Sakrales Opfer oder unglücklicher Zufall?

Donnerstag, 16. Januar 2020

Dass die Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines durch eine iranische Waffe abgeschossen wurde, ist ja wohl kaum zu leugnen, aber dass die iranische Führung den Abschuss befohlen hat, ist unwahrscheinlich.

Sakrales Opfer oder unglücklicher Zufall?

Sakrales Opfer oder unglücklicher Zufall?

Von Rudolf Guljaew

Eine Analyse der bislang bekannten Fakten zum tragischen Absturz der Passagiermaschine der ukrainischen Fluggesellschaft Ukraine International Airlines UIA am 8. Januar lässt Zweifel daran aufkommen, dass die iranischen Revolutionsgarden Pasdaran das Flugzeug unabsichtlich abschossen. Vielmehr ist auch ein absichtlicher Abschuss durch Fanatiker eine plausible Version. 

Die Fakten

Nach den Angaben des vorläufigen Untersuchungsberichts der iranischen Behörden startete die Boeing 737-800 der Ukraine International Airlines UIA unter der Flugnummer PS 752 am 8. Januar 2020 um 06:13 Uhr von der Piste "29 rechts" des Flughafens Teheran. Um 06:14 Uhr brach der Radarkontakt zur ukrainischen Maschine ab, was wohl bedeutet, dass die Maschine vom Bildschirm des Sekundär-Radars der iranischen Flugsicherung verschwand. Die wahrscheinlichste Ursache hierfür ist der Ausfall des Transponders im Flugzeug. Die PS 752 befand sich zu diesem Zeitpunkt auf circa 2'400 Metern über Meer und somit 1'200 m über Grund und schickte sich an, auf 8'000 m zu steigen. Gemäß den iranischen Behörden geriet zu diesem Zeitpunkt ein Triebwerk in Brand, der sich rasch auf die Kabine ausbreitete. Danach sei die Maschine nach rechts geschwenkt und abgestürzt. Um 06:18 Uhr schlug sie in der Nähe des Teheraner Vororts Sabashahar auf.

Gemäß Flugplan verließ praktisch zeitgleich mit PS 752 ein türkisches Passagierflugzeug, Flug AtlasGlobal KK1185 den Flughafen Teheran in Richtung Istanbul. Zu diesem Zeitpunkt war es im Raum Teheran noch stockdunkel, die Dämmerung begann erst circa eine halbe Stunde später. Das Wetter an jenem Morgen in der Region Teheran war gut, kühl und leicht windig. 

In einer überraschenden Wendung der offiziellen Haltung des Iran gab der Chef der Luftstreitkräfte der iranischen Revolutionsgarden, Amirali Hadschisadeh am 11. Januar zu, das Passagierflugzeug sei mit einem Marschflugkörper verwechselt und folglich von den Revolutionsgarden abgeschossen worden sei. Der verantwortliche Offizier habe gerade einmal 10 Sekunden zur Verfügung gehabt, ob er eine Flugabwehr-Rakete starten wolle. Der Abschuss der PS 752 sei aus 19 km Distanz erfolgt. 

Kurz nach dem Unfall kursierten im Internet und in der Presse zahlreiche Spekulationen über die Unfallursache. Bezeichnend ist, wie rasch die New York Times und Bellingcat ein Videoclip für echt erklärten, das den Abschuss der PS 752 zeigen soll. Auf diesem ist nichts weiter erkennbar, als ein aufsteigendes Licht, ein Lichtblitz und ein weiteres sich bewegendes Licht. Da ist wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

Schlussfolgerungen

Die zur Verfügung stehenden Angaben lassen einige bedeutungsvolle Schlussfolgerungen zu: Die Maschine muss die Flughöhe von 2'400 m über Meer, das heißt 1'200 m über dem Flughafen Teheran, circa eine Minute nach dem Abheben erreicht haben und war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich 6 bis 8 km vom Pistenende mit einer Geschwindigkeit von 400 bis 450 km/h unterwegs. Das heißt, dass die Schwierigkeiten der ukrainischen Passagiermaschine über dem Teheraner Vorort Parand begonnen haben müssen. 

