Norbert Baron van Handel: „POLITISCHES TELEGRAMM“

Dienstag, 18. Dezember 2018

Immer mehr fundierte Historiker, vor allem angloamerikanischer Prägung, präzisieren, wie sehr, vor allem England und Frankreich, noch lange vor 1914 einen Schlag gegen die Mittelmächte vorbereiteten.

Man erinnert sich an den letzten österreichischen Kanzler vor dem Anschluss an Deutschland, Kurt von Schuschnigg, der sinngemäß sagte: „Wir müssen jetzt die besseren Deutschen sein“ und dies als Gegenargument gegen die nationalistische Aggression ins Treffen führte.

POLITISCHES TELEGRAMM

Von Dr. Norbert van Handel

Immer mehr fundierte Historiker, vor allem angloamerikanischer Prägung, präzisieren, wie sehr, vor allem England und Frankreich, noch lange vor 1914 einen Schlag gegen die Mittelmächte vorbereiteten.

Besonders wertvoll ist dabei ein kleines Buch „Europas Verhängnis“, von Wolfgang Effenberger, der minutiös und detailliert aufzeigt, wiesehr und in welcher Form militärisch und politisch vor allem gegen Deutschland aufmunitioniert wurde. Fast naiv erkannten dies die Mittelmächte nicht. Sie waren zwar bestrebt selbst stärker zu werden, ohne aber die Stärke der anderen zu bekämpfen. die MittelmächteRussland ist dabei insofern ein Sonderfall, als es innen morsch geworden war.
Es begann mit dem so genannten Blutsonntag 1905, an dem 170 Menschen, die sich friedlich dem Winterpalast näherten und dem Zar (der im Übrigen nicht anwesend war) eine Bittschrift übergeben wollten. Die Wachmannschaft schoss in die Menge, die Katastrophe war da und die Bestürzung über dieses Ereignis förderte die Gedanken an eine Revolution.
Der verlorene russisch-japanische Krieg und die Schwäche des Systems waren letztendlich ausschlaggebend, dass Russland sich der Entente anschloss. Freilich gab es am Balkan Probleme und es bestand eine Art Schutzherrschaft der Russen über Serbien, jedoch wurde laufend darüber diplomatisch konferiert.
Um die Situation nicht zu verschärfen, griffen dabei weder Österreich noch Russland in die Balkankriege 1912 und 1913 ein.
Niemand wollte wirklich einen Krieg.
England und vor allem Frankreich, letzteres vor allem auch durch wirtschaftliche Unterstützungen, waren bemüht Russland als Alliierte zu bekommen, was letztendlich auch geschah. Der Ausgang des ersten Weltkriegs war erschütternd und destabilisierte Europa und die Welt für die nächsten Dezennien.
Deutschland wurde mit Gebietsabtretungen und bisher nie gekannten Reparationszahlungen belastet. Österreich-Ungarn - und das war eine noch größere Katastrophe, wurde zur Gänze zerstört und damit die sensibel ausbalancierte Mitte Europas ruiniert. 

Der zweite Weltkrieg, also der zweite Teil des 30jährigen europäischen Krieges, war die logische Folge der Pariser Vorortverträge, die erstmalig in der bekannten Geschichte die Besiegten vernichten wollten, statt sie in ein neues konstruktives Bündnis, wie etwa beim Wiener Kongress, friedensstiftend einzubauen.
Dass ohne das Eingreifen der USA die Mittelmächte nicht verloren hätten, ist inzwischen state of the art. Die Friedensbemühungen, vor allem Kaiser Karls I. und Papst Benedicts XV., zeigten keine Wirkung. Die 14 Punkte des Präsidenten Wilson, wie ernst oder unernst sie auch gemeint gewesen sein mögen, wurden nicht umgesetzt. Weder in Deutschland, noch in Österreich wurde etwa über die Staatsform abgestimmt.WWII

