Moosbeeren-Suche in Russisch-Fernost

Montag, 10. September 2018

Während man in den Vereinigten Staaten von „Russland als Regionalmacht“ faselte, kam dieses Land in erstaunlicher Weise auf die Beine

Um Moosbeeren in der Taiga zu suchen, dürfte der Aufwand etwas zu hoch ausfallen. Wenn man genauer hinsieht, was die russischen und chinesischen Streitkräfte im Manövergebiet von Sibirien und Russisch-Fernost ab dem 11. September 2018 unter Beweis stellen wollen, kommt allerdings eine neue Qualität in den globalen Beziehungen auf uns zu.Da ist zunächst einmal das Datum für das Manövergeschehen, das die Welt so noch nicht gesehen haben dürfte. Langjährige Kenner Russlands und der russischen Streitkräfte verweisen darauf, daß Großereignisse dieser militärischen Art nicht ohne Bedacht gewählt werden was den Zeitpunkt anbetrifft.. So dürfte auch bei diesem Großmanöver der 11. September kein Zufall sein. Alleine schon deshalb, weil nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York der Zeitraum begann, an dem unter den Präsidenten George W. Bush und Barak Obama die global ausgreifende Phase der amerikanischen Politik mit der „Neuen Weltordnung“ begann. Zwar wurde diese Politik-Linie schon von Präsidenten-Vater Bush sen. ausgerufen, aber für die Umsetzung mußte über den ordinären Angriffskrieg gegen Jugoslawien erst die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gültige Charta der Vereinten Nationen ausgehebelt werden. Damit konnten die USA mit ihrem Rattenschwanz an Verbündeten daran gehen, den Absprache-widrigen Aufmarsch gegen die Westgrenze der Russischen Föderation aufzunehmen und zum heutigen Abschluss zu führen. 

Die amerikanischen Folgekriege vor allem gegen Afghanistan, den Irak, Libyen und Syrien waren die unmittelbare zeitliche Abfolge vom 11. September 2001. Es war wie immer seit 1898 und der Explosion des amerikanischen Kriegsschiffes „Maine“ im damals noch spanischen Hafen Havanna auf Kuba. Ein zündendes Ereignis wurde dazu benutzt zum nächsten Krieg im amerikanischen Interesse zu blasen, wie die Welt es seit diesem Zeitpunkt immer wieder erleben durfte. Während man in den Vereinigten Staaten von „Russland als Regionalmacht“ faselte, kam dieses Land, dem man noch unter Jelzin glaubte, jede Erinnerung an ein eigenes staatliches Rückgrat mittels des Harvard-Professors Sachs austreiben zu können, in erstaunlicher Weise auf die Beine. Schon der zweite Kaukasus-Krieg in Tschetschenien zeigt um die Jahrtausend-Wende der Welt, daß über Taliban-Kämpfer in diesem Gebiet die Vereinigten Staaten und ihre Gefolgschaft daran gingen, sich über den sogenannten „weichen Unterleib Russlands“ daran zu machen, Moskau die Marschrichtung für den staatlichen Umbau des Riesenreiches aufzuzeigen.

Während sich die Vereinigten Staaten sich nicht darum scherten welche Konsequenzen die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse der Welt zur Verhinderung von Kriegen mittels der Charta der Vereinten Nationen aufgegeben hatten, stellte sich Russland ostentativ und mit beachtlichem Aufwand an die Seite der legitimen syrischen Regierung in dem Krieg, der dieses Land seit 2011 heimsucht. Die militärischen Auseinandersetzungen in der Großregion Irak und Syrien und die tausenden toten amerikanischen Soldaten sind einer der Gründe warum es heute in den Vereinigten Staaten einen Präsidenten Donald Trump überhaupt gibt. Es ist gerade mit Syrien und dem Irak als einer der Wiegen unserer Zivilisation das Gebiet, in dem den amerikanischen Treibern der „Neuen Weltordnung jenseits der Charta der Vereinten Nationen“ über den russischen Militäreinsatz das Signal zum „Stop“ gegeben werden sollte und wohl auch ist. Kein Wunder daß in Washington die Krieg selbst im Rosengarten des Weißen Hauses zwischen denen ausgetragen wird, die sich der seit 2001 eingenommen Rolle mit der Zielansprache der Weltherrschaft verschrieben haben und einem Präsidenten mit dem Willen zur existenzsichernden „Frontbegradigung“. 