In einer Flughöhe von 2'400 Metern war der Druckunterschied zwischen dem Kabineninnern und der Außenwelt noch ein geringer, sodass Beschädigungen der Kabine nicht derart katastrophale Folgen haben, wie solche in Reiseflughöhen von 10'000 und mehr Metern. 

Die Beschädigung eines Triebwerks in der Startphase kommt einem worst-case-Szenario für Piloten gleich, das den Piloten zur sofortigen Umkehr zum nächstgelegenen Flughafen zwingt. Bei modernen Kurz- und Mittelstreckenpassagierflugzeugen ist auch eine Notlandung in voll beladenem und vollgetanktem Zustand möglich, allerdings mit sehr hohen Belastungen für Fahrwerk und Struktur des Flugzeugs. Die ukrainische Boeing 737-800 muss für einen Flug nach Kiew von über 2'300 km mindestens zur Hälfte getankt gewesen sein, also mit mehr als 10'000 l Flugpetrol. Im vorliegenden Fall wäre eine Rückkehr zum Flughafen Teheran wohl möglich gewesen, wenn alleine das Triebwerk das Problem darstellte. Der Brand in einem der Triebwerke und die folgende Ausbreitung auf die Kabine deutet darauf hin, dass eine Treibstoffleitung aufgerissen war. Ob die nachfolgende Rechtskurve Richtung Zentrum der Stadt Teheran ein gewolltes Notfall-Manöver der Piloten war, oder als Folge des Ausfalls des rechten Triebwerks erfolgte, wird die Flugunfall-Untersuchung erweisen müssen. Der Umstand, dass der Pilot keinen Notruf mehr absetzen konnte, kann darauf zurückzuführen sein, dass das Funksystem gleich beim Auftreten der ersten Schwierigkeiten ausfiel, dass die Piloten sofort verletzt oder getötet wurden oder dass ihnen schlicht die Zeit fehlte, noch Funksprüche abzusetzen. Der Sekretär des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, Oleksiy Danilov, verbreitete bereits die Aussage, wonach ein Treffer einer Flugabwehr-Rakete unterhalb des Cockpits die Piloten tötete. Vor Rekonstruktion der Kabine und Obduktion der Leichen ist diese Aussage spekulativ. 

Natürlich ist es theoretisch denkbar, dass die PS 752 als Folge eines technischen Defekts in Schwierigkeiten geriet, gleichzeitig Sprechfunk und Transponder verlor, notfallmäßig eine Rechtskurve einleitete, falsch identifiziert und als Folge davon abgeschossen wurde. Aber das bedingt ein Zusammentreffen verschiedener Ereignisse, welches insgesamt wenig wahrscheinlich ist. Viel plausibler ist, dass ein Treffer eines Flugabwehr-Geschosses oder einer -Rakete Transponder und Funkanlage außer Betrieb setzte, ein Triebwerk zerstörte, die Besatzung handlungsunfähig machte und eine Treibstoffleitung beschädigte. Das alles würde den Brand in einem Triebwerk, dessen Ausbreitung auf die Kabine, den Verlust des Transpondersignals, das Ausbleiben eines Notrufs per Funk und die Rechtskurve erklären. Insgesamt ist diese Version wohl plausibler.

Auf ihrer Flughöhe und mit ihrer Geschwindigkeit war die PS 752 theoretisch in Reichweite von Flugabwehr-Kanonen und von allen Typen von Flugabwehr-Raketensystemen, sowohl von Radar-gesteuerten Systemen mittlerer und großer Reichweite, wie auch von schultergestützten Systemen kurzer Reichweite, sogenannten Man-Portable Air-Defence Systems MANPADS. In diesem Zusammenhang ist die Aussage des Chefs des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, wonach eine, aus Russland gelieferte "Tor" die ukrainische Passagiermaschine abgeschossen habe, bezeichnend. Die Absicht, die Opfer von PS 752 zu Propagandazwecken zu nutzen, ist offensichtlich. Das lässt die Qualität des ukrainischen Beitrags an die Flugunfalluntersuchung schon jetzt erahnen.

