Religion auf dem Prüfstand?

Sonntag, 25. März 2018

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wo bin ich? Der Irrtum vom christlich geprägten Europa. Von Roland R.Ropers

"Die Religion lebt nur da, wo sie ihren ursprünglichen Quell und einzig richtigen Sitz hat: im tiefsten, heiligsten Innern des Individuums“ (Richard Wagner)

Wir leben in einer multi-kulturellen Gesellschaft, die für ein friedliches Zusammenleben neue Orientierungsgrundlagen und Wertvorstellungen erfordert. In der bayerischen Metropole München zum Beispiel, arbeiten und wohnen Menschen aus 180 Nationen – 15% der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund.

Von Roland R. Ropers, Sprach- & Kulturphilosoph, Kolumnist WORLD ECONOMY

Jeder Mensch auf dem Planeten Erde hat ein Recht auf seine religiöse Heimat, die in seinem Innersten verankert ist. Hierfür haben die Namen christlich, jüdisch, muslimisch, buddhistisch, hinduistisch u.v.m. keine Bedeutung, denn jeder ist jedem anderen gegenüber in seiner religiösen Wertigkeit absolut gleichzustellen. Die kulturell bedingte Glaubenszugehörigkeit hat damit gar nichts zu tun – die verschiedenen Konfessionen sind völlig bedeutungslos, wenn sie nicht die allen gleichwertige urreligiöse Quelle zu würdigen wissen.

Der frisch gewählte bayerische Ministerpräsident Markus Söder bekundete vor wenigen Tagen: „Deutschland ist christlich-abendländisch geprägt mit jüdisch-humanistischen Wurzeln“.

Man muss nur das ehemalige KZ Dachau vor den Toren Münchens besuchen, um festzustellen, dass Juden in Bayern Jahrhunderte lang ausgegrenzt und schließlich fast allesamt ermordet wurden. Auch die abendländische Wertegemeinschaft, die es heute angeblich zu verteidigen gilt, bestand in Europa vor allem darin, dass man sinnlose Kriege führte und sich auf allen Seiten im Namen Gottes umbrachte. Frankreichs Grenze zu Belgien und Deutschland wird vor allem durch Soldatenfriedhöfe und Schlachtfelder markiert.

Das Christentum mag durchaus einen Beitrag zur Nächstenliebe geleistet haben: Demokratie, Gleichberechtigung oder Trennung von Staat und Kirche sind aber keine Erfindungen des Vatikans. 

Im Gegenteil, sie mussten im 19. und 20. Jahrhundert erst blutig gegen den Widerstand von geistlichen und weltlichen Herrschern erkämpft werden. Selbst der Anfang des modernen Bayerns ist untrennbar mit dem Geist der Aufklärung, Säkularisation und der Staatsreform des Grafen Maximilian von Montgelas verbunden. Wenn es ein Erbe gibt, das Politiker nicht verraten sollen, dann das.

Vom sogenannten christlichen Abendland aber bleibt am Ende nichts anderes als ein völlig sinnentstellter Begriff, der immer dann wiederentdeckt wird, wenn andere ausgegrenzt werden sollen: Juden, Türken, Araber, Russen. Derzeit muss der Islam als Feindbild des Abendlands herhalten. Den mehr als 600.000 Muslimen in Bayern signalisiert die CSU damit: Ihr gehört nicht zu uns.

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wo bin ich?

Dies sind sehr existentielle Fragen für jeden Menschen unseres Planeten, die letztlich nur auf der tiefsten Ebene der innersten Erfahrung eine Antwort finden können. In unserer sehr krisenhaften Zeit müssen wir uns von überholten Glaubenssätzen verabschieden und nach einer vertrauenswürdigen Orientierung Ausschau halten.  

Das auf den Kirchenkanzeln gepredigte Gottesbild ist völlig sinn- und wertlos, weil mit metaphysischen Spekulationen Menschen narkotisiert und in die Irre geführt werden.

Täglich erleben wir an den Fernsehschirmen die gewaltigen Krisenherde auf dem Planeten Erde: Krieg, Zerstörung, Macht, Hass, Ungerechtigkeit, unsagbares Leid. 

Der Ruf nach Gottes Gerechtigkeit wird zurzeit überall vernommen. 

Die anmaßenden Forderungen des Menschen, Er möge helfen und eingreifen, können nicht erfüllt werden. Ex-Papst Benedikt XVI. stellte bei seinem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz am 26. Mai 2006 die unverschämte Frage: „Wo warst Du, Gott?“

Erneut wird das von Theologen bis heute ungelöste Problem der Theodizee (die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens der Menschen) diskutiert. Für die meisten Menschen ist der Widerspruch zwischen dem Glauben an Gott und dem Sinnverlust, der mit dem Leiden verbunden ist, nicht zu verstehen. Wie kann ein allmächtiger und gütiger Gott das Böse in der Welt zulassen, warum müssen wir leiden?

Bereits der griechische Philosoph Epikur (341–270 v. Chr.) hat sich verzweifelt mit dem göttlichen Paradoxon beschäftigt. Der deutsche Philosoph und Mathematiker Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) versuchte, das Böse, den freien Willen des Menschen und die Rechtfertigung der Schöpfung in Einklang zu bringen. Von ihm stammt der Begriff Theodizee

Wer auf dem mystisch-spirituellen Pfad Erfahrungen hat, weiß sehr genau, dass Gott weder eingreifen muss noch eingreifen kann, weil es den von den Menschen personalisierten Gott nicht geben kann; das Gleiche gilt für Allah.

Man kennt das klassische Beispiel aus den Kriegen der Vergangenheit: Waffen wurden sogar von Priestern gesegnet, und man betete für den Sieg über den vermeintlichen Feind. 

Und die Gegenseite tat das Gleiche. Gebete französischer katholischer Priester gegen die Gebete deutscher Priester u. a.. Welches dieser Gebete sollte Gott erhören? Er kann es nicht. Genau aber das möchten viele Menschen noch heute: Sie beanspruchen Gott für sich exklusiv und weisen anderen eine geringfügigere Teilhabe an der göttlichen Wirklichkeit zu.

Die Amerikaner sind stolz auf die plakative Beschriftung ihrer Dollarnoten: In God we trust. Und diese erbarmungswürdige Person „Gott“ wird ständig missbraucht, um jeden nur menschlich denkbaren Akt zu rechtfertigen. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bekannte öffentlich, dass Gott ihm eingegeben hätte, den Krieg im Irak zu führen. Kein Aufschrei gegen diesen Größenwahn eines Machtbesessenen! Wir lassen die Zerstörung des „göttlichen“ Paradieses auf Erden zu. Es hat mit unseren Gedanken zu tun.

Gebete werden gen Himmel geschickt wie nie zuvor und jeder erbettelt sich irgendeine Segnung von oben.

Wer in seiner tief-religiösen Heimat angekommen ist, muss nirgendwo mehr hin. Gott oder wie auch immer wir das Ur-Sein bezeichnen wollen (fons et origo, Quelle & Ursprung, Brahman, Nirvana, Tao u. a.), lädt uns ständig zur kostenlosen Heimkehr in unser eigenes inneres Zentrum ein. Die Distanzierung von der Peripherie der Sensationen, wo Kriege geführt werden und Wettbewerbskämpfe stattfinden, ist ein schmerzlicher Prozess. 

Bilder: @depositphotos

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