Das jetzt in diesen Tagen in Sibirien und Russisch-Fernost ablaufende Manöver ist dabei von einem nicht zu unterschätzenden Signalcharakter. Die mögliche Veränderung des weltpolitischen Diapositivs, die derzeit in der Großregion Syrien abläuft sollte niemanden in Washington oder Stuttgart „auf dumme Gedanken bringen“. In der Manöveranlage selbst muß man sich nicht an die amerikanische Gefolgschaft in Europa richten. Dafür ist das Manöver-Gebiet weit genug weg von Europa  selbst für russische Verhältnisse, wenn man an die Trennlinie des Ural-Gebietes denkt. Alleine schon der Hinweis auf ein Manöver-Geschehen 1981 mit dem Manöver: “Zapad 81“ ist für Europäer Signal genug. Ein zufällig im Manövergebiet anwesender Offizier der deutschen Bundeswehr deckte die Stoßrichtung dieses Truppenaufmarsches, an dem während einer Manöver-Vorphase tschechoslowakische und ostdeutsche Panzerdivisionen beteiligt waren auf. Polen sollte aus dem Manövergeschehen heraus über einen Truppenaufmarsch ohne Verbündete in seiner staatlichen Existenz dran glauben und wie der russische Verteidigungsminister Shoigu zum jetzt stattfindenden Manöver sagte: die NATO auch. 

Wenn es um die Verteidigung Russlands geht, sind nach Moskauer Ansicht starke Signale angebracht. Vor allem deshalb, weil seit dem alliierten Aufmarsch gegen die russische Westgrenze nach der deutschen Wiedervereinigung, rund 400 amerikanischen Stützpunkten an den russischen Grenzen zwischen Estland und der Beringstraße im Pazifik  den immer schärferen Sanktionen und dem Washingtoner Konfliktgehabe Moskau droht, über die Klippe gestürzt zu werden. Zweifellos hatte man sich das in Moskau anders vorgestellt als man die Grundlagen für das „gemeinsame Haus Europa“ schuf. Zudem ist das jetzige Manövergebiet historisch aus einem kriegerischen Konflikt mit den Vereinigten Staaten vor genau hundert Jahren im sprichwörtlichen Sinne belastet. Dort landeten 1918 amerikanische und verbündete Streitkräfte, die in den Bürgerkrieg in Russland eingriffen. An was man alles so denken muß, zeigte sich Stunden vor dem Einmarsch der Wehrmacht bei Kriegsbeginn gegen die Sowjetunion, als ein großer britischer Bomberverband die sowjetische Schwarzmeer-Flotte in Sewastopol angriff, wie aus der Riege der russischen Historiker angemerkt wird.Im Film „Casablanca“ fiel der schöne Begriff von den „üblichen Verdächtigen“, der nach Skripal und den Salisbury-tales wieder angebracht zu sein scheint. 

Die Europäer werden das mit dem Manöver gegebene Signal verstehen. Werden das auch die verstehen die sich die Manöveranlage genauer ansehen sollten? Schon die Betrachtung der Lage vor Ort macht deutlich, daß das von diesem Manöver ausgehende Signal an der pazifischen Gegenküste- den Vereinigten Staaten -nämlich aufgefangen werden soll. Wer sich einmal auf dem Flughafen der Amur-Metropole Chabarowsk mit ihren alten deutschen Handelsstraßen aufhalten konnte der sieht an den Fluggesellschaften, daß man sich in Asien befindet. Alaska ist nah und damit Festland -Kanada und die Vereinigten Staaten. Und man steht nicht alleine. In dem Gebiet das nach 1990 Ziel einer chinesischen Migration von Millionen Menschen wurde, übt die chinesische Volksbefreiungsarmee mit. Beim letzten Besuch von Henry Kissinger in Moskau wurde gemutmaßt, daß sein Besuch dem Ziel galt, Moskau gegen Beijing auszuspielen. Das ist jetzt die gemeinsame Antwort. 

Man wird sehen müssen, ob die militärischen Beobachter dieses Großmanövers in der Lage sind, aus der Ferne eine wenigstens annähernde Beurteilung dieses Manövers vornehmen zu können? Der Zustand der westlichen Diplomatie läßt jeden zurückschrecken, auch nur entfernt an diese Frage zu denken.

Willy Wimmer,  Staatssekretär des Bundesministers der Verteidigung a.D., 9. 9. 2018

Bilder: @depositphotos

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