Ein 15 kg schwerer, mit Annäherungszünder wenige Meter von einem Passagierflugzeug zur Detonation gebrachter Gefechtskopf einer "Tor" Rakete lässt schwere Schäden an der Kabine erwarten und verursacht aufgrund seiner spezifischen Konstruktion – einer sogenannten "continuous rod" – charakteristische Spuren, die im Laufe der Untersuchung entdeckt werden. Die "Tor" hat aber nicht die Reichweite, um ein Flugzeug in 19 km Distanz abzuschießen.

Die Flugabwehr-Raketen mittlerer Reichweite, die der Iran in und um Teheran stationiert hat, verfügen über noch größere Gefechtsköpfe, die eine Flugzeugkabine schwer beschädigen und in extremis ein Auseinanderbrechen der Kabine in der Luft verursachen können. Ob dies geschah, wird zu klären sein. 

Der Iran entwickelte und produzierte in eigener Regie MANPADS in Form der Misagh Raketen. Da diese Systeme die Hitze von Triebwerken ansteuern, sollten sie idealerweise von hinten oder von der Seite wegfliegenden Flugzeugen hinterhergeschossen werden. Wenn tatsächlich eine Misagh-Rakete auf die ukrainische Passagiermaschine abgefeuert wurde, wäre der Standort des Schützen irgendwo zwischen dem Westende der Piste "29 rechts" des Flughafens Teheran und dem Vorort Parand zu suchen. Eine derartige Rakete hätte am ehesten in ein Triebwerk eingeschlagen und dieses zerstört. Die kleinen Gefechtsköpfe solcher Raketen – im Fall der Misagh-1 circa 1.4 kg Sprengstoff – sind wohl kaum in der Lage, die Flugzeugkabine ernsthaft zu beschädigen, wenn sie mehrere Meter von der kabine entfernt detonieren. Sekundärschäden durch wegfliegende Teile des Triebwerks könnten solches aber verursacht haben. Das Misagh System ist tauglich für einen Nachteinsatz. Die während des Starts und des Steigflugs eingeschalteten Lichter der Außenbeleuchtung der PS 752 ließen diese beim klaren Wetter an jenem Morgen auch in einer Flughöhe von 1'200 m über Grund klar als zivile Maschine erkennen. 

Auffällig sind die, zahlreichen, über das ganze Flugzeug verteilten Einschläge, die auf Fotos des Wracks zu erkennen sind. Diese sind entweder von einem explodierenden Splittergefechtskopf oder von Geschossen aus Flugabwehr-Kanonen verursacht worden. Die Untersuchung dieser Löcher wird Auskunft über die eingesetzte Waffe geben. 

Iranische Luftverteidigung in höchster Bereitschaft

Die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen der Ermordung des Kommandeurs der iranischen Kuds-Brigaden, General Qassem Soleimani am 3. Januar in Bagdad, bzw. der daraus resultierenden Gegenreaktion des Irans und dem Abschuss der ukrainischen Passiermaschine PS 752 bestand, ist müßig. Natürlich bestand ein solcher, denn die iranische Flugabwehr hatte in dieser Lage sicherlich den Auftrag, vor, während und eine bestimmte Frist nach dem iranischen Gegenschlag auf die Ain-Assad Airbase die Raketen-Abschussvorrichtungen, sowie die Befehlsstellen vor amerikanischen Angriffen zu schützen. Zweifellos war die iranische Luftverteidigung in höchster Bereitschaft. Während es von Seiten des Iran ungeschickt gewesen wäre, die Raketen gegen die Ain-Assad Airbase aus dicht besiedelten Gebieten abzuschießen, befanden sich die Befehlsstellen der iranischen Regierung sicherlich im Raum Teheran. Somit war Teheran ein mögliches Ziel eines amerikanischen Präventiv- oder Gegenschlages.

