die Zeitschrift „Jane’s“, das Sprachrohr der internationalen Sicherheits- und Rüstungswirtschaft. Hauptsächlich soll das Geld für Kommunikationssysteme, zum Schutz vor Cyber-Attacken sowie für Überwachungs- und Aufklärungsdienste ausgegeben werden. 

Warum nach „Trident Juncture“ auf einmal so viel Geld in die Hand genommen wird, machten Äußerungen von Flottillenadmiral Arne Morten Gronningsater (Project Coordinator, Joint Force Command Norfolk, NATO) in Oslo klar: „Während Trident Juncture stellten wir fest, dass für manche Staaten die Logistik eine Herausforderung war, für manche Staaten war die Bekleidung eine Herausforderung und für andere das Wetter.“ Auch der norwegische Verteidigungsminister Frank Bakke-Jensen bezifferte die Defizite und sprach von den besonderen technologischen Gegebenheiten der arktischen Region. So würden die als „Nordlichter“ bekannten atmosphärischen Phänomene eine Herausforderung für jegliche Kommunikation darstellen. Bakke Jensen gab zu: „Augenblicklich ist die Arktis der einzige Ort in der Welt ohne Breitband-Kommunikation. Norwegen wird unter anderem dieses Breitband seinen militärischen Verbündeten im Falle eines Einsatzes zur Verfügung stellen.“ 

Dass der Ernstfall eintreten könnte, wurde auch auf der Konferenz in Oslo nicht ausgeschlossen – wie schon bei „Trident Juncture“ ein angeblicher Angriff russischer Streitkräfte in Mittelnorwegen auf NATO-Verbände geübt wurde. Russland erhöhe ständig seine militärische Präsenz in der Region, erklärte Bakke-Jensen. Kevin J. Scheid, General Manager der NCI Agency, verwies auch auf mögliche neue Konfliktherde und Gegner: „Letztes Jahr erklärte China sich zu einem arktischen Staat. Dies wollen sie mit Eisbrechern und örtlichen Stationen durchsetzen. Zudem will China sich in den arktischen Gewässern neue Fischgründe erschließen.“ Scheid warf China und Russland vor, Ansprüche mit Macht durchsetzen zu wollen: „China baut aktuell zwei nukleare Eisbrecher.“ Die NATO habe keine Pläne, die Arktis zu militarisieren, dennoch „mögen wir keine Überraschungen“, sagte Scheid.“

Überraschungen erlebten die NATO-Truppen aber im Hohen Norden (High North): „Die Besatzung des U.S. Flugzeugträgerverbandes USS Harry Truman war etwas überrascht, wie sich die Arbeit im High North praktisch gestaltete“, sagte etwa Thomas Engewall, Director Governance Policies und Plans Office und Deputy National Armaments Director, Swedish Defence Materiel Administration..

Diese Teilnehmer-Zitate und weitere Details von der Tagung finden sich in einem internen Rundschreiben des „Förderkreis Deutsches Heer“. Der unter dieser unverdächtigen Bezeichnung auftretende „Kreis“ ist in Wirklichkeit das entscheidende Bindeglied zwischen den deutschen Heeresverbänden, den Rüstungsbeamten im Verteidigungsministerium und der Rüstungsindustrie. 

In der modernen Kriegsführung sind reitende Boten Geschichte - Brieftauben kamen zuletzt im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Heute wird über elektronische Kommunikation der Kontakt zwischen den Verbänden und Teilstreitkräften gehalten. Norwegen ließ zudem Mikro-Satelliten in niedrige Erdumlaufbahnen schießen, die als Relais-Stationen dienen sollen. Doch die heutigen NATO-Kommunikationsmittel kommen mit den „Nordlichtern“ nicht klar, die eine Verständigung bei „Trident Juncture“ offenbar in vielen Fällen verhinderten. Die atmosphärischen Phänomene stören auch das Radar. Die weit entfernt von Ortschaften eingesetzten Truppen verloren auch noch aus einem anderen Grund den Kontakt zu ihren Befehlsständen: „Die Kälte würde eigentlich auch eine ganz andere Art von Batterien erfordern“, bilanzierte der Förderkreis. Das heißt: Die von Bundeswehr und anderen NATO-Verbänden benutzten Batterien sind nach einer sehr kalten Nacht leer. Andere Besonderheiten beim Wetter im hohen Norden bedrohen Hubschrauber: Noch nicht vollständig bekannte „regionale Spezialwetter“ würden dazu führen, dass Hubschrauber ein hohes Absturzrisiko hätten. Dies war keine Erkenntnis aus „Trident Juncture“, sondern ein „Fakt, das erstmals bei den Versorgungsflügen zu den – ebenfalls immer weiter in den Norden wandernden – Ölplattformen auffiel“, heißt es in dem Rundschreiben des Förderkreises. 

Die NATO-Experten blickten außerdem sorgenvoll auf die technische Ausrüstung der russischen Raketenabwehr, zu der auch eine elektronische Abwehr gehört. Fazit des Förderkreises: In der Arktis gebe es weite Gebiete mit potenziell gestörtem GPS und gestörter Kommunikation. „Bei diesen Gebieten handelt es sich allerdings um Regionen, in denen GPS und funktionierende Kommunikation sogar für das reine Überleben der Soldaten von entscheidender Bedeutung sind und die zudem im Zentrum möglicher feindlicher Landoperationen stehen können“, bilanziert der Förderkreis in seinem Schreiben. 

Wie unvollkommen die NATO Ausrüstung ist, macht ein Zitat von Camille Grand deutlich. Grand, Assistant Secretary General for Defence Investment der NATO, sagte in Oslo: „Die potentiellen Gegner in der Arktis haben massiv in neue Technologien investiert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die NATO an der Spitze des Fortschritts steht und allen Gegnern technologisch überlegen ist, aber dies entspricht möglicherweise heute nicht mehr der Wahrheit.“

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Video: https://youtu.be/XPbg0CtNVlQ

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