„Sanktionen“ - ein Gespenst geht um in Europa

Samstag, 11. August 2018

Alexander Sosnowski:''Mit Blick auf Deutschland, das fast unbemerkt von angelsächsischen „Geschäften“ umkreist wurde, hätte Karl Marx sein neues Werk wieder mit den gleichen Worten beginnen können - ''Ein Gespenst geht um in Europa''

Natürlich kein Gespenst des Kommunismus oder gar des Globalismus. Beide Weltideen der gewaltsamen Durchsetzung des allgemeinen Wohles in unserer traurigen Welt haben, obwohl sie für viele noch attraktiv bleiben, nach und nach ihre Relevanz verloren.

Unsere „Freunde“ aus der alten angelsächsischen Welt schafften zusammen ein neues Gespenst - Sanktionen. Sanktionen gegen den bösen Gegner Russland. Sanktionen gegen den Wirtschaftsriesen China. Sanktionen gegen den NATO-Verbündeten Türkei. Und sogar Sanktionen gegen Europa - den nächsten und wichtigsten Partner - und Freund.

Die alte, bereits altersschwache Idee, eine Welt zum Wohle der angelsächsischen Länder zu schaffen, ist plötzlich wieder auferstanden. Und es scheint, das bedeutet für die restliche Welt nichts Gutes.

Das Wort "Sanktionen" könnte Wort des Jahres werden. 

Die Vereinigten Staaten von Amerika verwandelten die Sanktionen vom wirtschaftlichen Druckmittel zu einer modernen Waffe, die bei jeder möglichen Gelegenheit eingesetzt wird. Das mächtigste Land der Welt nutzt schamlos seine Macht, um eigene politische und wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Immer mit dabei, folgsam, wie eine abgerichtete Englische Bulldogge, das Vereinigte Königreich - der Ideologe der Wiederbelebung von angelsächsischen Ideen, basierend auf dem eigenen Wunsch sich an die Spitze der Weltgeschichte zu setzen und der hartnäckigen Bestrebung die deutsche Bewegung als europäischer Tempogeber um jeden Preis zu stoppen. Ein interessantes Detail am Rande. Die Sanktionen gegen Europa kamen auf den Plan, als London den Brexit vollzog - die EU verließ. Die ganze EU ist in Tränen aufgelöst, aber die Angelsachsen reiben sich zufrieden die Hände.

Gasattacke.

Die neuen Sanktionen gegen Russland, die von Washington angekündigt wurden, treten am 22. August in Kraft. Auch der Grund wurde bereits verlautbart - Russland sei für die Vergiftung des Ex-Spions Skrypal mit dem „Nowitschok“- Giftgas verantwortlich. Das ist natürlich eine erstaunliche Nachricht und auch ein erstaunlicher Grund, um das Verhältnis mit Russland für viele Jahre im Voraus zu verderben. 

Ohne das Thema der Vergiftung vertiefen zu wollen, nur ein kleiner Hinweis: in der gesamten Zeit, die nach dem Anschlag vergangen ist, konnte London keinen einzigen Beweis für eine Beteiligung Russlands vorlegen. Niemand bekam den vergifteten Agenten zu Gesicht, der einen Anschlag mit einem Gas überlebte, dessen einziger Tropfen ein ganzes Dorf vernichten könnte. Niemand hat erklärt, wie es sein kann, dass die Ermittler des Scotland Yard den Tatort in komplett dichten Schutzanzügen untersucht haben, während Polizisten in fünf Metern Entfernung seelenruhig ihre Marlboro geraucht haben und nicht mal daran dachten, sich in Sicherheit zu bringen. Niemand konnte Informationen darüber geben, wo und wann dieses Gas produziert wurde. Und viele andere Fragen, auf die London keine Antwort gab.

Aber diese „Nicht-Beweise“ reichten für die Ausweisung von russischen Diplomaten aus verschiedenen EU-Ländern, auch aus Deutschland. Und nun entscheiden sich die USA neue Sanktionen einzuführen und verkünden, dass der Grund dafür die Beteiligung Russlands an der Vergiftung sei! 

Und wieder keine Beweise. Aber wer braucht die schon? Immerhin sagte London, dass Russland schuld sei. Selbst in den deutschen Medien, die man wahrlich nicht Amerika-kritisch bezeichnen kann, sind misstrauische und ironische Töne aufgetaucht. 

„Beweise legte die britische Regierung bislang nicht vor“, - schreibt der SPIEGEL.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/russland-moskau-kritisiert-neue-sanktionen-durch-die-usa-scharf-a-1222339.html

Wie lange noch?