Mord an Soleimani

Nach der Ermordung von General Soleimani kündigte die iranische Führung Vergeltungsschläge an. Der wichtigste davon galt der Ain-Assad Airbase im Westen des Iraks, ausgerechnet der Basis, der US-Präsident Donald Trump im Dezember 2018 einen Besuch abgestattet hatte. Und auch hier erwies sich die iranische Führung als äußert umsichtig. Der Raketenangriff wurde angekündigt und erfolgte mit hoher Präzision, sodass niemand dabei getötet wurde. Darum ging es dem Iran gar nicht. Es ging der iranischen Führung viel eher darum, die militärischen Fähigkeiten des Landes zu demonstrieren, ohne einen großangelegten amerikanischen Gegenschlag zu provozieren. Und die Amerikaner mussten sich in ihre Schutzbauten zurückziehen, weil sie die iranischen Raketen offenbar nicht abfangen konnten – eine Demütigung für die Supermacht USA. Aber mit einem Angriff ohne menschliche Opfer konnten die Amerikaner keinen massiven Gegenschlag rechtfertigen, das verstand auch Präsident Trump. Erneut erwies sich die iranische Führung als aalglatt. Sie kann auch in Zukunft jederzeit US-Stützpunkten in der Region Nahost Nadelstiche versetzen. 

In der jüngsten Vergangenheit hat der Iran mehrfach seine militärischen Fähigkeiten demonstriert, wie zum Beispiel durch die Angriffe auf die, sicherlich bestens geschützten saudischen Ölraffinerien im September, den Abschuss einer US-Aufklärungsdrohne nahe der Straße von Hormuz im Juni und den Überflug einer iranischen Drohne über den Flugzeugträger USS "Dwight D. Eisenhower" im April vergangenen Jahres. Gerade letzterer ist interessant: Wenn eine iranische Aufklärungsdrohne über einen US-Flugzeugträger fliegen kann, dann kann es auch eine Kampfdrohne. Eine solche kann dem Schiff selbst wohl kaum ernsthaften Schaden zufügen, aber auf jeden Fall den auf Deck stehenden Flugzeugen; und diese sind die Hauptwaffe eines Flugzeugträgers. Zweifellos würde ein US-Kriegsschiff jedes Objekt, dass ihm zu nahe kommt, nach erfolgloser Warnung zu zerstören versuchen. Das gelang im Fall der iranischen Drohne offenbar nicht. Hier offenbart sich möglicherweise eine Achillesferse der US-Flotte. 

Der Abschuss eines Passagierflugzeugs ist im Vergleich zu einem Angriff auf einen US-Stützpunkt oder ein US-Schiff ein ganz anderes Thema, das durchaus einen massiven Gegenschlag rechtfertigen würde. Sollte jemand mit der iranischen Reaktion auf die Ermordung Soleimanis nicht zufrieden gewesen sein, dann wäre der Abschuss eines Flugzeugs mit einer größeren Anzahl US-amerikanischer Passagiere durchaus eine Methode, eine ernste Konfrontation herbeizuführen. Da aber weder US-amerikanische, noch britische oder kanadische Maschinen Teheran anfliegen, wäre die Wahl eines engen Verbündeten der USA durchaus eine Option für Extremisten im Iran. Andererseits wäre es iranischen Extremisten wohl ein leichtes, andernorts ein amerikanisches Flugzeug nahe eines internationalen Flughafens abzuschießen. Tragbare Flugabwehrraketen wie die amerikanische "Stinger", und auch solche des polnischen Typs "Grom" sind wohl immer noch in Händen nichtstaatlicher Akteure im Kaukasus, vielleicht auch im Nahen Osten. 