Keine einzige der neu entstehenden kleinen Nationalstaaten ließ die Bevölkerung darüber entscheiden, ob sie aus der österreichisch-ungarischen Monarchie austreten wollten oder nicht.
Es war vor allem für die Sozialdemokraten, die im Übrigen begeistert in den ersten Weltkrieg eingetreten waren, ein Leichtes, sich sowohl in Berlin, als auch in Wien auf die Zurufe des verarmten, enttäuschten Proletariats, dessen Gegenwart keine Zukunft zu haben schien, zu verlassen.
Ohne jede demokratische Legitimation wurden die Republiken in Berlin und Wien ausgerufen. Man konnte sich darauf verlassen, dass das vom Krieg geplagte und ausgezehrte Volk weniger Interesse an Staatsformen, Bündnissen oder anderen politischen Gemengelagen hatte, sondern einfach überleben wollte.

Der Nationalsozialismus in Deutschland und der Ständestaat in Österreich und darüber hinaus die fast ganz Mittel-, Süd-, West- und Osteuropa erfassenden faschistoiden Regierungsformen waren logische Folgen der Fehler der Verträge von Versailles, Saint-Germain und Trianon. 1945 war Deutschland zerstört, aber der Geist, der Fleiß, der Patriotismus seiner Bevölkerung war so groß, dass nach dem so genannten Wirtschaftswunder Deutschland sich wieder zum wirtschaftlich stärksten Staat Europas entwickeln konnte. Und wieder waren es die USA, England und Frankreich, die nicht die Selbstständigkeit Deutschlands, sondern die Unterwerfung des Landes unter die jeweiligen Doktrinen sicherstellten. Einerseits brauchte man einen Pufferstaat gegen die Sowjets, andererseits wollte man die hervorragende Wirtschafts- und Finanzsituation nicht den Deutschen allein gönnen, sondern selbst daran partizipieren. WWII

Man gewährte zwar die Deutsche Einheit, nahm sich aber dafür die DM, tauschte sie gegen den Euro um und nutzte letzteren weniger zur Stabilisierung des Währungssystems, als mehr zur Finanzierung von failed states mit schwer durchschaubaren Methoden und letztendlich zu Lasten Deutschlands.
Nun war aber folgendes geschehen und geschieht weiter:
Das reiche, noble, egoistische, elegante, sehr zivilisierte Großbritannien geriet dramatisch in die Krise:
- die Kolonien waren weg,
- die Industrie veraltet,
- lediglich eine formidable Finanzindustrie wusste die britischen Interessen geschickt zu lenken.
Dann kam der Brexit: und Großbritannien zeigt sich vor allem als chaotischer Staat, der nicht wirklich weiß, was er will und dessen Position im Rahmen der EU immer schwächer wird.
Sogar im Vereinigten Königreich selbst entstanden Haarrisse zwischen Schottland und England, Nordirland und England, die letztendlich die Substanz des Vereinigten Königreichs selbst gefährden.
Ein Gegner von 1914 war also schwach geworden. 