Im Laufe der Jahrzehnte nach Kriegsende wurde Deutschland in das transatlantische Sicherheitssystem eingebaut und es war kaum möglich, sich Deutschland außerhalb dieses Systems vorzustellen. Seit 1949, seit dem Zeitpunkt der NATO-Gründung, ist Deutschland aus dem Verlierer-Land, auf das Niveau der alliierten Siegerstaaten - USA, Großbritannien, Frankreich - aufgestiegen. Deutschland durfte eine eigene Armee haben, eine Verteidigungsindustrie aufbauen und sogar Atomwaffen auf seinem Territorium besitzen. Zwar keine eigenen, sondern amerikanische und auch ohne das Recht sie zu benutzen. Der Bundesrepublik Deutschland wurde „freundlicherweise“ erlaubt diese Waffen zu bedienen - zu bewachen, zu pflegen und in voller Kampfbereitschaft für den Fall eines Angriffs vom Osten  oder auch nach Osten zu halten. 

Für diese Gefälligkeiten ist Deutschland zur Zielscheibe eines präventiven oder eines möglichen Vergeltungsschlags durch Atomwaffen geworden. Nicht schlimm, Deutschland ist doch der Verlierer - war das die Logik aus Übersee? Wie auch immer, Deutschland gehorchte seinen Richtungsgebern und tat viele Jahre lang, was von den USA, der NATO, Brüssel und London erwartet wurde.

Übrigens, London. Für Großbritannien war und ist Deutschland immer wieder ein Grund zur Sorge und sogar Neid. Jeder Versuch der Deutschen in Europa in eine Führungsrolle aufzusteigen, wirtschaftlich und politisch zu wachsen, zwang London alles zu unternehmen, um Deutschland zu schwächen. Beginnend vom Versailler Vertrag bis zum heutigen Tag. Und alles in allem gibt es immer eine Art Understatement, Unverständlichkeiten, Mehrdeutigkeit. Warum hat London zum Beispiel die Archive über den Flug von Rudolf Hess im Jahr 1941 auf die Insel bis 2017 gesperrt und nun das Verbot um weitere 30 Jahre verlängert? 

Warum bekamen die Vernehmungsprotokolle den Begriff "Streng Geheim"? Vielleicht deshalb, weil die Welt sonst einige unvorteilhafte Tatsachen aus dem Leben englischer politischer Idole aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren könnte?

Und heute - der Fall „Skrypal“. Theresa May stellt den Verbündeten keine Beweise für Russlands "Schuld" zur Verfügung, sondern fordert, als Zeichen der Solidarität, russische Diplomaten auszuweisen. Berlin wehrt sich - es gibt keine Beweise, aber vier Diplomaten werden doch ausgewiesen und schaden damit Deutschlands eigenen Beziehungen zu Russland, die sowieso schon nicht in bester Verfassung sind. Die vier von Berlin ausgewiesenen Diplomaten sind mehr Wert als ein Dutzend aus den anderen Ländern. Weil der Preis anders ist - Deutschlands Position als führendes EU-Land leidet darunter mehr als alle anderen.

Streng genommen, wird von Deutschland also erwartet, dass es sich solidarisch zu Großbritannien und den USA verhält und sich selbst dabei irreparablen Schaden zufügt. Darüber hinaus wird von Berlin in recht vielen Bereichen die Solidarität zu Lasten der eigenen Bürger eingefordert:

  • Die NordStream-2 stoppen und amerikanisches Gas kaufen, das um rund 30% teurer ist als das russische;
  • Russische Diplomaten ausweisen und das Niveau der diplomatischen Beziehungen verringern, obwohl der Fall "Skrypal" offensichtlich keiner Prüfung stand hält;
  • Sich den Sanktionen gegen Russland für die angeblich vom russischen Militär abgeschossene malaysische Boeing anschließen, obwohl es auch in diesem Fall keine vom Gericht bestätigten Beweise gibt;
  • Unterstützung des ukrainischen Regimes, welches illegitim an die Macht kam und Teilnahme am Sanktionskrieg gegen Russland trotz eigener Milliardenverluste;
  • Der ukrainischen Führung finanziell helfen, obwohl Fakten von entsetzlicher Korruption und Amtsmissbrauch bekannt sind und damit dem eigenen Image schaden;
  • In den deutschen Krankenhäuser Kämpfer der ukrainischen Freiwilligen-Bataillone behandeln, obwohl in Berlin ihre rechtsradikale Gesinnung und die Nutzung von Nazi-Symbolen gut bekannt sind.

All dies geschieht unter dem Motto der europäischen und transatlantischen Solidarität. Der Schaden für Deutschland, den eine solche Politik der eigenen Gesellschaft zufügt, ist nicht mit dem Nutzen gedankenloser Solidarität zu vereinbaren.

Es bleibt nur eine Frage - wie lange noch?

Prof. Alexander Sosnowski, Chefredakteur von World Economy

Bilder: @depositphotos

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