Militärische Mittel des Iran

Konfrontiert mit umfassenden Sanktionen, inklusive einem totalen Waffenembargo, sah sich der Iran in der Vergangenheit gezwungen, im Besitz befindliche Waffensysteme autonom zu unterhalten und bei Bedarf zu reparieren. So wurde der Iran zu einem Staat, der sich sehr erfolgreich auf dem Gebiet des "reverse engineering" betätigt, d.h. der Herstellung gleichwertiger Kopien. So gelang es dem Iran, eine große Anzahl westlicher und ehemaliger sowjetischer Flugabwehr-Systeme in Dienst zu behalten und weiterzuentwickeln. Die als Folge davon entstandene breite Palette an verschiedenen Systemen dürfte zwar einen enormen Betriebsaufwand verursachen, aber der Iran erreichte sein Ziel: Sein Luftraum ist bestens geschützt. Das zeigt nur schon die Tatsache, dass die USA bislang keine Ziele im Iran bombardierten.

Aber der Iran nutzte seine Kapazitäten zum reverse engineering auch im Flugzeugbau. Er erhielt seine, bereits zu Zeiten der Herrschaft des Schahs beschaffte Flotte von F-5 "Tiger" und F-14 "Tomcat" Kampfflugzeugen operationell, und entwickelte ersteren weiter zum "Saeqeh" bzw. "Azarakhsh". Die größten Betreiber des, inzwischen in die Jahre gekommenen "Tigers" sind Thailand, Marokko, Südkorea, Brasilien – und die USA selbst. Die US Marine und die US Marineinfanterie unterhalten eine Flotte von über 40 F-5 Tiger Kampfflugzeugen für das Üben des Luftkampfs, wo die F-5 den Gegner darstellen. Das spricht nachträglich für die Qualität dieses Flugzeugs. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die USA von der Schweiz eine größere Anzahl gebrauchter, aber nur extensiv genutzter F-5 kaufen wollen. Die Schweizer kauften einst über 100 Stück dieses Kampfflugzeugs. So eine große Anzahl zu kaufen und wenig zu nutzen, ist ein Luxus, den sich nur ein reiches Land wie die Schweiz leisten kann.. All das aber zeigt, wie systematisch sich die USA auf einen Konflikt mit dem Iran vorbereiten. 

In den letzten Jahren verstärkte der Iran seine bodengestützte Luftverteidigung durch die Beschaffung von Flugabwehr-Raketensystemen "Tor" und S-400 aus Russland. Insbesondere die "Tor" ist interessant, denn dabei handelt es sich um ein System, das auch während der Fahrt eingesetzt werden kann. Das macht es für Radar-suchende Raketen, wie die AGM-88 HARM (high-speed antiradiation missile) schwierig, dieses System auszuschalten. Und das wiederum macht die "Tor" zu einem wichtigen System in der Anfangsphase einer Luftangriffsoperation, wenn ein Aggressor versucht, die bodengestützte Luftverteidigung seines Gegners zu zerschlagen. 

Bodengestützte Luftverteidigung des Iran

Im Großraum Teheran steht eine große Anzahl radar-gesteuerter Flugabwehr-Raketen. Die anerkanntermaßen hohe Qualität des iranischen Systems der bodengestützten Luftverteidigung und das hohe Niveau der iranischen Telekommunikation lassen vermuten, dass alle diese Systeme untereinander verbunden und in einem einheitlichen System eingebunden sind. Das bezieht wohl auch auf die zivile Flugsicherung ein. Es ist davon auszugehen, dass dieses System auch Signale der Transponder von Flugzeugen aller Art empfangen und zu einem umfassenden Luftlagebild vereinen kann, dem sogenannten Recognized Air Picture. Damit ist eine eindeutige Identifikation von Flugzeugen möglich, ebenso wie der Zugriff auf die Informationen zum entsprechenden Flug. Aber auch ohne die Transponder-Daten müsste die Verfolgung des Flugwegs der PS 752 mittels des sogenannten Primär-Radars möglich gewesen sein, ebenso wie Schätzungen zu Geschwindigkeit und Größe des Flugzeugs. Die Behauptung, das Flugzeug sei mit einem anfliegenden Kampfflugzeug oder einem Marschflugkörper verwechselt worden, ist deshalb wenig glaubwürdig. Die Aussage von Amirali Hadschisadeh, es habe einen Kommunikationsausfall gegeben und der verantwortliche Offizier habe in gerade einmal 10 Sekunden eine Entscheidung treffen müssen, lässt vermuten, dass die iranischen Kommunikationssysteme zum Zeitpunkt des Starts der PS 752 gestört wurden. 