Ähnlich sieht es in Frankreich aus:
Ein hochgejubelter junger Mann, dem die Würde des Präsidenten zu Kopf gestiegen ist, verlor jede Nähe zu seinem Volk, sofern er eine solche je gehabt hatte. Ähnlichkeiten mit der französischen Revolution sind nicht von der Hand zu weisen: Ludwig XVI und Marie Antoinette waren weder böse, noch volksfeindlich, sie verstanden einfach nicht die Nöte der Bevölkerung und ihre Distanz zu den Menschen ihres Reiches war einfach zu groß.
Emmanuel Macron nun ist ein Bankmanager mit unsicheren Idealen, der gescheitert ist und der verzweifelt versucht sein Land, das im Aufruhr ist, zu beschwichtigen. Ein weiterer früherer Gegner der Mittelmächte steckt also in der Krise.Macron Bezogen auf 1914 erkennen wir nun, dass die permanenten Gegner der alten Monarchien, England und Frankreich, politisch schwach geworden sind. Nicht aber militärisch, denn von Zeit zu Zeit folgen sie früheren Großmachtsträumen und schicken sinnlos Raketen, Panzer und Soldaten in jedes Land, das ihnen von den Amerikanern zugewiesen wird.
Dumm, völkerrechtswidrig und ressourcenzerstörend.
Der schlaueste Gegner von vor 100 Jahren waren die USA. In ganz anderer Form als England früher, verleibten sie sich die Interessen großer Teile des britischen Empires ein, verhielten sich beim Aufstieg Hitlers ruhig und stiegen erst dann in den zweiten Weltkrieg ein, nachdem – wie auch im ersten Weltkrieg – andere die Drecksarbeit erledigt hatten.
Dann war man Supermacht, war stolz 1989 die Sowjetunion besiegt zu haben und verwöhnte die ganze Welt mit dem „American way of life“, der politisch im Wesentlichen darin bestand, Länder anzugreifen, die wirtschaftlich für Amerika interessant waren. Der scheinheilige Vorwand war immer, anderen Ländern den Segen der amerikanischen Demokratie zu bringen.
Dies ging solange, bis Trump kam, der drei kaum kompatible Eigenschaften hat:
- Rückkehr zur Monroe-Doktrin, Amerika den Amerikanern,
- dennoch und das ist kontraproduktiv, Beherrschung der Welt durch das größte und beste Waffenarsenal,
- völlige Unberechenbarkeit. Folgt man dieser Analyse, so hätte Deutschland nun im Verband der EU eine so gute Position, wie nie mehr seit 1918. Deutschland aber nützt sie nicht und das ist die eigentliche Katastrophe.
Würdige Gedenken an den Holocaust an entsprechenden Orten und Tagen, werden ersetzt durch eine kaum mehr erträgliche Schuldkultur, die inzwischen zur DNA des Volkes wurde: Deutschland ist schlecht, die Deutschen sind an allem Bösen schuld, auch die vierte Generation nach dem Holocaust und alle weiteren Generationen haben dafür zu büßen!
Die ewige Schuldkultur hat die Seele des Landes zerstört und die deutsche Politik ist selbst schuld daran.
Noch von Adenauer bis Kohl war die Wiedervereinigung und damit auch die Stärke Deutschlands Staatsziel.
Seit der unseligen Regierung von Angela Merkel wurde die staatstragende Partei CDU als wertkonservative Gruppe zerstört und statt ihr das Ziel einer Multikulturalisierung verfolgt.

Österreich wurde zu einer wirtschaftlich und politisch relativ gefestigten Republik, deren Aufgabe es jetzt sein muss bei jenen Ländern, mit denen es Jahrhunderte lang verbunden war, Verständnis dafür zu finden, dass eine gemeinsame mitteleuropäische Liga in der EU gegründet wird, die die Interessen eines christlich-abendländischen Europas neu definiert und nach Kräften durchsetzt.
Man erinnert sich an den letzten österreichischen Kanzler vor dem Anschluss an Deutschland, Kurt von Schuschnigg, der sinngemäß sagte: „Wir müssen jetzt die besseren Deutschen sein“ und dies als Gegenargument gegen die nationalistische Aggression ins Treffen führte.

Tags: England, Frankreich, Mittelmächte, Österreich, Deutschland, World Economy, Norbert van Handel

Bilder: @worldeconomy @depositphotos

Die Meinung des Autors/Ansprechpartners kann von der Meinung der Redaktion abweichen. Grundgesetz Artikel 5 Absatz 1 und 3 (1) „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“Am 25. Mai 2018 tritt die neue EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft. World Economy S.L. aktualisiert in diesem Zuge seine Datenschutzbestimmungen. Gerne möchten wir Sie weiterhin mit unserem Newsletter an Ihre E-Mail-Adresse informieren. Sie haben jederzeit das Recht, der weiteren Nutzung Ihrer personenbezogenen Daten für die Zukunft zu widersprechen.