(K)ein neues Trauerspiel von Afghanistan?

Freitag, 3. Juni 2016

Waren das Engagement und die Opfer die von vielen westlichen Staaten, aber noch mehr von den Afghanen selbst gebracht wurden vergebens?

Blaue Moschee von Mazari sharif / @depositphotos

Gabriel Burho, Islamwissenschaftler, Autor 

Das Jahr 2015 zeigte der Welt ein Afghanistan, das auch 15 Jahre nach der  internationalen Intervention nicht in der Lage ist seinen Bürgern in allen Landesteilen Sicherheit und politische Stabilität zu garantieren.

Neben den Taliban hat das Terrorkalifat des IS ebenfalls ein Wilayat (arab.: Provinz) mit dem Namen Khorasan im Süden des Landes errichtet, welches in erster Linie aus Überläufern aus den Reihen enttäuschter Talibankämpfern entstand. Auch der damit gestiegene Konkurrenzdruck mag einer der Gründe für die überraschend schlagkräftige Kampagne der Taliban in 2015 gewesen sein.

Die Intensivierung der Kämpfe spiegelt sich auch in den deutlich gestiegenen Verlustzahlen der afghanischen Sicherheitskräfte wieder, welche in 2015 um 70% höher lagen als im Vorjahr. 

Die Armee leidet unter Problemen die weitaus umfänglicher sind als ein schlichter Mangel an Ausbildung: In erster Linie fehlt es an geeigneten Rekruten (die Desertionsraten sind in einigen Einheiten bei fast 50%) und vor allem die weit verbreitete Korruption macht es der Armeeführung nahezu unmöglich genau zu wissen wie viel Kampfkraft und Personalstärkte tatsächlich vorhanden ist. Häufig werden desertierte Soldaten oder Polizisten weiter auf den Lohnlisten geführt bzw. gänzlich erfunden. Darüberhinaus ist es nicht unüblich getötete Soldaten weiter zu führen, um den Familien den Sold zukommen zu lassen. 

Dies, zusammen mit den propagandistisch gut zu verwertenden „Erfolgen“ der Aufständischen birgt das Risiko das sich immer mehr Milizkommandeure und Bürger von der Regierung abwenden.

Fest steht ebenfalls, dass ISIS mit der Eröffnung der afghanischen Filiale den Kampf auch am Geburtsort seines Erzrivalen al-Qaida führt. Die ausufernde Gewalt, mit der die Kämpfer des Islamischen Staates bisher mediale Präsenz gewonnen haben, könnte also auch nach Afghanistan exportiert werden. Noch schlimmer wäre ein Wettstreit zwischen ISIS und Taliban darum, wer der bessere (und erfolgreichere) Glaubenskrieger ist und die medienwirksameren Bilder erzeugen kann. Mit den anhaltenden militärischen Verlusten in ihrem Kerngebiet in Syrien und dem Irak ist davon auszugehen das ISIS versuchen wird andere sichere Häfen zu finden, von denen aus, nach einer möglichen Niederlage im Nahen Osten, das Kalifat weiter geführt werden kann. Infrage kommen hier vor allem Libyen und Afghanistan. Vor diesem Hintergrund mag die Tötung Mullah Mansurs zu einem Pyrrhussieg werden, welche noch radikaleren und gefährlicheren Feinden zum aufstieg verhilft.

Also doch ein erneutes Trauerspiel von Afghanistan? Waren das Engagement und die Opfer die von vielen westlichen Staaten, aber noch mehr von den Afghanen selbst gebracht wurden vergebens? Wie alles in diesem Land ist auch diese Frage nicht mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten. 

15 Jahre internationales Engagement haben das Land grundlegend verändert. Eine ganze Generation ist im Kontakt mit westlichen Werten und dem Zugang zu einer globalisierten Welt herangewachsen. Einige fühlen sich von dieser Welt abgestoßen, für viele hat sie eine große Anziehungskraft. 

Davon zu sprechen das Afghanistan demokratisch sei ginge zu weit, aber es hat einen, zumindest formell, demokratischen Regierungswechsel gegeben und die Wahlbeteiligung der Bürger hat gezeigt das Ihnen das Recht zu wählen wichtig ist. 

Trotz vieler Initiativen liegt die afghanische Wirtschaft am Boden, was nicht zuletzt daran liegt das die afghanische Währung durch die Bindung an den Dollar unrealistisch stabil ist und Importe, vor allem aus Pakistan, günstiger sind als eine einheimische Produktion. Hier wird eine der Herausforderungen der Regierung Ghani liegen.

Die größte Herausforderung indes dürfte der Spagat zwischen einer rechtsstaatlichen Reform und der Einbindung derjenigen Kräfte sein welche die Regierung benötigt um ein Mindestmaß an Sicherheit für ihre Bürger gewährleisten zu können. 

Rückblickend muss man sagen, dass der Wunsch der Petersberg Konferenz von 2001, aus Afghanistan in 10 Jahren eine moderne Demokratie zu machen, zu optimistisch war. Momentan befindet sich das Land an einem Scheideweg und es ist wichtig, dass der Westen, nun seine Unterstützung nicht abrupt beendet und Afghanistan verloren gibt. Das ist bereits 1992, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, geschehen. Afghanistan wird auch mittelfristig auf ausländische Unterstützung angewiesen sein. Dies ist nach 15 Jahren Engagement möglichweise ernüchternd, die Alternative wäre jedoch – gerade vor dem Hintergrund eines möglichen neuen Terrorkalifats am Hindukush – weitaus schlimmer.

Info: Gabriel Burho ist Islamwissenschaftler, Autor und freier Journalist mit dem Schwerpunkt Politik des Nahen und Mittleren Ostens.

 

Bilder: @depositphotos

 

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