Zeitverhältnisse

Nach dem Abheben von der Piste "29 rechts" des Flughafen Teheran stieg die ukrainische Passagiermaschine und erreichte eine Höhe von 2'400 m über Meer wohl nach etwas mehr als einer Minute, konkret circa 70 Sekunden Das ist in etwa der Zeitpunkt, wo die Besatzung Fahrwerk und Klappen einfährt, um den Steigflug bis Reiseflughöhe fortzusetzen.  

Wenn die PS 752 mittels einer Flugabwehr-Rakete mittlerer Reichweite aus 19 km Entfernung abgeschossen wurde, wie die iranischen Revolutionsgarden bekannt gaben, dann verblieben nach Abzug einer Flugzeit der Rakete von circa 30 Sekunden bei doppelter Schallgeschwindigkeit ungefähr 40 Sekunden für Entdeckung, Identifikation, Entscheidung, Zielvorgang und Auslösen der Waffe. Die daraus resultierende kurze Zeit von circa einer halben Minute zwischen Abheben des Flugzeugs und Auslösen der Waffe ist ein starkes Argument gegen die Version einer Falschidentifikation. Allerdings ist zu bedenken, dass auch beim irrtümlichen Abschuss des Iran-Air Flug 655 durch das US-Kriegsschiff Kreuzers USS "Vincennes" 1988 massive Fehlinterpretationen der vorhandenen Informationen eine entscheidende Rolle spielten.

Ähnlich sind die Zeitverhältnisse im Falle eines Abschusses durch Kurzstrecken Flugabwehr-Rakete. Auch hier bleiben nach Abzug einer maximalen Flugzeit von 6 bis 7 Sekunden und einer technischen Reaktionszeit der Waffe von 8 bis 9 Sekunden kaum mehr als eine halbe Minute für die Bedienungsmannschaft.

Zusammengefasst: Wenn die Schwierigkeiten des Flugs PS 752 mit einem Triebwerksproblem begannen, die zu einer Rechtskurve und einem unkontrollierbaren Abstieg führten, dann ist die amtliche iranische Version vom irrtümlichen Abschuss plausibel. Wenn die Probleme aber mit dem Einschlag einer Flugabwehr-Rakete – gleich welchen Typs – wenig mehr als eine Minute nach dem Abheben begannen, dann bedeutet das, dass die Maschine unmittelbar nach dem Abheben ins Fadenkreuz der Flugabwehr geriet. Und dann ist absichtlicher Abschuss anzunehmen. 

Fazit

Die Weltöffentlichkeit wird sich wohl erneut auf eine stark politisierte Untersuchung eines Flugunfalls vorbereiten müssen, die zu Zwecken des Informationskriegs genutzt wird. Schon warf der Sekretär des SBU, Oleksiy Danilov, dem Iran vor, gegen das allgemein anerkannte Verfahren für eine Flugunfall-Untersuchung verstoßen zu haben. Die Untersuchung in der Ukraine wird wohl stark von politischen Motiven geprägt sein. Dabei sollte gerade die Ukraine mit Vorwürfen und Forderungen zurückhaltend sein, solange keiner der Verantwortlichen für den Abschuss der russischen Passagiermaschine Sibir 1812 im Oktober 2001 über dem Schwarzen Meer zur Verantwortung gezogen wurde. Dasselbe gilt für die USA, die es bislang unterließen, den Kommandanten und die Crew des Kreuzers USS "Vincennes" für den Abschuss der Iran-Air Flug 655 im Juli 1988 zur Verantwortung zu ziehen. 

US-Präsident Trump hat innenpolitisch gepunktet, indem er Entschlossenheit im Kampf gegen vermeintliche Terroristen demonstrierte, ohne eine Eskalation in Gang zu setzen. Die Europäer helfen ihm derzeit durch Bemühungen im Bereich Schadensbegrenzung. Die Iraner sollten Trump aber nicht erlauben, allzu oft auf ihre Kosten Wahlkampf zu betreiben. Gerade aus diesem Grund kann der iranische Raketenschlag gegen die Ain-Assad Airbase nicht das letzte Wort des Irans gewesen sein. 

Es bleiben mehrere Fragen: Die wichtigste Frage ist natürlich, wer nun wirklich auf den Abzug gedrückt hat. War da eventuell ein fanatischer Bewunderer Soleimanis am Werk, der es mit dem Raketenangriff auf die Ain-Assad Airbase nicht bewenden lassen wollte? Wollte ein Hitzkopf den Iran in einen Schlagabtausch mit den USA drängen? Wenn das zutrifft, dann war das Eingeständnis der Revolutionsgarden ein kluger Schachzug der iranischen Führung, die mit den wahren Verantwortlichen möglicherweise intern abrechnen will. 

Von großer Bedeutung ist auch die Frage, ob Soleimani wirklich nach Bagdad reiste, um über einen saudischen Friedensvorschlag zu verhandeln, wie einige Medien berichteten Dann ging es Trump wohl weniger um den Kampf gegen den Terror, sondern eventuell um die Torpedierung eines Friedensprozesses. Das wäre dann als verzweifelten Versuch zu werten, die letzten Reste US-amerikanischen Einflusses im Nahen Osten noch zu retten. 

Bilder: @depositphotos Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“Am 25. Mai 2018 tritt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft. World Economy S.L. aktualisiert in diesem Zuge seine Datenschutzbestimmungen. Gerne möchten wir Sie weiterhin mit unserem Newsletter an Ihre E-Mail-Adresse informieren. Sie haben jederzeit das Recht, der weiteren Nutzung Ihrer personenbezogenen Daten für die Zukunft zu widersprechen

Quellen:

Ein Transponder ist ein, in Luftfahrzeugen aller Art eingebautes Gerät, das auf Aufforderung einer Bodenstation automatisch die wichtigsten Informationen über Fluggerät und Flug an die Bodenstation übermittelt. Er ist für Flugzeuge und Hubschrauber ab einer gewissen Größe vorgeschrieben.

Der Imam Khomeini Flughafen in Teheran liegt auf fast 1'200 Metern Meereshöhe. https://www.cao.ir/web/english/investigation-reports

https://de.airport-departures-arrivals.com/flughafen-iran/flughafen-teheran-khomeini-abflug/

https://www.flightradar24.com/data/airports/ika/departures.

https://www.timeanddate.de/wetter/iran/teheran/rueckblick; https://www.timeanddate.de/sonne/iran/teheran

https://www.tagesspiegel.de/politik/flugzeugabsturz-nahe-teheran-ukraine-und-airline-zahlen-7500-euro-pro-familie/25422492.html; https://de.sputniknews.com/ausland/20200111326325322-iran-revolutionsgarden-verantwortung-jetabschuss-ukraine/

https://www.bellingcat.com/news/mena/2020/01/09/video-apparently-showing-flight-ps572-missile-strike-geolocated-to-iranian-suburb/; https://www.nytimes.com/2020/01/09/world/middleeast/iran-plane-crash-ukraine.html

Dies basiert auf der Annahme, dass die Treibwerke auf der Meereshöhe von 1'200 m über Meer etwas weniger Leistung abgaben, als sie es auf Meereshöhe tun, und dass damit die Maschine mit einer Rate von circa 1'000 Metern pro Minute stieg. In dieser Zeit beschleunigte sie von der Abfluggeschwindigkeit von knapp unter 300 km/h auf 400 bis 450 km/h.

http://www.bredow-web.de/Berlin_Tegel/Boeing_737-800/boeing_737-800.html

https://www.bbc.com/news/av/world-51077352/iran-plane-crash-missile-struck-underneath-cockpit-ukraine

https://www.welt.de/wirtschaft/article204895542/Justin-Trudeau-Nach-unseren-Informationen-wurde-Boeing-abgeschossen.html

https://www.globalsecurity.org/military/world/russia/sa-15-specs.htm; https://web.archive.org/web/20160304131342/http://de.sputniknews.com/german.ruvr.ru/2013_11_15/Neue-Raketen-neue-Moglichkeiten-von-Tor-7501/; https://www.armyrecognition.com/russia_russian_missile_system_vehicle_uk/tor-m1_9a331_sa-15_gauntlet_technical_data_sheet_specifications_information_description_pictures_uk.html.

Eine Übersicht über Bestand und Dislozierung aus dem Jahr 2014 gibt: https://www.ausairpower.net/APA-Iran-SAM-Deployment.html

https://web.archive.org/web/20060821213944/http://www.janes.com/defence/news/jdw/jdw060807_1_n.shtml

https://apnews.com/ae79cb0f18f7adf15a2a57e88f469dd7

https://www.zentralplus.ch/uno-bericht-zu-saudi-arabien-1692243/; https://www.srf.ch/news/international/untersuchung-der-uno-jemen-steckt-nicht-hinter-dem-angriff-auf-saudische-oelanlagen; https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/iran-us-drohne-revolutionsgarde-abschuss-oman; https://deutsch.rt.com/kurzclips/87603-iranische-drohnen-sollen-us-flugzeugtrager/

http://mignews.com/news/politic/world/231008_190641_56656.html; https://rg.ru/2008/11/06/orujie.html; https://www.km.ru/news/polskie_rakety_doleteli_do_chech; http://armamentresearch.com/Uploads/Research%20Report%20No.%203%20-%20Raising%20Red%20Flags.pdf

https://www.globalsecurity.org/military/world/iran/industry.htm/ 

https://www.globalsecurity.org/military/world/iran/saeqeh.htm

https://www.navy.mil/navydata/fact_display.asp?cid=1100&tid=1050&ct=1.

https://www.aargauerzeitung.ch/wirtschaft/ausgediente-schweizer-kampfjets-die-us-navy-will-22-maschinen-kaufen-136111488. Und die Entscheidung Österreichs, die von der Schweiz geborgten F-5 durch den "Eurofighter Typhoon" zu ersetzen, ist schwer nachvollziehbar. Vgl. de Ridder, Dirk Jan. Alpine Tigers face extinction, AirForces Monthly magazine, February 2011 issue, pp. 76–81. F-5 Operators, in World Air Power Journal, Vol. 25, 1996. Ted, Carlson. "One-Eleven Heaven" AirForces Monthly, Issue 283, October 2011, p. 48. https://www.diepresse.com/678578/bundesheer-sucht-ersatz-fur-saab-105; https://dl.cypc.fr/Documents/Aviation/General/World%20Air%20Forces%202018.pdf

https://www.reuters.com/article/us-russia-iran-missiles-idUSKCN12D0Z2; https://www.globalsecurity.org/military/world/iran/air-defense.htm; https://www.globalsecurity.org/military/world/iran/air-defense-equipment.htm

https://fas.org/man/dod-101/sys/smart/agm-88.htm

https://www.tagesspiegel.de/politik/flugzeugabsturz-nahe-teheran-ukraine-und-airline-zahlen-7500-euro-pro-familie/25422492.html

https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/ukraine/1359353/Ukraine-admits-it-shot-down-Russian-airliner.html; https://www.haaretz.com/1.4766339

https://web.archive.org/web/20070518142130/http://www.history.com/minisite.do?content_type=Minisite_Generic&content_type_id=1271&display_order=3&mini_id=1278

https://www.watson.de/unterhaltung/usa/474780494-markus-lanz-soleimani-wurde-laut-experten-aus-geschaeftlichem-interesse-ermordet